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Inhalt
Dr. Schön (Fritz Kortner), ein mächtiger Zeitungsbesitzer, erliegt
dem erotischen Bann des Blumenmädchens Lulu (Louise Brooks). Durch
einen Skandal zur Heirat gezwungen, initiiert Schön noch in der Hochzeitsnacht
ein Handgemenge mit seiner jungen Frau, in deren Verlauf sich ein Schuss
löst. Schön stirbt und Lulu wird verhaftet. Schöns Sohn
Alwa (Franz Lederer) und die Gräfin Geschwitz (Alice Roberts), die
ihr ebenfalls verfallen sind, befreien Lulu während des Prozesses
und fliehen mit ihr und ihrem proletarischen 'Mentor', Schigolch (Carl
Goetz), ins Ausland. Auf der Flucht geht das Geld langsam zur Neige und
Lulu muss sich schließlich in London als Prostituierte verdingen.
Dort treibt gerade Jack the Ripper (Gustav Diessl) sein Unwesen - eine
fatale Begegnung...
Lulu
1894 veröffentlicht Frank Wedekind den ersten Teil seiner Lulu-Tragödie,
Der Erdgeist. 1902 folgt mit Die Büchse der Pandora
der zweite und letzte Teil, der nach langem Prozeß schließlich
verboten wird. Erst 1913 werden beide Stücke unter dem Titel Lulu
zusammengeführt. Wedekind erzählt dort die Geschichte um "das
wahre Tier, das wilde, schöne Tier". Gemeint ist eine junge,
unreflektierte und im Grunde unschuldige Frau, die triebhaft an ihrer
eigenen Natur zugrunde geht und dabei ihr Umfeld mit ins Verderben stürzt.
Bereits 1917 wird der skandalträchtige Stoff unter dem Titel Lulu
von Alexander von Antalffy verfilmt, eine zweite Version folgt 1923 mit
Asta Nielsen (Der Erdgeist, Regie: Leopold Jessner). Doch erst
Georg Wilhelm Pabst macht aus dem umstrittenen
Bühnenstoff ein Meisterwerk der Filmgeschichte. Nach der Premiere
der Büchse der Pandora am 9. Februar 1929 im Gloria Palast
in Berlin ist das Echo zunächst geteilt. Während manche KritikerInnen
Pabst Manierismus und Oberflächlichkeit vorwerfen, erkennen andere
die herausragende filmische Leistung des Regisseurs. Seitenanfang

Zeitgenössische
Kritik
"Deutsche Qualitäts-Filmarbeit. Ein nicht alltägliches
Einsetzen von Kapital und Künstlerschaffen. Jenseits aller Kritik
muss dieser Film gewertet werden als erfreuliche Tat, als Ansporn, als
Kampfansage gegenüber dem Mittelfilm-Einerlei. [...] In augenscheinlich
glücklicher Zusammenarbeit mit dem Regisseur wird mit einem Minimum
an Titeln ein klarer, prägnanter Bildstil 'geschrieben'. [...]
Pabst hat nie die unselige deutsche Filmmode des übertriebenen langen
Ausspielens mitgemacht, er huldigte nie der Theorie, dass nur da wahre
Filmkunst ist, wo Langeweile dominiert. Er sorgt für Bewegung, er
beherrscht die Kunst des Untermalens durch Details und Zwischenschnitte.
[...]
Zwei Faktoren machen den Film zu einem Kunstwerk: die geniale Kamera-Leistung
von Günter Krampf und die glänzende Darstellung. Pabst holt
aus einem sorgfältig zusammengestellten Ensemble Wirkungen heraus,
die wahre Filmkunst sind, die in dieser Form die Bühne nicht nachzuahmen
vermag.
Da ist die seit Monaten vieldiskutierte Lulu der Louise Brooks. Die passivste
Rolle des Films. Pabst läßt seinen Film um diese Frau spielen,
läßt um sie herum Tragödien geschehen und Menschen zugrunde
gehen. Sie steht da, lächelnd, in kindlicher Freude am Sinnengenuß.
Zuweilen wird sie etwas unwillig, wie ein Schulmädel, dem irgend
etwas schief gegangen ist. Pabst macht aus der Lulu keinen Vamp, den man
hassen soll, sondern einen Frau, die nichts für ihre Wirkung auf
die Männer kann. In diesem Sinne ist die Brooks eine glänzende
Interpretin, und es ist wirklich schwer unter den deutschen Darstellerinnen
jemand zu finden, der an ihre Stelle hätte gesetzt werden können.
[...]
Auch Fritz Kortner macht mit des Regisseurs Hilfe seine schwierige Rolle
begreiflich. [...] Da ist dieser Schön, allmächtiger Chefredakteur,
mit erstklassigen Beziehungen, ein Willensmensch, der nicht etwa blind
sich seiner Leidenschaft hingibt, sondern der genau um die Gefahr weiß,
der sich freimachen will und doch nicht kann, der wissend an Lulu zugrunde
geht. Kortner, wohltuend zurückgehalten, bringt in seinem Zusammenspiel
mit der Brooks die stärksten Effekte des Films. So die Kulissenszenen,
wo er inmitten staubigen Bühnengerümpels ihrem Körper für
immer erliegt.
Im Formen seines Abgangs erreichen Manuskript und Regie eine Höchstleistung:
Kortner küßt mit erlöschender Kraft seine Mörderin,
seine letzten Hirnregungen sind das Wissen, daß sein Sohn sein Schicksal
teilen wird. [...]" ("Der große Abend der Süd-Film:
Der Lulu-Film". In: Film-Kurier Nr. 37, 11.2.1929)
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G.W. Pabst
Georg Wilhelm Pabst gilt als Regisseur
der sog. Neuen Sachlichkeit. Mit dem Ausspruch "Wozu soll
eine romantische Behandlung noch gut sein? Das wirkliche Leben ist ja
schon romantisch, ja grausig genug." wendet er sich vom Expressionismus
und vom sog. Kammerspielfilm ab, um sich einer 'realistischeren', psychologisch
vertieften und (in Maßen) sozialkritischeren Kunst zu verschreiben.
In Filmen wie Die Liebe der Jeanne Ney und Die freudlose Gasse
löst er diesen Anspruch ein. Pabst erweist sich als Meister des Schnitts,
bei dem er konsequent den Regeln des continuity editing folgt. Bei ihm
wird der Schnitt geleitet durch die Bewegungen der Figuren, die er nahtlos
aneinander knüpft, und durch deren begehrliche Blicke, die in einem
feinen Netz alle ProtagonistInnen mitwinander verweben. Damit erreicht
er eine im deutschen Film unerreichte fließende Inszenierung. Bei
Pabst 'verschwindet' der einzelne Schnitt durch die Präzision seiner
Setzung.
Auch Die Büchse der Pandora folgt diesem Inszenierungsstil,
doch der Film geht in wesentlichen Punkten über den Stil seiner Vorgänger
hinaus, was seinem Regisseur, wie oben kurz beschrieben, nicht nur Lob
einbrachte. Die in der zeitgenössischen Kritik bewunderte Kameraführung
Günter Krampfs geht u.a. zurück auf Pabsts Faszination von Großaufnahmen.
In deren Zentrum steht Louise Brooks als Lulu. Ihr kindlich weiches Gesicht
mit dem zur Ikone gewordenen Bubikopf stilisiert Pabst ins Unendliche.
Immer wieder unterbrechen Großaufnahmen der Brooks Pabsts ansonsten
fließende Inszenierung und heben die Figur der Lulu aus Zeit und
Raum in einen beinahe abstrakten Bildraum, der sich gänzlich ihrem
Antlitz unterordnet. Es scheint fast so, als hielte dieses Gesicht nicht
nur die Figuren des Films sondern auch ihren Regisseur gefangen. Er verleiht
den Bildern der Brooks beinahe halluzinatorische Qualität und Tiefe,
die weder Brooks noch Pabst jemals wieder mit anderen Partnern erreichten.
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Louise Brooks alias Lulu ist das visuelle und narrative Zentrum des Films.
Um sie kreist sowohl das erotische Begehren von Alwa, der Geschwitz und
Schön als auch das ökonomische Interesse von Schigolch, Rodrigo
und Casti-Piani. Alles in der Pandora geschieht durch sie oder
um sie herum und trotzdem ist sie keine Protagonistin im klassischen Sinne.
Lulu agiert nicht, zur Femme fatale, zum Vamp, fehlt ihr die Intentionalität
und die Bösartigkeit. Dadurch wird sie zur Projektionsfläche
der Begierden ihrer Mitmenschen. Lulu ist weder gut noch böse, weder
aktiv noch passiv; sie bleibt ein androgyner großherziger Freigeist,
der sich nicht vereinnahmen lassen will.
Diese scheinbare Teilnahmslosigkeit verführte einige KritikerInnen
zu der Aussage, die Brooks könne nicht schauspielern. Ohnehin nahm
man es Pabst übel, eine Amerikanerin für "unsere deutsche
Lulu" engagiert zu haben. Seitenanfang
Louise Brooks
Lotte Eisner, die in Die dämonische Leinwand noch die Frage
stellte "Ist sie wirklich eine große Schauspielerin oder ist
sie lediglich ein blendendes Geschöpf, dessen Schönheit den
Zuschauer verführt, ihr vielfältige Eigenschaften zu verleihen,
denen sie im Grunde fremd bleibt?" beantwortete dies Jahre später
selbst, als sie Brooks als Person beschrieb, die "durch ihre unbezweifelbaren
Eigenschaften des Verstandes und des Herzens gespeist wurde: Freimütigkeit
der Meinung, Klarheit in der Beobachtung von Menschen und Dingen, die
Gewohnheit, sich mit völliger Aufrichtigkeit zu äußern".
Brooks selbst sagte über ihre Zusammenarbeit mit Pabst: "In
Hollywood war ich ein hübsches flatterhaftes Ding, dessen Charme
für die Verwaltung in dem Maße abnahm, wie meine Fan-Post zunahm.
In Berlin betrat ich den Bahnsteig, lernte Pabst kennen und wurde eine
Schauspielerin."
Diese Verwandlung führt sie auf Pabsts Einfühlungsvermögen
bei der Regie seiner DarstellerInnen zurück: "Alles was ich
dachte und alle seine Reaktionen schienen zwischen uns in einer Art wortloser
Kommunikation ausgetauscht zu werden. Mit den anderen Leuten seiner Umgebung
redete er immer und endlos auf seine aufmerksame Art und Weise, lächelnd,
gespannt; und er sprach ruhig, mit einer wunderbaren zischenden Präzision.
Aber mit mir sprach er manchmal den ganzen Morgen kein Wort; doch plötzlich
dann beim Lunch wandte er sich an mich und sagte: 'Louiiiss, morgen früh
müssen Sie auf eine große Kampfszene mit Kortner vorbereitet
sein', oder: 'In der ersten Szene heute nachmittag werden Sie weinen.'
So gab er mir seine Regieanweisungen. Mit einem intelligenten Schauspieler
setzte er sich zu einer ausführlichen Erklärung zusammen; mit
einem alten Hasen sprach er die Sprache des Theaters. Aber mich erfüllte
er auf magische Weise mit einem einzigen klaren Gefühl und schickte
mich dann einfach in die Arena. Und das galt auch für die Handlung.
Pabst belastete meine Gedanken niemals mit Dingen, die nicht direkt mit
einer Szene zu tun hatten."
Louise Brooks war
trotz ihrer faszinierenden Stimme keine Karriere im Tonfilm beschieden
- nach eigener Aussage langweilte sie sich. Ihre Intelligenz und ihren
sprühenden Wortwitz brachte sie dennoch in unzähligen Essays
über Hollywood und seine Stars zu Papier. 1985 starb Louise Brooks
im Alter von 79 Jahren. Zwei Jahre zuvor erschienen ihre Essays unter
dem Titel Lulu in Berlin und Hollywood erstmals in deutscher Sprache.
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Für weitere
Informationen zu Louise Brooks und Die Büchse der Pandora
empfehlen wir Ihnen die Website der Louise Brooks Society
unter www.pandorasbox.com.
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Eine Biographie von
G.W. Pabst finden sie hier.
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