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Ein junges Paar trifft auf einer Berghütte in den Dolomiten auf einen seltsam fanatischen Mann. Dieser Mann, Dr. Krafft, der seine Frau in den Bergen verloren hat, bietet sich dem Paar als Bergführer an. Die gefährliche Tourführt in die noch unbezwungene Nordwand des Piz Palü. Ein Wettersturz wird der Gruppe zum Verhängnis. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt, bei der ein waghalsiger Sportflieger alles riskiert...
Bis heute gilt Die weiße Hölle vom Piz Palü als ein Klassiker des Bergfilms. Schon die zeitgenössische Kritik feierte die atemberaubenden Naturaufnahmen als eine große, innovative Leistung der Kinematographie: »Wahrscheinlich ist noch nie zuvor die Kamera so bis ins Innere der Eis- und Gletschergefahren vorgedrungen, hat noch nie zuvor das Wesen des Berges als etwas geheimnisvoll und tückisch Lebendiges wahr gemacht« (Berliner Börsen-Courier, 1929).
Ein Team bergerfahrener Kameraleute stand Regisseur Arnold Fanck dabei zur Seite: Sepp Allgeier, Richard Angst und Hans Schneeberger - Mitarbeiter, die Fanck entdeckt und zum Teil selbst ausgebildet hatte, und die wie er extreme Individualisten waren. Sie alle kannten keinen Unterschied zwischen Filmkunst und Lebenspraxis. Als einzige Frau in diesem Team: Leni Riefenstahl, die hier in ihrem dritten Fanck-Film zu sehen ist.
Als Co-Regisseur stand Fanck kein Geringerer als G.W.
Pabst zur Seite. Er übernahm in Piz Palü die Schauspielerführung.
»In der ausführlichen Schilderung der Arbeit zum Film in Fancks
Memoiren Er führte Regie mit Gletschern, Stürmen und Lawinen
wird der Co-Regisseur mit keinem Wort erwähnt. Pabsts Anteil an der
Arbeit definiert Kameramann Sepp Allgeier: »Mit Regisseur Pabst filmte
ich sämtliche Tag- und Nachtszenen auf dem Eisband mit Leni Riefenstahl,
Diessl und Petersen, wie auch die ganzen Atelieraufnahmen (Hütte,
Kircheninneres, Bauernstube).« (Film-Kurier, Nr. 277, 21.11.1929).»
(Jacobsen 264)
Gerade an dieser Zusammenarbeit und an der Rolle der Figuren und der
Dialoge (auf die Pabst freilich keinen Einfluss hatte) im Angesicht
der überwältigenden Naturaufnahmen schieden sich schon früh
die Geister. So schrieb etwa die Rote Fahne:
»Zweifellos einer der besten deutschen Filme. Die rührselige
Handlung bis auf die Rettungsexpedition belanglos, zum Teil unwahrscheinlich.
Hier, wo die Schnee- und Eisriesen der Schweizer Alpen sprechen, schreien,
brüllen, wo Lawine und Steinschlag vom Gipfel ins Tal braust,
wo Nebel und Schneesturm die Kreatur verhüllen und ersticken,
war jede Handlung überflüssig.
Doch das sei festgestellt, die alpinistischen Leistungen der Schauspieler
Dießl, Petersen, Riefenstahl und vor allem des Bergführers
Spring sind hervorragend und bisher noch nie in einem deutschen Film
mit solch kühner Realistik gezeigt worden.
Die Operateure haben, vor allem in den reinen Bergszenen, Glanzleistungen von unerhörter Schönheit und mitreißender Spannung vollbracht. Und die Regie Pabsts brachte die schauerlich-schönen Szenen von der Rettungsexpedition im Gletscherspalt bei unheimlich glitzernder Fackelbeleuchtung und die tollkühnen Saltomortale des Fliegers Udet in erschütternder Vollendung zustande. (12:235, 19.11.1929). Ein Jahr später wurde diese Auffassung konkretisiert: "Die Naturaufnahmen werden aber von einer erschreckend banalen spießigen Spielfilmhandlung unterbrochen. Die mickrig-verlogenen Worte der Filmschauspieler mit Weihnachtsstimmung und sonstigen Rührseligkeiten passen in diesen Film wie die Faust aufs Auge. Ohne Kitsch kann ein bürgerlicher »Kultur«-film nun mal nicht auskommen.» (Die Rote Fahne,14:30, 5.2.1931).
Die sog. »nationale«
Presse dagegen feiert nun gerade das Zusammenspiel von Kulisse und Mensch,
vom Aufgehen des Individuums im großen Weltenplan:
»[...] im bergereichen Engadin der Sokal-Produktion unter der Regie
von Dr. Fanck [...] ist dank des Bergsteiger-Wagemuts der Hauptdarsteller
Petersen, Helene Riefenstahl und Dießl und dank der Todesverachtung
unter donnernden Lawinen und auf klirrenden Eisfeldern arbeitenden Film-Operateure
eine so gewaltige Leistung, daß sie zuweilen fast unerträglich
auf unsere Nerven wirkt. Kein Schrecken der Berge, in grauenvoller Tiefe
gurgelnder Gletscherwasser, kein Grauen vor der Art der Leichenbergung,
kein noch so schreckliches, bis zum Wahnsinn führendes Bergsteigerschicksal
in Nacht und Eis wird uns erspart - aber auch kein berauschender Lichteffekt,
keine in Schönheit strahlende Bildmöglichkeit geht uns verloren.
In ewigem Wechsel erfaßt den Beschauer das Grauen abgrundtiefer
Spalten, aber auch das Entzücken über die krystallenen Lichtreflexe,
die wie blendendes Silber über die Eispaläste glitzern, vom
Fackellicht entzündet, das die Rettungskolonnen ganzer Bergdörfer
in die von Schauern erfüllte nächtliche Bergwelt tragen. Der
Majestät der Eisriesen gegenüber tritt das menschliche Schicksal
nur wenig zurück, das sich im Rahmen dieser gigantischen Bergwelt
im bittersten Tode vielfach vollendet. Und er besiegelt die Liebe zweier
Menschenpaare, entrückt sie der irdischen Sphäre und trägt
sie für immer den Sternen zu. Wahrlich, ein größeres Filmerlebnis
konnte uns für Weihnachten gar nicht beschert werden, als dieser
Berg des Schicksals, der uns erhebt und zerschmettert, und an die letzten
Dinge des irdischen Daseins rührt.
Was dem grandiosen Filmwerk seine besondere Note verleiht, ist die Beteiligung
des Fliegers Udet bei der Suche nach den Vermißten in den Bergen.
Tollkühne Sturzflüge über ewigem Gletschereis im Rettungsdienste
des Bergführers führen zu dem gewünschten Erfolg. Sie sind
der Schlußstein einer Heldendichtung des Films und die Offenbarung
seiner letzten Möglichkeiten. «
(Völkischer Beobachter, Bayernausgabe, 42:297, 22./23.12.1939)
Das ist er also wieder: Der »Fall Dr. Fanck« (s. Im Kampf mit dem Berge). Seine Filme polarisierten und tun es noch. Jürgen Keiper spricht gar von einer »gewissen Fassungslosigkeit" beim Lesen der Aufsätze und Kritiken, die zu Fanck erschienen sind, sähe man sich doch trotz unterschiedlicher philosophischer Ausgangspunkte der Autorinnen und Autoren durchgehend mit der »immensen Faszinationskraft« seiner Filme konfrontiert. Arnold Fanck bleibt der bedeutendste »Landschaftsfilmer« des deutschen Films. Dass diese Landschaften jedem und jeder etwas anderes bedeuten, macht gerade den Reiz seiner Filme aus.
1935 wurde (bereits im Zeichen des nationalsozialistischen Regimes) eine Tonfassung des Films angefertigt, die mit einer Laufzeit von ca. 90 min erheblich gekürzt war. Der Rollenname "Karl Stern" wurde in "Heinz Brandt" umgewandelt und alle Szenen mit dem inzwischen emigrierten und später in Auschwitz ermordeten Kurt Gerron herausgeschnitten.
Erst 1997 wurde der Film im Bundesarchiv/Filmarchiv Berlin restauriert und seine ursprüngliche Stummfilmfassung wieder hergestellt. Die bei der Uraufführung des Films im Jahre 1929 entstandene Kinomusik von Willi Schmidt-Gentner gilt als verschollen. Die StummFilmMusikTage Erlangen haben daher eine Neukomposition zum Film bei Stefan Hippe in Auftrag gegeben, die am 29. Januar 2005 im Markgrafentheater uraufgeführt werden wird.
Quellen:
Keiper, Jürgen. »Alpträume in Weiß.« Film und Kritik.
Heft 1. 1992. 53-70.
Zeitgenössische Rezensionen zu den Filmen Arnold Fancks
Die weiße Hölle vom Piz Palü. DVD. Arthaus.
Alle Bilder auf dieser Seite stammen aus dem Nachlass von Arnold Fanck und werden hier mit der Genehmigung von Matthias Fanck abgebildet.