Paul Hindemith

»Paul Hindemith (1895-1963), neben Schönberg, Bartók und Strawinsky der führende, weithin vorbildlich wirkende Komponist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war allen neuen Techniken und Medien gegenüber außerordentlich aufgeschlossen. Er komponierte als einer der ersten Originalmusik für mechanische Instrumente und stanzte dabei seine Werke direkt -ohne eine Partitur als Vorlage anzufertigen- in die Papierrollen, durch welche diese Instrumente gesteuert wurden. Er gab maßgebliche Hinweise zur Entwicklung des elektrischen Instrumentes Trautonium, für das er auch gleich Stücke schrieb, und experimentierte 1930 mit einer genuinen Musik für Grammophonplatten, indem er aufgenommene Stimmen und Instrumentalklänge in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen ließ und mischte. Damit datiert die ‚musique concrete' auf Hindemith zurück. Er versuchte auch, eine spezifische Musik für den Rundfunk zu entwickeln und arbeitete an einer besonderen Form des musikalischen Hörspiels.
Vor allem aber bemühte sich Hindemith um die Filmmusik. Er ließ während der Veranstaltungen der ‚Deutschen Kammermusik Baden-Baden' 1927-1929 Filmmusiken aufführen, zu deren Komposition er u.a. Hanns Elsler, Darius Milhaud, Ernst Toch und Paul Dessau angeregt hatte. Die Filmmusiken, die Hindemith selbst für diese Veranstaltungen komponiert hatte, so etwa zu Hans Richters Vormittagsspuk, in dem er übrigens zusammen mit Milhaud mitwirkte, sind leider alle verschollen. Als Kompositionslehrer an der Berliner Musikhochschule, richtete Hindemith sogar für seine Kompositionsschüler seit 1929-30 Kurse über Filmmusik ein und entwickelte eine eigene Ästhetik der Filmmusik. 1939 besuchte Hindemith auch Hollywood, zog sich aber nach ersten hoffnungsvollen Kontakten zur Filmindustrie (Walt Disney) geradezu angewidert zurück. Er schrieb darüber an seine Frau: »Ich glaube, daß ich von der Idee, hier am Film irgendetwas mitzumachen, (die noch durch die völlig wahnwitzige Idee, etwas künstlerisch Wertvolles hervorzubringen, gestützt war) ziemlich kuriert bin. Ernsthaft kann man das nicht betreiben.«
Die einzige Filmmusik, die sich von Hindemith erhalten hat, ist diejenige zum Film Im Kampf mit dem Berg, die er im Sommer 1921 eher zufällig in wenigen Wochen komponiert hatte. Das ist eine der ersten Originalkompositionen für den Film überhaupt. Der Regisseur dieses Films, Arnold Fanck, hat darüber später berichtet: ‚Im Jahre 1921 wohnte Hindemith, der damals sehr befreundet war mit meinem Schwager, Dr. Temesvary (ebenfalls Komponist) auf Einladung längere Zeit in unserer Freiburger Villa. Ich habe damals gerade in unserer großen Diele meinen Lyskammfilm Im Kampf mit dem Berg geschnitten und immer, wenn ich ein Röllchen beieinander hatte und mir vorführte, sah Hindemith interessiert zu. Und als ich schließlich den ganzen Film in der ersten Fassung vorführte, sagte Hindemith ganz begeistert zu mir: »Wissen Sie, was Sie da machen ist reine Musik«. Diese Worte sind mir unvergesslich geblieben. Er machte mir dann den Vorschlag, er wolle zu diesem Film einmal die Musik komponieren. Was damals noch ganz ungebräuchlich war. Ich mußte ihm also im Laufe der nächsten Wochen immer wieder einzelne Teile vorführen, wobei ich ihm die Meterlängen abstoppte und er schon während der Vorführung sich kurze Notizen in Noten machte. Dann setzte er sich an unseren Flügel und spielte sich die inzwischen fertig gewordenen Noten für die einzelnen Rollen vor. Als er mit der ganzen Komposition fertig war und sie mir auf dem Klavier vorspielte, da wurde mir plötzlich ganz klar, daß meine Bilder durch diese Musik stark in der Wirkung erhöht wurden. [...] Das war jedenfalls das erste Mal, daß ein Film Originalkomposition bekam. [...]
Im UFA-Palast in Berlin, wo die Premiere stattfinden sollte, war damals ein sehr bekannter Dirigent, dem ich die Partitur brachte mit der Bitte, sie einzustudieren für die Premiere. Ein paar Tage später aber lehnte er das glatt ab, weil er gewohnt sei, sich die Musik selbst für einen Film zusammenzustellen (wie man das in diesen Zeiten damals machte). Außerdem sei diese Musik so schwer, daß sein Orchester sie nicht spielen könne. Und das wiederholte sich dann in allen anderen Premierentheatern, wo die betreffenden Dirigenten sich entweder ihre eigene Musik zusammenstellten, oder die vom Ufa-Palast übernahmen. Einzig in dem Premierentheater in Düsseldorf konnte ich erreichen, daß Hindemiths Musik gespielt wurde. Und hier vor der großen Leinwand konnte ich jetzt besonders gut empfinden, wie sehr meine Bilder durch diese Musik erhöht wurden, und damit erkennen, daß es der einzig richtige Weg sei, einen Film original zu komponieren. Meines Wissens dauerte es dann aber noch einige Jahre, bis diese Erkenntnis in der Filmbranche Allgemeingut und durchgeführt wurde. [...]
Übrigens hat Hindemith diesen Film Im Kampf mit dem Berg damals komponiert ohne ein Honorar zu verlangen. Einfach weil es ihm Freude machte, so etwas einmal zu machen und weil er diese Bildsinfonie -wie gesagt- empfand wie Musik.'
Hindemith führte diese Filmmusik in sechs ‚Akten' aus, die den sechs Filmrollen entsprachen. Dabei trug er in die Partitur immer wieder Hinweise auf markante Bilder des Films ein, die den Aufführenden die Koordinierung von Film und Musik erleichtern helfen. Darüber hinaus stützt sich Hindemith auch auf absolut-musikalische Formen, wie etwa auf die der Passacaglia, die sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickelt und den Film weniger musikalisch illustriert als vielmehr kontrapunktiert. Solche Formen rechtfertigen auch eine separate Aufführung der Filmmusik. Hindemith legte aus pragmatischen Gründen die Orchesterbesetzung übrigens variabel an; seine Musik kann von einer großen Ensemblebesetzung bis hinab zur Besetzung durch Klavier und Violine aufgeführt werden.»
(Giselher Schubert)