Hugo Bettauers Roman spielt in Wien, kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs.
Die Christlich-Sozialen sind an die Macht gekommen. Ihr Bundeskanzler,
Dr. Schwerdtfeger, bringt vor der Nationalversammlung ein Gesetz ein:
Alle Juden haben Österreich bis zum Ende des Jahres zu verlassen,
ihr Vermögen fällt dem Staat zu. Dr. Schwerdtfeger ist kein
fanatischer Antisemit, er handelt aus nationaler Verantwortung - wie er
sie versteht: »Verehrtes Haus! Die Sache ist einfach die, dass wir
Österreicher den Juden nicht gewachsen sind, dass wir von einer kleinen
Minderheit beherrscht und unterdrückt werden, weil eben diese Minderheit
Eigenschaften besitzt, die uns fehlen. Unser Volk ist ein naives Volk,
verträumt, verspielt, der Musik und der stillen Naturbetrachtung
ergeben, fromm und bieder. Das sind schöne Eigenschaften, aus denen
eine wunderbare Kultur erwachsen könnte. Aber die Juden unter uns
dulden diese Entwicklung nicht. Mit ihrer unheimlichen Verstandesschärfe,
ihrem Weltsinn, ihren durch jahrtausendelange Unterdrückung geschärften
Fähigkeiten haben sie uns überwältigt.«
Das Gesetz der Judenvertreibung wird mit Begeisterung aufgenommen, die
Juden verlassen das Land. Bald legt sich jedoch die Euphorie: An den Theatern
sind nur noch Stücke von Ganghofer und Anzengruber zu sehen. Die
Kaffeehäuser stehen leer und werden umgerüstet in Stehbierhallen
mit heißen Wursteln. Der Handel geht an Wien vorbei zugunsten von
Prag und Budapest. Arbeitslosigkeit und Inflation greifen um sich...
Der Film ist neben seiner historischen Dimension auch theatergeschichtliches
Zeugnis: er zeigt den damals 44jährigen Hans Moser in seiner zweiten
Filmrolle als antisemitischen Nationalrat.
»Als ich einmal einen jener Orte aufsuchte, an denen man sich nicht
länger aufzuhalten pflegt, als unbedingt notwendig ist, sah ich nebst
anderen erbaulichen Inschriften auf den Wänden auch mehrfach die
kategorische Aufforderung prangen: Hinaus mit den Juden!
Dieser Sehnsuchtsschrei eines sicher sonst ganz braven Mannes, den man
ja auch in den Plakaten unter dem lieblichen Hakenkreuz findet, auf der
Elektrischen oft genug hört und als christlich teutonisches Sanierungsprogramm
in den 'Wiener Stimmen' liest, regte meine Phantasie zu spielerischen
Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde,
wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung
folgten und die Stadt verließen. Von da an begann ich die Firmenschilder,
die Spendenlisten und Personalnachrichten in den Zeitungen zu studieren.
[...] Jawohl, ich weiß, ich hätte viel tiefer schürfen
und ein dickleibiges Buch mit gründlicher volkswirtschaftlicher Betrachtung
über alles schreiben können, was geschehen würde, wenn
Wien keine Juden mehr hätte. Stattdessen habe ich ein ganz amüsantes
Romänchen hingehaut, wie es eben in meiner Art liegt.«
(Hugo Bettauer, 1922)
Die Stadt ohne Juden war Bettauers meistgekauftes und -gelesenes Werk.
Bis 1926 war es bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden, und
die Gesamtauflage soll eine Viertelmillion Exemplare erreicht haben. Die
Brisanz des Romans lag aber nicht nur in der Thematik. Bettauers Zeitgenossen
konnten an einigen Romanfiguren Züge von Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens wiedererkennen. Noch heute lassen sich die Vorbilder
eruieren, durch die sich der Autor anregen ließ. In diesem Licht
ist auch die 1924 entstandene Verfilmung von Hans Karl Breslauer zu sehen.
Die Romanhandlung wurde umgearbeitet, um die politische Brisanz zu mildern.
Der innenpolitische Konfliktstoff wurde reduziert. Die Handlung spielt
nicht im realen Wien, sondern in »Utopia«, einer Stadt, die
lediglich als Traum eines Antisemiten existiert. Stärker betont wurde
die Liebesgeschichte zwischen dem Wiener Mädel und dem französischen
Maler.
Die aus technischen Gründen überstürzte Premiere des Films
hatte das Zerwürfnis Breslauers und Bettauers zur Folge, der jeden
Zusammenhang mit seinem Roman ablehnte. In den Kinos wurden technisch
minderwertige Kopien gezeigt, die Kinobesitzer schnitten eigenhändig
und willkürlich. Trotz aller reproduktionstechnischer Mängel
kam es infolge des großen öffentlichen Interesses nicht zum
Skandal sondern zu überfüllten Kinos. Freilich waren nicht alle
Zuschauer begeistert. Erwartungsgemäß machten es sich junge
Nationalsozialisten zur Gewohnheit, Stinkbomben in die Kinosäle zu
werfen, in denen der Film aufgeführt wurde.