Am Ufer des Mississippi schwelt eine langjährige Fehde zwischen zwei Dampfschiffbesitzern: Der alte Steamboat Bill versucht sich mit seinem schrottreifen Kahn gegen die übermächtige Konkurrenz des reichen Mr. King zu behaupten. Hilfe erhofft er sich von seinem Sohn (Buster Keaton), der nach Jahren in der Großstadt erstmals zu seinem Vater zurückkehrt. Leider erweist sich dieser so gar nicht als Haudegen, sondern erinnert eher an einen hühnerbrüstigen Dandy. Doch damit nicht genug: Wie sich herausstellt, kennt Bill Junior nicht nur die ebenfalls gerade angereiste Tochter des verhaßten King, er liebt sie sogar. Die Väter verbieten den beiden denn auch umgehend den Umgang miteinander. Als dann schließlich auch nochein Orkan ungeahnten Ausmaßes aufzieht, bleibt im wahrsten Sinne kein Auge trocken...
Wie immer entfaltet sich Keatons Komik auch in Steamboat Bill, Jr. aus seinem fast aussichtslos scheinenden Kampf mit den Tücken der Alltagswelt und der Naturgewalten. Seine vergeblichen Versuche, sich den Zwängen und Anforderungen seiner Umwelt entsprechend zu verhalten, führen Keaton von einer komisch-tragischen Situation in die nächste. Wenn dann der Orkan zum turbulenten Finale bläst, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, und wir werden Zeugen spektakulärer Stunts (wie immer von Keaton selbst ausgeführt) und haarsträubender Situationen, die den besten Beweis für die berüchtigte Zerstörungswut des Slapstick liefern.
Was für gewaltsame Mechanismen es sind, die das Lachen provozieren,
was für eine Disparität der Verhältnisse, kann man am drastischten
dort sehen, wo das Übermaß der Ohnmacht, das jähe Leid,
in Lachen umschlägt. [...] Auf eine besondere Weise gilt dies für
Keaton, was schon sein Great Stone Face, sein stets gleichbleibendes,
melancholisches Gesicht zeigt. Es gibt zwei Umstände zu denen ein
solches versteinertes Gesicht gehört: Nachdenklichkeit, und eine
Situation, in der man sich keine Gefühle leisten kann (insofern ist
die Variante pokerface besser, weil sie beides vereinigt). Für Keaton
aber gibt es zeitlebens nur diesen Zustand: Gefühle gelten nicht,
dieser Mensch ist ganz davon absorbiert, die Probleme zu bewältigen,
mit denen er stets von Neuem konfrontiert ist: »... ich würde
es als selbstverständlich ansehen, daß ich verstehen müßte,
was ich tue, und zugleich beginnen müßte, zu verstehen und
zu handeln. Und natürlich würde ich Verwirrung stiften - das
würde mir passieren, weil ich nichts davon verstehe, was ich tue,
aber immer einen Versuch machen würde« (Keaton) [...].
Die Ungleichheit des Kampfes ist und die letzendliche Bewältigung
der Probleme sind die Quelle der Keatonschen Komik. Fast immer sind es
Dinge, mit denen Keaton zu kämpfen hat, und in fast allen Filmen
kommen auch Maschinen vor, die ihm zunächst fremd und feindlich gegenüberstehen.
Die List der Vernunft, mit der er ihrer auf seine eigenen verquere Weise
Herr wird, ist das einzige Glück, das Keaton kennt: Allein, dieses
Glück reicht nicht aus, um die Trauer aus seinem Gesicht zu bannen.
Er vergißt nie, daß ihm das Kämpfen aufgezwungen ist.
Und die Regeln, an die er sich mühselig angepaßt hat [...]
überwinden die Ferne zwischen seinem vereinzelten Ich und seinem
Nächsten nur scheinbar; an dem Motto »Hilf dir selbst, sonst
hilft dir niemand« ändert sich nichts. Er kämpft nicht,
weil er ein Kämpfer ist oder weil ihm die Regeln etwas gelten. In
der Unterworfenheit ist er das Opfer; die Unterwerfung ist sein Reflex
darauf. [...] Diese sprachlose Trauer über das, was er sich selbst
antun muß, um zu überleben, konnte übrigens gar nicht
anders als in einem Film ohne Sprache, im Stummfilm realisiert werden.
»Er war in seinem ganzen Stil und Typus der stummste aller Stummfilmkomiker...«
(James Agee).
Thomas Brandlmeier