Allan (Charles Lamy) reist alarmiert durch den Brief seines Freundes Roderick
Usher (Jean Debucourt) zu dessen einsam gelegenen Familiensitz, den der
Hauch des 'Übernatürlichen' umgibt. Dort lebt Roderick, der
letzte Nachkomme seiner Familie, zurückgezogen mit seiner Frau Madeleine
(Marguerite Gance), die an einer geheimnisvollen Krankheit leidet. Roderick
selbst ist davon besessen seine Frau immer und immer wieder zu porträtieren.
Der letzte wichtige Protagonist ist das Haus selbst, das mit seinen übergroßen,
leeren Räumen weniger als realistischer Hintergrund fungiert. Vielmehr
betonen wiederholte Einstellungen des Korridors, der durch Wind und das
Flackern der Vorhänge seltsam belebt anmutet, die Lebendigkeit des
Gebäudes.
Als Madeleine schließlich ihrem Leiden erliegt, wird die Atmosphäre
noch düsterer. Rodericks Paranoia steigert sich sichtbar, der objektive
Beobachter Allan verliert seine Stellung außerhalb des Geschehens,
wird stattdessen in Rodericks Wahnvorstellungen verstrickt. Als Allan
eines Nacht versucht den aufgewühlten Roderick zu beruhigen, vermischen
sich die vorgelesene Rittergeschichte, die Auswirkungen des Sturms und
das Schicksal der verstorbenen Madeleines zu einem phantastischen Horrorszenario.
Im Jahr 2000
wurde der La Chute de la Maison Usher als einer von jährlich
25 Filmen in die National Film Registry benannt. Durch diese Ernennung
und die damit verbundene besondere Behandlung des Filmmaterials konnten
bislang 425 als kulturell und künstlerisch wertvoll eingestufte Filme
vor dem Verfall bewahrt werden.
1925 lernte der studierte Mediziner Jean Epstein an der Académie
du cinéma Luis Buñuel kennen und besetzte den späteren
Regisseur von Ein andalusischer Hund
in seiner ersten Filmrolle. Zunächst arbeiteten die beiden Avantgardisten
gemeinsam an La Chute de la Maison Usher, Buñuel distanzierte
sich jedoch später vom Film und schrieb Regie- und Drehbuchleistung
allein Epstein zu. Der Streit entzündete sich vor allem an der Besetzung
der weiblichen Hauptrolle mit Marguerite Denis Gance, die Frau des Napoleon-Regisseurs
Abel Gance, was Buñuel als Anbiederung an konservative Filmschaffende
empfand.
Epstein verfasste neben seiner Tätigkeit als Regisseur vom Impressionismus
und Surrealismus inspirierte Filmtheorien und setzte diese erstmals 1927
in Der dreiflügelige Spiegel um, in dem ein Mann aus der Sicht
dreier Frauen in verschiedener Gestalt gezeigt wird.
Als sein persönliches Meisterwerk und Wegweiser des französischen
Avantgarde- und Horrorfilms gilt jedoch unangefochten La Chute de la
Maison Usher, in dem der Regisseur thematische und optische Motive
seiner früheren Werke perfektioniert. So fließen vor allem
impressionistische Konzepte ein, welche die Betonung vom Emotion und Gefühl
durch filmspezifische Techniken zu erreichen suchen. Visuelle Gestaltungsmerkmale
wie Zeitlupe, Großaufnahmen, Überblendungen, Tiefenschärfe,
der Wechsel von Stillstand und Bewegung und Montage ermöglichen es,
Trance-ähnliche Wahrnehmungen medial umzusetzen und die Wirkungsweisen
von Filmbildern zu erforschen.
Zwar verzichtet Epstein anders als beispielsweise der Surrealist Buñuel
nicht komplett auf Kohärenz in der Erzählung, dennoch zielt
er auf die Auflösung raumzeitlicher Logik und Folgerichtigkeit zugunsten
einer Ästhetik des Unterbewussten und Irrationalen ab. So schafft
Epstein mit La Chute de la Maison Usher einen Film, der vor allem
durch die Brechung konventioneller Erzähltraditionen und seine innovative
Bildlichkeit besticht.
Die Kurzgeschichte, auf deren Motiven der Film beruht, stammt aus der
Feder des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe. The Fall of the House
of Usher erschien erstmals 1839 in Burton's Gentleman's Magazine
und wurde seitdem zehnmal verfilmt, u.a. 1960 mit Vincent Price in der
Hauptrolle.
Der größte Unterschied zwischen Buch und Verfilmung liegt darin,
dass der Regisseur und Drehbuchautor Epstein die im Original als Zwillingspaar
angelegten Protagonisten filmisch als Ehepaar umsetzt. Damit nimmt er
das in der Kurzgeschichte relevante Thema des Inzests heraus, welches
bei Poe nicht nur die Beziehung der Geschwister prägt, sonder auch
als Erklärung für die Degeneration des Hauses Usher dient.
Im Gegenzug erweitert Epstein die ursprüngliche Geschichte um das
Motiv des Portraits, das Jungbrunnen und Totenbild zugleich ist und an
Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray erinnert, und misst der
Figur der Madeleine deutlich mehr Zeit und Raum zu.
Neben seinen fantastischen Geschichten wurde Poe vor allem für die
Prägung des Detektivgenres und seine Stil bildende, symbolistische
Lyrik berühmt. Letztere stellte wiederum einen wichtigen Bezugspunkt
der impressionistischen Avantgarde-Bewegung der 1920er Jahre dar.
Poes Kurzgeschichten zeichnen sich neben den Thematiken des geistigen
Verwirrung, der Orientierungslosigkeit und des Unheimlichen vor allem
durch den melodiösen Sprachduktus aus. So entfaltet The Fall of
the House of Usher seine volle Wirkung weniger beim stillen Selbststudium
als beim lauten Lesen.
21 Uhr im Filmcafé im Oberen Foyer
Von der Suggestionskraft und Attraktivität Poe'scher Sprache können
sich interessierte Festivalbesucher vor der Vorstellung am Samstag selbst
live überzeugen. Heike Thiem-Schneider und Thomas Lang laden ein
zu einer Lesung der zeitlos fesselnden Kurzgeschichte im Filmcafé.