Das Cabinet des Dr. Caligari
D 1920, 74 min
Regie: Robert Wiene
Drehbuch: Carl Mayer, Hans Janowitz
Kamera: Willy Hameister, Bauten: Hermann Warm, Walter Reintann, Walter Röhrig
Kostüme: Walter Reimann
Darsteller: Werner Krauss, Conrad Veidt, Friedrich Feher, Lil Dagover, Hans Heinrich von Twardowski
Musik und Ausführung: Laura goes Blue (Martin Möller (Gitarre, Komposition), Christi Marley (Saxophon, Klarinette, Flöte),
          Mike Rausch (Klavier, Komposition)





Inhalt
Rahmenhandlung: Der Hof einer Irrenanstalt. Francis erzählt einem anderen Insassen seine Geschichte, die Geschichte seiner Krankheit. Rückblende: Jahrmarkt in einer Kleinstadt. Karussells und Schaubuden. Unter ihnen die Schaubude des Dr. Caligari - klein, bebrillt, unheimlich wirkend - und seines Mediums, des Schlafwandlers und hypnotischen Versuchsobjektes Cesare. Beim Einholen einer behördlichen Vorführerlaubnis auf dem Rathaus wird Caligari von einem subalternen Beamten gedemütigt. Am anderen Morgen findet man den Beamten ermordet auf. Zwei Studenten, Francis und Alan, beide verliebt in die Arzttochter Jane, besuchen Caligaris Zelt. Sie sehen Cesare aus einem aufrecht stehenden sargähnlichen Behältnis heraustreten. Caligari preist die visionären prophetischen Kräfte seines Mediums. Als Alan den Somnambulen fragt, wie lange er noch leben werde, wird ihm die Antwort zuteil: "Bis zum Morgengrauen". Am Morgen ist Alan einem ähnlich mysteriösen Verbrechen zum Opfer gefallen wie zuvor der Beamte. Francis verdächtigt Caligari. Aber eine Untersuchung wird durch die Festnahme eines Verbrechers gestört, den man jetzt auch des Doppelmordes anklagt. Doch Francis glaubt nach wie vor an eine Schuld des geheimnisvollen Doktors. Nachts umschleicht er den Wohnwagen.
Während er, von einer Puppenimitation getäuscht, Cesare in seinem Kasten wähnt, bricht dieser in Janes Schlafzimmer ein und schleppt das ohnmächtige Mädchen über die Dächer und durch die Gassen der Stadt. Verfolgt, muss er schließlich seine Beute preisgeben. Den hypnotischen Kräften seines Meisters entzogen, geht er zugrunde. Eine Durchsuchung von Caligaris Wagen macht die Zusammenhänge deutlich. Caligari flüchtet und findet Unterschlupf in einer Irrenanstalt. Francis ist ihm gefolgt, lässt sich beim Direktor der Anstalt melden und muss vor Schreck erkennen: Caligari und dieser sind identisch. Nachts durchsuchen Francis und der von ihm eingeweihte Arzte der Anstalt das Arbeitszimmer des schlafenden Direktors. Dabei finden sie überzeugende Schuldbeweise. Den Ausschlag gibt eine Kladde aus dem 18.Jahrhundert, worin von einem italienischen Schausteller namens Caligari berichtet wird, der sein Medium zahlreiche Morde im Trancezustand begehen ließ. Notizen des Direktors bezeugen seine Faszination durch diese obskure Gestalt ("Du musst Caligari werden"). Er wurde schließlich selbst Caligari und wiederholte dessen "Experimente". Der so entlarvte Direktor wird mit der Leiche Cesares konfrontiert und verfällt in Tobsucht. Irrenwärter stecken ihn in eine Zwangsjacke. Schluss der Rahmenhandlung: Francis greift den auf dem Hof der Anstalt erscheinenden Direktor an. Der Arzt er kennt so das Trauma seines Patienten. Er wird ihn heilen können.

Der Caligari wurde, wie vielleicht kein anderer Film während jener Epoche, ein Ausdruck seiner Zeit, ein Kunstwerk der Reflexion über Krieg und Nachkriegszeit. Ausgangspunkt und Hintergrund der irreal verschlüsselten Fabel waren persönliche Traumata der Autoren: die Konfrontation mit einem Sexualmord, die Begegnung mit Militärärzten, der Weltkrieg, der Tod einer befreundeten Schauspielerin.


Zum Hintergrund
"Der Druck von vier Jahren Weltkrieg", schrieb Hans Janowitz, "der noch frisch in unserem Geist, in unseren Herzen, ja selbst in unseren Gliedern war. Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang, an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft. Das wurde in unserem Film durch den alten Professor, den großen Psychiater, den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt, charakterisiert, der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte ... Er ist die personifizierte Autorität..." Fabel und Gestaltung wurden zum grotesk verformten Spiegel der geistigen Nachkriegssituation der künstlerischen Intelligenz, zum Ausdruck ihres Krisenbewusstseins: Verzweiflung und Auflehnung, das Gefühl der Brüchigkeit überkommener Werte, der Protest gegen eine Wirklichkeit, die aus den Gleisen geraten war. "Cesare, das Werkzeug, das für die unterjochte Armee wehrpflichtiger Rekruten stehen sollte, war nicht schuldig", so Hans Janowitz. "Schuldig war Dr. Caligari, der die autoritative Macht verkörpern sollte." - Kracauer sah in der Caligari-Figur eine prophetische Vorwegnahme Hitlers: "Caligari ist sogar ein ganz besonderer Vorläufer, in dem Sinne nämlich, dass auch er hypnotische Gewalt anwandte, um menschlichen Werkzeugen seinen Willen aufzuzwingen ... Wie die Hitlerwelt, so war auch die des Caligari bis zum Rande angefüllt mit düsteren Untergangsahnungen und Gewalttaten ..." Der ekstatische Schrei des Caligari, der verschlüsselte Protest gegen eine "an sich schlechte Welt" nahm die Züge eines unentrinnbaren Alptraums an, voller Grauen und Todesangst.
Allerdings wurde die expressionistische Auflehnung auf seltsame Weise im Film zurückgenommen. Die Originalfabel der Autoren schloss mit einem Sieg der Vernunft: Caligari wird in eine Zwangsjacke gesteckt. Der gegen Willen und Protest hinzugegebene Rahmen (eine Idee des ursprünglich als Regisseur vorgesehenen Fritz Lang) nahm diese Haltung zurück: Der Schluss lässt alle Geschehnisse des Films als Ausgeburt der Kranken Phantasie eines Irren erscheinen. Die Auflehnung beruht auf irrigen Voraussetzungen. Die Autorität, die Macht, sie sind im Grunde gut. Die expressionistische Szenerie auch in der Rahmenhandlung beließ allerdings ein Gefühl der Zweideutigkeit. Es blieb ein Moment des Ungewissen, der Verunsicherung.

In der Fachzeitschrift "Der Film" formulierte ein Kritiker die ästhetische Ausnahmestellung des Caligari-Films: "Der erste expressionistische Film. Aber das ist ein Schlagwort: Nicht der Film ist expressionistisch, sondern seine Aufmachung, seine Architektur und Dekoration, die versinnbildlichte Situation geworden ist ..." Die Caligari-Autoren hatten Alfred Kubin für die Ausstattung vorgeschlagen. Kubin lehnte ab. So erhielten Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm den Auftrag. Reimann schlug vor, den Film expressionistisch zu gestalten. Warm prägte die Formel: "Das Filmbild muss Graphik werden!" Film als verlebendigte Zeichnung, eine "ornamentale Gefühlslandschaft", wie Kracauer sie nannte. Parallelen des gemalten Caligari-Universums wurden vor allem deutlich zu den Bildern Lyonel Feiningers (zu seinen visionären Städten, den durch Linien, Flächen, Kuben intensivierten Spannungen und Widersprüchen) und Ernst Ludwig Kirchners Welt der Moritaten und des Panoptikums. - "Die Geschichte des expressionistischen Films in Deutschland", schrieb Rudolf Kurtz, "ist die Geschichte einer Reihe von Wiederholungen. Der Anfang ist nicht übertroffen worden ..." - der Anfang war Das Cabinet des Dr. Caligari.


Das Dekor
Das Dekor von Caligari bedient sich der expressionistischen Malerei in einem psychologischen Sinn. Alle Räume des Films besitzen eine pyramidale Grundkonstruktion. Der Raum verjüngt sich nach oben und trägt so dazu bei, eine lastende Atmosphäre zu schaffen, die den ganzen Film durchzieht. Häuser, Gassen und Räume sind Ausdruck der Verzerrung einer morbiden Seele. Ganz bewusst wurde auf die illusionistische Wirkung des Lichts verzichtet. Licht und Schatten sind überwiegend gemalt worden. Auch die Schauspieler sind hier Objekte des Dekors, denn die morbide Grundstimmung ist nur gewährleistet, wenn Haltung und Gebärde der Schauspieler keinerlei Veränderung erfährt. So ist auch der an sich erlösende Schluß des Films keine wirkliche Erlösung von dem Alpdruck, auch keine vordergründige. Denn das Dekor verändert sein Aussehen nicht.

 

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