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Synopse
Zentrales Thema des Films ist die Debatte um § 175 StGB, der sexuelle
Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellt. Anders als die
Andern beschreibt den "tragischen Lebenslauf eines homosexuellen
Opfers eines Erpressers, wie er nur im Konflikt mit dem Strafgesetzbuch
möglich war" (ZT). Bereits als Jugendlicher gerät Paul
Körner (Conrad Veidt) in Schwierigkeiten, da er sich zu seinem besten
Freund hingezogen fühlt. Als dies entdeckt wird, muß er das
Internat verlassen und beginnt ein zurückgezogenes Leben als Violinvirtuose.
Als er seinen junger Bewunderer Kurt Sivers (Fritz Schulz) als Lieblingsschüler
und Geliebten aufnimmt, scheinen Einsamkeit und Isolation überwunden.
Doch bald wird Paul vom zwielichtigen Franz Bollek (Reinhold Schünzel)
wegen seiner Homosexualität erpreßt, nachdem er diesem Geld
für eine Liebesnacht geboten hatte. Verzweifelt sieht er vor seinem
geistigen Auge den Zug seiner "unglücklichen Schicksalsgenossen"
aus vergangenen Zeiten vorüberziehen. Er konsultiert einen Sexualforscher
(Magnus Hirschfeld), der ihn aufklärt, daß Homosexualität
eine "reine und edle" Veranlagung darstellen könne, die
darüberhinaus naturgegeben sei.
Als Körner seinen Erpreser schließlich anzeigt, wird er selbst
zu einer Haftstrafe verurteilt. Von nun an ist er gesellschaftlich geächtet,
sein Liebhaber hat ihn nach Bolleks Demütigungen verlassen. Ruiniert
und vereinsamt nimmt sich Paul das Leben. Der Film endet mit einem Appell
Hirschfelds, in dem er sein Publikum bittet zu helfen, solche Tragödien
in Zukunft unmöglich zu machen. Die letzte Einstellung zeigt den
jungen Kurt Sivers, dessen Hand den § 175 aus dem Gesetzbuch wischt
(nicht erhaltene Szene).
Der Fall Anders
als die Andern
Das Ende des ersten Weltkriegs bedeutete in Deutschland zugleich auch
ein Ende der staatlichen Filmzensur. Der Bedarf nach spektakulären
Themen und riskanten Darstellungen ließ den Markt für sog.
Sittenfilme boomen. Prostitution, Geschlechtskrankheiten und Drogenmißbrauch
waren beliebte Sujets solcher Aufklärungsfilme. In diesem liberalen
Klima konnte zunächst auch Anders als die Andern, der als
erster Schwulenfilm Deutschlands gilt, veröffentlicht werden. Sein
Regisseur Richard Oswald und der am Drehbuch beteiligte Hirschfeld verstanden
ihn als Anklage gegen den berüchtigten § 175, der unbescholtene
Bürger kriminalisierte und häufig in den Ruin oder Selbstmord
trieb.
Magnus Hirschfeld, berühmter Sexualforscher und Verfechter einer
Linie, die Homosexualität als Naturveranlagung verstand, die nicht
bestraft werden könne, hatte bereits 1897 vor dem Reichstag für
eine Abschaffung des Paragraphen plädiert. In Anders als die Andern
tritt er nun selbst vor die Kamera und legt seine Ansichten dar, die durch
das tragische Schicksal Paul Körners dramatisch unterstrichen werden.
Der Film wird ein kommerzieller Erfolg, nicht zuletzt wegen der Kontroversen,
die seine Aufführung begleiten. 1920 wird jedoch die staatliche Filmzensur
wieder eingeführt und der Film verboten. Zur Begründung heißt
es, man versuche "aus Gründen der Volkserhaltung eine Beeinflussung
gleichgeschlechtlicher Neigungen zu verhindern". Die Vorführung
ist von nun an nur noch vor einem Publikum aus "Ärzten und Medizinalbeflissenen"
gestattet, unter ihnen auch Hirschfeld, der den Film an seinem Berliner
Institut für Sexualforschung zeigt.
1927 ist es wiederum Hirschfeld, der den Film der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen versucht. Er kürzt den Film von 90 auf
40 min und fügt ihn unter dem Titel "Schuldlos geächtet:
Tragödie eines Homosexuellen" als Schlußepisode in seinen
Aufklärungsfilm Gesetze der Liebe ein. Im Oktober desselben
Jahres wird auch dieser Film verboten. Die Film-Oberprüfstelle erklärt
in ihrem Urteil, die "homosexuelle Propaganda [sei] insbesondere
mit Rücksicht auf die heranwachsende Jugend und die Möglichkeit,
schlummerndes Sexualempfinden auf die Homosexualität abzuleiten [...]
geeignet, die Volksgesundheit zu schädigen." Erst nach Kürzung
der Episode wird der Streifen wieder freigegeben.
1933 schließlich wird Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft
von den Nazis geschlossen, die im Institut gelagerten Kopien des Films
zerstört. Die Kartei seiner Patienten und Unterstützer wird
zur Todesliste vieler Homosexueller im Dritten Reich. Hirschfeld kehrt
nach einem Aufenthalt in der Schweiz nie mehr nach Deutschland zurück,
Regisseur Richard Oswald, Conrad Veidt und Reinhold Schünzel emigrieren
ebenfalls in den folgenden Jahren. Der § 175 bleibt bis ins Jahr
1964 unverändert bestehen und erst 1994 endgültig abgeschafft.
Lange Zeit galt Anders als die Andern als verschollen, bis 1979
eine ukrainische Exportkopie von Gesetze der Liebe gefunden wurde,
in der "Schuldlos geächtet" noch enthalten war. Dieses
40-minütige Fragment ist die einzige Version des ersten deutschen
Schwulenfilms, die heute erhalten ist.
Die
Musik
Bernd Schultheis schrieb zu der
fragmentarisch überlieferten Studie Anders als die Andern,
der Schilderung eines Lebens in sozialer Diskriminierung, eine Musik,
die äußerst subtil Gefühlszustände artikuliert und
die in ihrer Modernität das zeitkritische Engagement von Richard
Oswald unterstreicht. Geschrieben für eine Trio-Besetzung (Klavier,
Geige und Horn), ist es konkreter Klang von sachlich distanziertem Gestus,
der die Figuren auf ihren Schicksalsbahnen begleitet, sie charakterisiert
und ihnen alles Klischeehafte der Grundkonstellation nimmt. Ein Film,
der allgemein nur als sozialpolitisches Dokument Erwähnung findet,
wird durch diese Musik zu einer veritablen cineastischen Entdeckung, die
durch ihre konzentrierte Erzählung und die große schauspielerische
Leistung von Conrad Veidt beeindruckt.
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