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Ich schreibe gerade
an einem Stück über eine Frau, die mit ihren nackten Füßen
im Blute eines Mannes tanzt, den sie begehrte und ermordete.
(Oscar Wilde)
Salomé basiert auf Oscar Wildes skandalträchtigem Theaterstück gleichen Titels, das sich wiederum an der biblischen Geschichte des Herod und seiner Stieftochter Salomé, die dem gestrengen Täufer Johannes verfällt, orientiert. Als dieser sie zurückweist, nutzt sie das offensichtliche Begehren ihres Stiefvaters, um ihre verschmähte Liebe zu rächen. Als Preis für einen aufreizenden Tanz vor dem König fordert sie den Kopf des Täufers.
Salomé ist ein Paradebeispiel künstlerischer und visueller Exzentrik: Alla
Nazimova war die treibende Kraft des Projekts: Sie spielte nicht nur die
Hauptrolle und finanzierte den Film aus ihrem Privatvermögen; unter
ihrem Pseudonym Peter M. Winters verfaßte sie auch das Drehbuch.
Charles Bryant, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten angeblicher 'Ehemann' der
Nazimova und Regisseur des Films, war kaum mehr als ein Strohmann für
"Madames" exzentrische Ideen.
Für Bauten und Kostüme verpflichtete Nazimova Natacha Rambova,
mit der sie zuvor schon Billions und Camille (Die Kameliendame)
gedreht hatte. Rambova, Rudolpho Valentinos Ehefrau und Nazimovas Geliebte,
orientierte sich bei ihren Entwürfen an der Ästhetik von Aubrey
Beardsleys skandalösen Zeichnungen zu Wildes englischsprachiger Erstausgabe
des Stückes aus dem Jahre 1894. Weder Kosten noch Mühen wurden
gescheut, um die aufsehenerregenden Entwürfe umzusetzen. Für
den berühmten Schleiertanz verwand Rambova, eine geborene Winifred
Shaughnessy aus Salt Lake City, gar eine Seidentunika, die zur besseren
Passform mit einem Gummi-Futter ausgestattet wurde, dass von einem Autoreifenhersteller
speziell für Salomé angefertigt wurde.
Neben Berichten zur visuellen Opulenz schürte Nazimova das publicityträchtige
Gerücht, dass alle am Film Beteiligten als Hommage an Wilde entweder
schwul, lesbisch oder bisexuell gewesen seien. Die Figur eines römischen
Soldaten, der den syrischen Hauptmann begehrt, wurde eigens dazu erfunden.
Trotz der öffentlichen Diskussion, die sich um Salomé
entspann - als besonders anstößig empfanden die Zensoren die
Vermischung von "Dekadent-Perversem" mit biblischen Figuren
und Motiven - floppte der Film an den Kinokassen. The New Republican
schrieb gar: »Entwürdigend und unintelligent. Nazimova versucht
sich an einer Rolle, für die sie keinerlei Qualifikation besitzt
[...] Wie sehr sie sich auch bemüht, sie kann nicht verführerisch
sein [...] Die tödliche Verlockung des Sexes, die Wildes Stück
wie ein schleichendes Gift durchdringt, wird in dem Augenblick ausgetrieben,
in dem man ihrer knabenhaften Gestalt gewahr wird.«
Andere hingegen erkannten die künstlerische Vision, die hinter dem
Projekt steckte und reagierten entsprechend. Im Life Magazine hieß
es: »Die Personen, die für Salomé verantwortlich
sind, verdienen von ganzer Seele die Dankbarkeit eines jeden, der an die
Möglichkeiten des Films als Kunst glaubt.«
Alla Naziomva wird 1879 als Mariam Edez Adelaida (kurz: Alla) Leventon
in Russland geboren. Als ihr der Vater die Benutzung ihres Familiennamens
für ihren ersten größeren Auftritt als Geigerin versagt,
wählt sie den Nachnamen einer Romanfigur, der ihr frisch im Gedächtnis
war, Nazimova. 1905 gelangt sie mit einer Theatertournee über Berlin
und London nach New York, wo sie in Rekordzeit Englisch lernt und bald
als neue »Duse« gefeiert wird. Ihren Zeitgenossen gilt sie als
erste wirklich 'moderne' Schauspielerin Amerikas. Als erste amerikanische
Schauspielerin wendet sie konsequent die Lehre des Schauspiellehrers Stanislawski
an und überwacht alle Bereiche ihrer Produktionen selbst.
Mit Hedda Gabler und Nora oder ein Puppenheim ist sie die erste Schauspielerin,
die Ibsen in Amerika zum Durchbruch verhilft. Auch Tschechow verdankt
ihr seinen Erfolg in den USA. Nazimovas Theaterauftritte finden ihren
Höhepunkt in ihrer umjubelten Darstellung der Helene Alving in Ibsens
Gespenster im Jahre 1935. Als sie mit diesem Stück in St.
Louis gastiert, sitzt ein junger Mann namens Tennessee Williams im Publikum,
der Jahre später über diesen Abend schreiben wird: »Ich
wollte zum ersten Mal ein Schriftsteller werden, als ich Alla Nazimova
in Gespenster sah [...] Sie war so überwältigend kraftvoll,
dass es mich nicht auf meinem Platz hielt.«
Nazimova wirkt in 17 Stummfilmen mit, von denen die meisten unter ihrer
künstlerischen Kontrolle entstehen. Obwohl Salomé heute als
erster Kunstfilm der USA gilt, beendet sein finanzieller Mißerfolg
Nazimovas Karriere als unabhängige Filmemacherin. Sie kehrt zum Theater
zurück und tritt nur noch in kleineren Filmrollen auf, bevor sie
1945 im Alter von 66 Jahren in Hollywood stirbt.