Auftaktveranstaltung zu ‘25 Jahre Städtepartnerschaft Erlangen - Wladimir’
In Kooperation mit ARTE/ZDF und Ensemble Kontraste
Wsewolod Pudowkins Film erzählt die Geschichte des nomadischen Jägers und Pelzhändlers Bair während des russischen Bürgerkrieges um 1918. Ort der Handlung ist die Steppe in der sowjetischen Teilrepublik Tuwa auf dem Territorium der Mongolei.
Bair gerät zwischen die Fronten der eng-lischen Kolonialherren und der Roten Armee. Er tritt russischen Partisanen bei, wird jedoch von den Engländern als vermeintlicher Erbe Dschingis Khans festgenommen und als Strohmann benutzt. Zunehmend erwächst in ihm der Zorn gegen die Usurpatoren und es entsteht in Besinnung sowohl auf seine wirklichen Ahnen als auch den “Vorfahren” Dschingis Khan die Vision eines Sturmes, in dem sich das Volk von der Unterdrückung befreit.
Der Film spielt zur Zeit des russischen Bürgerkrieges um 1918. Eine Interventions-Entente aus amerikanischen, französischen, britischen und japanischen Soldaten kämpft in den asiatischen Teilrepubliken und der russisch besetzten Mongolei (Region Tuwa) gegen Partisanen, die die Rote Armee gegen die Weiße Armee und andere versprengte nationale, konservative und zaristische konterrevolutionäre Gruppen unterstützten. Die Beteiligung der britischen Armee bei den für den Film relevanten Schlachten scheint fiktional zu sein.
Die Nomadenvölker der Mongolei leben von der Landwirtschaft, der Jagd und vom Handel mit Tierfellen. Die Nomaden verehren den blauen Himmel und ihre Ahnen. Die Mongolei ist zu dieser Zeit religiös von einem tibetischen Buddhismus (Lamaismus) geprägt. Der Film zeigt das Leben zwischen Landwirtschaft, Jagd und Religionsausübung in einzigartigen, Raum und Zeit in langen ruhigen Einstellungen verehrenden, Auf-nahmen. Insbesondere die Präsentation der buddhistischen Festlichkeiten und Tempelzeremonien ist kulturhistorisch herausragend.
In der Spielhandlung werden weiterhin die politisch und ökonomisch strategischen Interessen der einzelnen Gruppierungen zum Teil ironisch oder sarkastisch, in jedem Fall komödiantisch, gegenüber gestellt. Darin werden wir Zeugen, der Geburt eines 'Neuen Menschen' als Gegenspieler des wirtschaft-lichen und militärischen Imperialismus.
Der Film zeigt einen Kampf um die innere (politische, soziale, ethische und religiöse) und äußere (ethnische und territoriale) Konstituierung einer Gesellschaft anhand einer dramaturgischen Verdichtung hin auf den Identitätswandel seines Helden Bair. Die Haltung des Filmes ist von dem Wunsch nach Vollendung der revolutionären Vision getragen, ohne jedoch den naturgebundenen Menschen überwinden zu wollen.
Der Film lebt von der Verknüpfung der verschiedenen Schichten durch das Melodram. Sie transparent zu machen ist Ziel des Projektes unter besonderer Berücksichtigung der musikalischen Möglichkeiten.
Die Musik von Bernd Schultheis ist stilistisch der zeitgenössischen mitteleuropäischen Konzertmusik verpflichtet. Seine vielfältigen Arbeiten für den Stummfilm (siehe Biografie) machen deutlich, dass er in der Auseinandersetzung mit dem bildnerischen Erzählen stets neue Wege findet, Bild und Musik auf gleicher Höhe zu vereinen, indem er, ohne zu historisieren, eine schwebende Begegnung beider Welten entstehen lässt, in der sich die unterschiedlichen Zeit-Raum-Konzepte beider Kunstformen für einander öffnen und sich durchdringen. Auf diese Weise wird neues Sehen und Hören möglich, entsteht Filmmusik, die sich ganz auf die Bilder einlässt, ohne die gängigen Klischees der (Stumm)Filmmusik zu bedienen.
Die Musik zu Potomok Chengiskhan - Sturm über Asien kombiniert die Klangwelt des europäischen Westens und seine Ton- und Formsysteme mit der mikrotonalen und polyrhythmischen asiatischen Klangwelt von Oberton- und Untertonspektren, wie sie im Gesang der Nomadenvölker und auch der tibetischen Mönche zu finden sind. Die Musik soll nicht die Bilder verdoppeln. Im Ideal entsteht ein “Drittes”, ein Augen und Ohren öffnendes Erleben.