Underworld (USA 1927)

Underworld (USA 1927)
Dauer:
89 min
Regie:
Josef von Sternberg
Drehbuch:
  • Charles Furthman
  • Robert N. Lee
  • Howard Hawks
  • nach einer Erzählung von Ben Hecht
Kamera:
Bert Glennon
Darsteller:
  • George Bancroft
  • Evelyn Brent
  • Clive Brook
Musik & Ausführung:
Helmut Nieberle Ensemble
35mm-Kopie:
Paramount USA

Inhalt

Gangsterboss Bull Weed (George Bancroft) nimmt sich des Trinkers Rolls Royce (Clive Brook) an, der sich für diese Freundlichkeit revanchiert, indem er den Alkohol aufgibt und zu einem loyalen Gefolgsmann Weeds wird. Royce steigt zur rechten Hand des Bosses auf. Als sich dessen Gangsterbraut Feathers (Evelyn Brent) in den smarten Royce verliebt, droht das explosive Gemisch aus Liebe, Loyalität und Gewalt zu explodieren...

Underworld (USA 1927)

Hintergründe

Regisseur Josef von Sternberg ist heutzutage vor allem als genialischer Schöpfer des Mythos Marlene Dietrich bekannt, der er mitDer blaue Engel zu Weltruhm verhalf und deren Image er in sechs weiteren Filmen formte. Seine erster großer Erfolg (und insgesamt vierter Film) war jedoch 1927 Underworld, der heute als erster Gangsterfilm modernen Zuschnitts gilt und der stilprägend war. Während sich die ersten Gangster schon früh auf der Leinwand tummelten (etwa in D.W. Griffiths Musketeers of Pig Alley (1912) oder Raoul Walsh’ mit echten Gangstern besetzten Regeneration (1915)), tritt mit Bull Weed erstmals ein Gangster als Protagonist auf. Er ist nicht nur gefährlich und brutal, sonder zieht immer wieder die Sympathien des Publikums auf seine Seite. Hauptdarsteller George Bancroft wird in der Rolle zum Star und zur ersten Ikone des Genres – eine Rolle, die er unter der Regie von Sternbergs noch mehrfach wiederholt (The Docks of New York, Dragnet,Thunderbolt).

Mit Clive Brook stand von Sternberg darüber ein exzellenter zweiter Hauptdarsteller zu Verfügung. Er spielt den zunächst auf den Hund gekommenen Rolls Royce mit großer Eleganz, Geschmeidigkeit und Subtilität. Am bekanntesten ist Clive Brook heute für seine Rolle in von Sternbergs Shanghai Express, in dem er Marlene Dietrichs verflossenen Liebhaber spielt.

Sternberg selbst beschreibt Underworld folgendermaßen: „Ich hatte mit vielen Zutaten gearbeitet, die das Publikum zufrieden stellen sollten, und auch die verstaubten Themen Liebe und Opfer nicht vergessen. Menschliche Gefühle wurden unter Beweis gestellt, indem ein Mörder ein hungriges Kätzchen füttert. Ich verglich Bull Weed (George Bancroft) mit Attila, dem Hunnen – die meisten Zuschauer musste das verwirren, aber als Ausgleich zeigte ich, wie der Held einen Silberdollar mit der bloßen Hand zerdrückte. Trotz aller Konzessionen an den Geschmack des Publikums hatte ich weder den Autor noch den Vertrieb täuschen können. Sie entdeckten sofort eine ernsthafte künstlerische Absicht und wussten, was der Film war, ein Experiment in gefilmter Gewalt und Montage.“ (Blau des Engels, 248f)

Dieser unbedingte Gestaltungswille macht Underworld auch heute noch zu einem der Meisterwerke des amerikanischen Stummfilms wie des Gangsterfilms. Mit fließendem Licht, Mimik und Montage erschafft von Sternberg ein faszinierendes „Bildgedicht“ wie er es selbst nannte. Immer wieder erzählen geschickt geschnittene Großaufnahmen die Geschichte, raffen Zeit, be- und entschleunigen die Szenen nach Belieben. So stellt sich Underworld „als eine Revue betörender Oberflächenreize dar. Eine Gangsterbraut, die ‚Feathers’ heißt und lasziv in einem Flor schimmernder, schwereloser Federn durchs Bild zu gleiten pflegt. George Bancroft am Morgen nach dem Ball, mächtig und tumb wie der Bulle, dem er als big boss ‚Bull’ Weed seinen Spitznamen verdankt, durch einen Wald aus Papierschlangen und einen See aus Konfetti torkelnd.“ (Filmmuseum Austria).

Josef von Sternberg

Sternberg erinnert sich an die Entstehung des Films in seiner Autobiografie Blau des Engels : „Man gab mir ein paar Seiten eines Manuskripts von Ben Hecht. von ihm ein erster Versuch, seine Verachtung für das ‚Kino’ zum Ausdruck zu bringen. Die Geschichte hatte einen guten Titel und handelte von den Eskapaden eines Gangsters. Es war Neuland, denn über diese ergiebige Seite unserer Kultur hatte man noch keinen Film gedreht. Ich hielt Hecht für einen fähigen Autor […], aber er hielt mich nicht für einen fähigen Regisseur. Als er erfuhr, dass ich sein Manuskript verfilmen sollte, tat er mich mit der Bemerkung ab: ’Es gibt Tausende wie ihn, die auf der Avenue A Schach spielen.’ Das geplante Experiment versetzte Groß und Klein in Alarm. Ich durfte wieder hinter einer Kamera stehen und hatte keine Ahnung vom Verhalten von Gangstern – und jeder andere in Hollywood schien ein Experte zu sein. Ich bekam die Frau eines Studiogewaltigen als Hauptdarstellerin und einige andere unbedeutende Schauspieler. Man wollte auf keinen Fall eine wichtige Persönlichkeit in dieses Abenteuer verwickeln […] Ich hatte den Film in vier Wochen fertig. Daraufhin schickte man eine Kopie an die Hauptverwaltung. Als erstes meldete sich der Autor der ursprünglichen Idee, Mr. Hecht, zu Wort. Er telegrafierte: ‚Ihr armseligen Amateure, lasst meinen Namen aus dem Spiel!’ Ein anderes Telegram kam vom Leiter des Vertriebs. Diese Nachricht war an meinen Boß Mr. Ben Schulberg gerichtet, der das gewaltige Risiko auf sich genommen hatte, mir einen bedeutungslosen Film anzuvertrauen. Der Vertrieb war einstimmig der Meinung, der Film sei unverkäuflich und müsse auf Eis gelegt werden […] Der Film wurde nicht auf Eis gelegt, denn dazu war er zu wertvoll. Man ließ ihn ohne Werbung, ohne Vorankündigung im größten Kino von New York laufen. Ohne die Unterstützung der Werbetrommeln, die normalerweise jeden neuen Film als das größte Filmereignis aller Zeiten preisen, lief mein Film um zehn Uhr vormittags, denn man wollte die Presse umgehen. Kein Kritiker ist so früh auf den Beinen, geschweige denn in einem Kino. Niemand weiß, warum und wieso, aber drei Stunden später belagerte eine riesige Menschenmenge den Times Square. Alle wollten ins Kino. Die Menge wurde im Verlauf des Tages nicht kleiner und zwang den Kinobesitzer zu einer Nachtvorstellung nach der anderen. Daran änderte sich während der langen Laufzeit nichts. Und so begann die Ära der Gangsterfilme und der Kinos, die rund um die Uhr geöffnet waren […] Die Studiogewaltigen rieben sich die Hände. Sie hatten einen Film mit nichts und für nichts gemacht und hatten jetzt drei neue Starschauspieler und einen Regisseur.“ (247ff)

Hecht ließ sich trotz seiner Abneigung gegen den Film übrigens nicht davon abhalten, im Jahr 1928 den Oscar für die beste Drehbuchvorlage für Underworld entgegenzunehmen.

Erfolg von Underworld öffnete von Sternberg alle Türen in Hollywood. Dem Genre des Gangsterfilms blieb er zunächst treu – auch sein erster Tonfilm Thunderbolt (1929) spielt im gleichen Milieu. 1929 reist er nach Berlin, um mit Emil Jannings Heinrich Manns Roman Professor Unrat zu verfilmen. Für die Hauptrolle der Lola Lola besetzt er die noch relativ unbekannte Marlene Dietrich – der Rest ist Geschichte…