|
"Ich habe neulich
den dümmsten aller Filme gesehen. Ich glaube nicht, dass es möglich
ist, einen noch dümmeren zu machen. Er heißt Metropolis,
kommt von den großen Ufa-Ateliers in Deutschland, und dem Publikum
wird bekannt gegeben, dass seine Herstellung ein enormes Geld gekostet
hat." So das Verdikt des bekannten englischen Schriftstellers und
Kritikers H.G. Wells. Unter anderem beanstandete Wells logische Unstimmigkeiten
wie die gotische Kathedrale inmitten einer futuristischen Wolkenkratzerstadt.
Das Problem an Wells Bewertung - und sie wurde von den meisten deutschen
Rezensenten unreflektiert übernommen - ist, dass sie die zeitgeschichtlichen
und geistigen Grundlagen, auf denen Fritz Langs umstrittenes Meisterwerk
beruht, außer Acht lässt.
Metropolis besteht aus einer Ober- und einer Unterstadt. Während
oben die jeunesse dorée ein süßes Leben des Überflusses
genießt, bedienen unten, ohne je das Tageslicht zu erblicken, die
Arbeiter die Maschinen, die die Stadt in Gang halten. Herr über Menschen
und Maschinen, das Hirn von Metropolis, ist Fredersen. Seine Gegenspielerin
ist Maria, die Heilige der Unterdrückten. Sie predigt den Arbeitern
eine gewaltlose Revolution der Liebe. Mitgefühl für die geknechteten
Arbeiter und die Liebe zu Maria treiben Freder, Sohn des Herrschers von
Metropolis in die Katakomben der Unterwelt. Durch einen Spion informiert,
sucht Fredersen den teuflisch-genialen Erfinder Rotwang auf. Rotwang erschafft
einen künstlichen Menschen, dem er die Gestalt Marias gibt und der
die Massen aufwiegelt. Die Arbeiter stürmen die Maschinen und bringen
sich dadurch in akute Lebensgefahr - es droht eine sintflutartige Überschwemmung.
ln letzter Minute können Freder und die echte Maria die Katastrophe
verhindern. Am Schluss steht ein Happy-End: Fredersen, der um das Leben
seines Sohnes gebangt hat, gibt dem Arbeiterführer vor dem Portal
der gotischen Kathedrale die Hand. Das Paar Freder und Maria, Mittler
zwischen den sozialen Klassen, stiften eine neue brüderliche Gemeinschaft.
"Mittler zwischen Hirn (Fredersen) und Händen (Arbeiter) muss
das Herz (Freder und Maria) sein."

Zum einen verarbeitet Metropolis zeittypische Erfahrungen des frühen
20. Jahrhunderts: Massengesellschaft, die Großstadt in ihrer Ambivalenz,
Entfremdung von der Arbeit, das Verhältnis von Mensch und Maschine,
Klassengesellschaft. Zum anderen hebt sich der Film deutlich ab vom phantastischen
Film der Stummfilmzeit und begründet in Deutschland ein neues Genre:
den Science Fiction. Die damals neuartigen Elemente gehören heute
zu den gängigen Mustern der Gattung. Erstmals wird in Metropolis
das nach seinem Erfinder benannte Schüfftan-Verfahren angewandt:
Trickaufnahmen, bei denen die Einspiegelung winziger Modelle von Wolkenkratzern
und Straßenkonstruktionen die Illusion riesiger Bauten bewirkt.
Auch finanziell sprengte Langs ambitioniertes Werk jeden Rahmen: während
der zweijährigen Produktionszeit stiegen die Kosten von den vorgesehenen
zwei Millionen auf fünf Millionen Mark, die abgedrehten Filmmeter
erreichten die astronomische Zahl von 620 000.
Wie sein Kollege Walter Ruttmann ist Lang fasziniert von der Vitalität
der Großstadt und der Maschinen und von den Möglichkeiten des
Mediums Film, durch rhythmische Abfolgen von Rädern und Kolben, durch
Lichtreflexe auf Metall Bewegung und Dynamik zu intensivieren. Auch die
Personengruppen ordnet Lang in geometrischen Formen an: Als sich die Arbeiter
vor der drohenden Überschwemmung retten wollen, sind die einzelnen
Gruppen in ein harmonisches Muster zueinander gesetzt. Sein Film will
jedoch keine reine Sinfonie der Großstadt sein, sondern zugleich
eine Sozialutopie liefern. Gemäß den sozialreformerischen Ideen
von Gustav Landauer, Kurt Hiller oder der literarischen Aktivisten ist
dies keine marxistische Revolution des Proletariat sondern ein Modell
der Versöhnung. Qua Analogie entsprechen hierbei die sozialen Klassen
Bereichen im einzelnen Individuum (Herz, Hand, Hirn), das als mit und
in sich selbst versöhnte Person Garant für die neue Ordnung
wäre. Die stellt sich dann, ohne Tarifverhandlungen, von selbst ein.

In der so genannten
"Expressionismusdebatte" wurde lange und heftig von Bert Brecht,
Georg Lucäcs und anderen darüber gestritten, ob der Expressionismus
zwangsläufig in den Faschismus führe. Dabei wurden unzulässigerweise
poetische oder filmische Verfahren wie zum Beispiel die Montage an ideologische
Gehalte geknüpft. Auch Metropolis wurde der Vorwurf gemacht,
er nehme Hitlers "Arbeitsfront"-Gedanken vorweg. Sozialreformerische
Ideen von der Möglichkeit einer friedlichen Aussöhnung zwischen
den Klassen müssen jedoch - mögen sie auch teilweise naiv gewesen
sein - nicht zwangsläufig in eine braune Ideologie münden. Dass
Hitler den Gedanken von der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit für
seine Zwecke missbrauchte und Lang nach der Machtergreifung die Übernahme
des deutschen Filmwesens angetragen wurde, sollte nicht dem Regisseur
angelastet werden. Reichspropagandaminister Goebbels zeigte sich auch
von Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin begeistert.
|