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Synopse
Ein Aufseher nähert sich einem Gefängnis. Sein Blick fällt
auf einen Blumenstrauß, der von einem vergitterten Fenster zum nächsten
geschwungen wird, ohne daß er vom Arm des Empfängers gegriffen
werden kann. Das Interesse des Aufsehers ist geweckt: er beginnt die einzelnen
Gefangenen in ihren Zellen durch den Türspion zu beobachten, was
den Voyeur sichtlich erregt. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem stummen
Dialog eines aufgewühlten Gefangenen mit seinem offenbar desinteressierten
Zellennachbar durch eine Wand hindurch. Diese Wand selbst wird zum Objekt
der Begierde, geküsst, geschlagen, durchbohrt. Die beiden Männer
tauschen Zigarettenrauch über einen Strohhalm durch ein kleines Loch
in der Wand aus. Dies wiederum beflügelt die Phantasie des Aufsehers.
Er betritt schließlich die Zelle des älteren Gefangenen und
mißhandelt diesen frustriert. Der Insasse flüchtet sich in
eine romantische Phantasie, in der er sich seinem Zellengenossen in der
freien Natur hingibt. Als der Aufseher schließlich das Gefängnis
wieder verläßt, sieht er nicht, wie der schwingende Blumenstrauß
schließlich gefangen wird.
Un Chant D'Amour
gilt als Meilenstein schwuler Filmkunst und Ästhetik. Genets einziger
Film beruht auf seinem Mauskript Notre-Dame-des-Fleurs, das er während
eines langjährigen Gefängnisaufenthalts schrieb. Immer wieder
fängt die Kamera Fragmente der männlichen Körper in Großaufnahmen
ein. Genet fetischisiert seine Protagonisten: Arme, Hände, Gesichter,
Oberkörper werden in weichem Licht inszeniert. Diese Aufnahmen stehen
in hartem Kontrast zur brutalen und freudlosen Welt des Gefängnisses,
so daß sich der narzisstische Selbstbezug der Insassen in einem
stummen "Lied der Liebe" mit Bildern von Einsamkeit, Frustration
und Verlangen verbindet. Enge und Weite, Strenge und Verspieltheit mischen
sich in diesem Filmgedicht mit dem sadistischen Voyeurismus des Aufsehers
(und des Publikums), und erzeugen so eine Spannung aus Tod, Macht und
Leidenschaft.
Genets Bilder sind zugleich äußerst dinglich und äußerst
symbolisch. Ihre Intensität geht aber nicht so sehr vom Symbolischen,
vom Mit-Gemeinten aus, als vielmehr vom Dinglichen: von den Wänden,
der Haut, den Bartstoppeln, den wollenen Pullovern. Dazwischen gibt es
Träume unter blühenden Bäumen, hängende Blumengebinde,
sehnsuchtsvoll greifende Hände, Symbolismen, die im Film gewöhnlich
dann kommen, wenn der Filmemacher nicht mehr weiterweiß, wenn er
sich flüchten muß in Vieldeutigkeit.
In Genets Film aber steht das alles in einem Zusammenhang, der die übliche
Verwendung zerschlägt, der Symbol und Traum als das darstellt, was
es ist: Flucht aus der Erniedrigung. Erotische Verhältnisse sind,
wie immer bei Genet, Machtverhältnisse. Im Glück zeigt sich
die Überlegenheit des Stärkeren darin, daß er den Geliebten
trägt (wie in der Traumsequenz). Im Unglück in der vergeblichen-verklemmten
Liebe träumt der Aufseher davon, daß der Gefangene sein Machtsymbol,
seinen Ersatz-Penis, in den Mund nimmt: die Pistole. Genet zeigt die Unterdrückung
und die nutzlosen, lächelnden Ausflüchte in den Traum. Er zeigt,
was Gefangenschaft ist.
Zur Musik
Der Film Un Chant d'Amour von Jean Genet ist 1950 entstanden, zu
einer Zeit also, in der man in der Regel keine Stummfilme mehr produzierte.
Genet wollte ihn ohne Musik haben. Für András
Hamary, Pianist, Komponist und Dirigent aus Budapest, ist das ein
Gebot, etwas von der Gespanntheit der Stille, die diesen Film bisher umgab,
zu wahren. Auch der Titel verpflichtet: der Gesang zweier Instrumente,
die sich kaum je richtig werden vereinigen können, ein Gesang verhinderter
Liebe in einem feindlichen Umfeld.
Die Musik geht oft ihre eigenen Wege und trennt sich von der Leinwand.
Immer jedoch speist sie sich aus Zärtlichkeit und aus Gewalt, durch
die sich Sexualität in diesem Film manifestiert. (Auftragskomposition
der StummFilmMusikTage Erlangen)
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