Salomé (USA 1923)

Dauer:
74 min
Regie:
Charles Bryant
Drehbuch:
Natasha Rambova nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Oscar Wilde
Darsteller:
  • Alla Nazimova
  • Nigel De Brulier
  • Mitchell Lewis
  • Rose Dione
  • Arthur Jasmine
Musik:
Marc-Olivier Dupin
Ausführung:
Erlanger Musikinstitut und Gäste
Leitung:
Stefan Hippe
Filmstill Salomé Filmstill Salomé

Ich schreibe gerade an einem Stück über eine Frau, die mit ihren nackten Füßen im Blute eines Mannes tanzt, den sie begehrte und ermordete.
(Oscar Wilde)

Inhalt

Salomé basiert auf Oscar Wildes skandalträchtigem Theaterstück gleichen Titels, das sich wiederum an der biblischen Geschichte des Herod und seiner Stieftochter Salomé, die dem gestrengen Täufer Johannes verfällt, orientiert. Als dieser sie zurückweist, nutzt sie das offensichtliche Begehren ihres Stiefvaters, um ihre verschmähte Liebe zu rächen. Als Preis für einen aufreizenden Tanz vor dem König fordert sie den Kopf des Täufers.

Salomé ist ein Paradebeispiel künstlerischer und visueller Exzentrik: Alla Nazimova war die treibende Kraft des Projekts: Sie spielte nicht nur die Hauptrolle und finanzierte den Film aus ihrem Privatvermögen; unter ihrem Pseudonym Peter M. Winters verfaßte sie auch das Drehbuch. Charles Bryant, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten angeblicher 'Ehemann' der Nazimova und Regisseur des Films, war kaum mehr als ein Strohmann für "Madames" exzentrische Ideen.
Für Bauten und Kostüme verpflichtete Nazimova Natacha Rambova, mit der sie zuvor schon Billions und Camille (Die Kameliendame) gedreht hatte. Rambova, Rudolpho Valentinos Ehefrau und Nazimovas Geliebte, orientierte sich bei ihren Entwürfen an der Ästhetik von Aubrey Beardsleys skandalösen Zeichnungen zu Wildes englischsprachiger Erstausgabe des Stückes aus dem Jahre 1894. Weder Kosten noch Mühen wurden gescheut, um die aufsehenerregenden Entwürfe umzusetzen. Für den berühmten Schleiertanz verwand Rambova, eine geborene Winifred Shaughnessy aus Salt Lake City, gar eine Seidentunika, die zur besseren Passform mit einem Gummi-Futter ausgestattet wurde, dass von einem Autoreifenhersteller speziell für Salomé angefertigt wurde.
Neben Berichten zur visuellen Opulenz schürte Nazimova das publicityträchtige Gerücht, dass alle am Film Beteiligten als Hommage an Wilde entweder schwul, lesbisch oder bisexuell gewesen seien. Die Figur eines römischen Soldaten, der den syrischen Hauptmann begehrt, wurde eigens dazu erfunden.
Trotz der öffentlichen Diskussion, die sich um Salomé entspann - als besonders anstößig empfanden die Zensoren die Vermischung von "Dekadent-Perversem" mit biblischen Figuren und Motiven - floppte der Film an den Kinokassen. The New Republican schrieb gar: »Entwürdigend und unintelligent. Nazimova versucht sich an einer Rolle, für die sie keinerlei Qualifikation besitzt [...] Wie sehr sie sich auch bemüht, sie kann nicht verführerisch sein [...] Die tödliche Verlockung des Sexes, die Wildes Stück wie ein schleichendes Gift durchdringt, wird in dem Augenblick ausgetrieben, in dem man ihrer knabenhaften Gestalt gewahr wird.«
Andere hingegen erkannten die künstlerische Vision, die hinter dem Projekt steckte und reagierten entsprechend. Im Life Magazine hieß es: »Die Personen, die für Salomé verantwortlich sind, verdienen von ganzer Seele die Dankbarkeit eines jeden, der an die Möglichkeiten des Films als Kunst glaubt.«

Filmstill Alla Nazimova in Salomé

Alla Nazimova

Alla Naziomva wird 1879 als Mariam Edez Adelaida (kurz: Alla) Leventon in Russland geboren. Als ihr der Vater die Benutzung ihres Familiennamens für ihren ersten größeren Auftritt als Geigerin versagt, wählt sie den Nachnamen einer Romanfigur, der ihr frisch im Gedächtnis war, Nazimova. 1905 gelangt sie mit einer Theatertournee über Berlin und London nach New York, wo sie in Rekordzeit Englisch lernt und bald als neue »Duse« gefeiert wird. Ihren Zeitgenossen gilt sie als erste wirklich 'moderne' Schauspielerin Amerikas. Als erste amerikanische Schauspielerin wendet sie konsequent die Lehre des Schauspiellehrers Stanislawski an und überwacht alle Bereiche ihrer Produktionen selbst.
Mit Hedda Gabler und Nora oder ein Puppenheim ist sie die erste Schauspielerin, die Ibsen in Amerika zum Durchbruch verhilft. Auch Tschechow verdankt ihr seinen Erfolg in den USA. Nazimovas Theaterauftritte finden ihren Höhepunkt in ihrer umjubelten Darstellung der Helene Alving in Ibsens Gespenster im Jahre 1935. Als sie mit diesem Stück in St. Louis gastiert, sitzt ein junger Mann namens Tennessee Williams im Publikum, der Jahre später über diesen Abend schreiben wird: »Ich wollte zum ersten Mal ein Schriftsteller werden, als ich Alla Nazimova in Gespenster sah [...] Sie war so überwältigend kraftvoll, dass es mich nicht auf meinem Platz hielt.«
Nazimova wirkt in 17 Stummfilmen mit, von denen die meisten unter ihrer künstlerischen Kontrolle entstehen. Obwohl Salomé heute als erster Kunstfilm der USA gilt, beendet sein finanzieller Mißerfolg Nazimovas Karriere als unabhängige Filmemacherin. Sie kehrt zum Theater zurück und tritt nur noch in kleineren Filmrollen auf, bevor sie 1945 im Alter von 66 Jahren in Hollywood stirbt.