Der Untergang des Hauses Usher(F 1928)

Dauer:
66 min
Regie:
Jean Epstein
Regieassistenz:
Luis Buñuel
Darsteller:
  • Jean Debucourt
  • Marguerite Gance
  • Charles Lamy
  • Fournez-Goffard
Musik und Ausführung:
Interzone Perceptible
Filmstill Der Untergang des Hauses Usher

Der Film

Allan (Charles Lamy) reist alarmiert durch den Brief seines Freundes Roderick Usher (Jean Debucourt) zu dessen einsam gelegenen Familiensitz, den der Hauch des 'Übernatürlichen' umgibt. Dort lebt Roderick, der letzte Nachkomme seiner Familie, zurückgezogen mit seiner Frau Madeleine (Marguerite Gance), die an einer geheimnisvollen Krankheit leidet. Roderick selbst ist davon besessen seine Frau immer und immer wieder zu porträtieren. Der letzte wichtige Protagonist ist das Haus selbst, das mit seinen übergroßen, leeren Räumen weniger als realistischer Hintergrund fungiert. Vielmehr betonen wiederholte Einstellungen des Korridors, der durch Wind und das Flackern der Vorhänge seltsam belebt anmutet, die Lebendigkeit des Gebäudes.
Als Madeleine schließlich ihrem Leiden erliegt, wird die Atmosphäre noch düsterer. Rodericks Paranoia steigert sich sichtbar, der objektive Beobachter Allan verliert seine Stellung außerhalb des Geschehens, wird stattdessen in Rodericks Wahnvorstellungen verstrickt. Als Allan eines Nacht versucht den aufgewühlten Roderick zu beruhigen, vermischen sich die vorgelesene Rittergeschichte, die Auswirkungen des Sturms und das Schicksal der verstorbenen Madeleines zu einem phantastischen Horrorszenario.
Im Jahr 2000 wurde der La Chute de la Maison Usher als einer von jährlich 25 Filmen in die National Film Registry benannt. Durch diese Ernennung und die damit verbundene besondere Behandlung des Filmmaterials konnten bislang 425 als kulturell und künstlerisch wertvoll eingestufte Filme vor dem Verfall bewahrt werden.

Der Regisseur

1925 lernte der studierte Mediziner Jean Epstein an der Académie du cinéma Luis Buñuel kennen und besetzte den späteren Regisseur von Ein andalusischer Hund in seiner ersten Filmrolle. Zunächst arbeiteten die beiden Avantgardisten gemeinsam an La Chute de la Maison Usher, Buñuel distanzierte sich jedoch später vom Film und schrieb Regie- und Drehbuchleistung allein Epstein zu. Der Streit entzündete sich vor allem an der Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit Marguerite Denis Gance, die Frau des Napoleon-Regisseurs Abel Gance, was Buñuel als Anbiederung an konservative Filmschaffende empfand.
Epstein verfasste neben seiner Tätigkeit als Regisseur vom Impressionismus und Surrealismus inspirierte Filmtheorien und setzte diese erstmals 1927 in Der dreiflügelige Spiegel um, in dem ein Mann aus der Sicht dreier Frauen in verschiedener Gestalt gezeigt wird.
Als sein persönliches Meisterwerk und Wegweiser des französischen Avantgarde- und Horrorfilms gilt jedoch unangefochten La Chute de la Maison Usher, in dem der Regisseur thematische und optische Motive seiner früheren Werke perfektioniert. So fließen vor allem impressionistische Konzepte ein, welche die Betonung vom Emotion und Gefühl durch filmspezifische Techniken zu erreichen suchen. Visuelle Gestaltungsmerkmale wie Zeitlupe, Großaufnahmen, Überblendungen, Tiefenschärfe, der Wechsel von Stillstand und Bewegung und Montage ermöglichen es, Trance-ähnliche Wahrnehmungen medial umzusetzen und die Wirkungsweisen von Filmbildern zu erforschen.
Zwar verzichtet Epstein anders als beispielsweise der Surrealist Buñuel nicht komplett auf Kohärenz in der Erzählung, dennoch zielt er auf die Auflösung raumzeitlicher Logik und Folgerichtigkeit zugunsten einer Ästhetik des Unterbewussten und Irrationalen ab. So schafft Epstein mit La Chute de la Maison Usher einen Film, der vor allem durch die Brechung konventioneller Erzähltraditionen und seine innovative Bildlichkeit besticht.

Die Vorlage

Die Kurzgeschichte, auf deren Motiven der Film beruht, stammt aus der Feder des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe. The Fall of the House of Usher erschien erstmals 1839 in Burton's Gentleman's Magazine und wurde seitdem zehnmal verfilmt, u.a. 1960 mit Vincent Price in der Hauptrolle.
Der größte Unterschied zwischen Buch und Verfilmung liegt darin, dass der Regisseur und Drehbuchautor Epstein die im Original als Zwillingspaar angelegten Protagonisten filmisch als Ehepaar umsetzt. Damit nimmt er das in der Kurzgeschichte relevante Thema des Inzests heraus, welches bei Poe nicht nur die Beziehung der Geschwister prägt, sonder auch als Erklärung für die Degeneration des Hauses Usher dient.
Im Gegenzug erweitert Epstein die ursprüngliche Geschichte um das Motiv des Portraits, das Jungbrunnen und Totenbild zugleich ist und an Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray erinnert, und misst der Figur der Madeleine deutlich mehr Zeit und Raum zu.
Neben seinen fantastischen Geschichten wurde Poe vor allem für die Prägung des Detektivgenres und seine Stil bildende, symbolistische Lyrik berühmt. Letztere stellte wiederum einen wichtigen Bezugspunkt der impressionistischen Avantgarde-Bewegung der 1920er Jahre dar.
Poes Kurzgeschichten zeichnen sich neben den Thematiken des geistigen Verwirrung, der Orientierungslosigkeit und des Unheimlichen vor allem durch den melodiösen Sprachduktus aus. So entfaltet The Fall of the House of Usher seine volle Wirkung weniger beim stillen Selbststudium als beim lauten Lesen.

Lesung

21 Uhr im Filmcafé im Oberen Foyer
Von der Suggestionskraft und Attraktivität Poe'scher Sprache können sich interessierte Festivalbesucher vor der Vorstellung am Samstag selbst live überzeugen. Heike Thiem-Schneider und Thomas Lang laden ein zu einer Lesung der zeitlos fesselnden Kurzgeschichte im Filmcafé.