Sadie Thompson möchte ihr altes Leben in San Francisco hinter sich lassen und landet dabei in Pago Pago auf der Südseeinsel Tutuila. Rauchend, trinkend, fluchend und flirtend wird sie auf der eigentlich als Zwischenstopp ihrer Reise gedachten Insel schnell zum Liebling der dort stationierten Marines und zum Feindbild des Reformers Davidson. Dieser zieht mit seiner Frau von Insel zu Insel, um den Einheimischen zu erklären, „was Sünde bedeutet“ und die Moral der amerikanischen Auswanderer zu hüten.
Zunächst kümmert sich Sadie wenig um den selbsternannten Moralwächter, mit dem sie sich jedoch das Hotel teilen muss.
Ihr Interesse gilt dem Marine O‘Hara, der ihr den Hof macht und bereit ist, mit ihr nach Australien auszuwandern, obwohl er weiß, dass sie in San Francisco dort gearbeitet hat, „wo sie die roten Laternen raushängen“. Doch Davidson macht seinen Einfluß bei den örtlichen Behörden geltend und schon bald scheint nicht nur Sadies, sondern auch O‘Haras Zukunft in Gefahr.
Sadie lässt sich daraufhin auf Davidson und seine Versprechen zur Vergebung ihrer Sünden ein. Binnen weniger Tage wird sie Davidson hörig und weist schließlich sogar O‘Haras Rettungsversuch zurück. Nach dem anschließenden gemeinsamen Gebet verliert Davidson jedoch die Kontrolle über sich und folgt der verängstigten Sadie auf ihr
Zimmer...
Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Somerset Maugham, welche unter dem Titel Rain als Theaterstück äußerst erfolgreich war. Als Gloria Swanson sich zusammen mit Regisseur Raoul Walsh entschied, diesen Stoff für ihren zweiten selbst produzierten Film zu verwenden, stand das Theaterstück jedoch bereits auf der schwarzen Liste der Holly- woodproduzenten. Unter dem Druck des Hays Office, der damaligen Instanz der Selbstzensur der Filmwirtschaft, hatten sämtliche Studio-Bosse sich gemäß der „formula“ verpflichtet, Hays und die anderen Produzenten zu informieren, falls ihnen ‚fragwürdige‘ Ideen und Stoffe angeboten würden. Rain stand ganz oben auf dieser Liste der nicht verfilmbaren Vorlagen. Swanson beschloss deswegen die Rechte an der ursprünglichen Kurzgeschichte zu erwerben und traf sich außerdem mit Hays persönlich, um ihn von ihren hehren Absichten zu überzeugen. Dies gelang ihr zwar, doch zog sie dadurch den Unmut der großen Hollywood-Produzenten auf sich, die auch die großen Kinoketten des Landes unter ihrer Kontrolle hatten. Schlussendlich konnte Swanson den Film entgegen all dieser Widerstände produzieren. Um jedoch weiteren Problemen mit der Zensur aus dem Weg zu gehen wurde für Sadie Thompson aus Reverend Davidson lediglich Mister Davidson - die Darstellung eines Geistlichen, der sexuell übergriffig wird, hätte neben dem Hays Office zudem die Kirche auf den Plan gerufen. Ein weiteres Zugeständnis waren die sehr zahmen Zwischentitel - im Bewusstsein dafür, dass das Publikum im Lippenlesen geübt war, ergänzte Swanson diese jedoch an vielen Stellen in ihrem Schauspiel durch sexuellen Anspielungen und Kraftausdrücke, die die Zensur auf andere Weise nie passiert hätten. Nach seinen umstrittenen und umkämpften Anfängen landete Gloria Swanson mit Sadie Thompson ihren größten kommerziellen Erfolg als Produzentin. Als Schauspielerin erhielt sie ihre erste Oscar-Nominierung.
Gloria Swanson wird 1899 in Chicago geboren und beginnt bereits 1913 ihre Karriere als Schauspielerin, obwohl sie zunächst von einer Karriere als Opernsängerin träumtee. Anfangs schlägt sie sich als Statistin durch, doch bereits kurze Zeit später wird sie ein Mitglied der Komödientruppe von Charlie Chaplins Mentor Mack Sennet. Eine abrupte Wendung erfährt ihre Karriere, als Swanson 1919 bei Paramount von Star-Regisseur Cecil B. De Mille entdeckt wird. Unter seiner Regie wird sie zu einer der glamourösesten Schauspielerinnen ihrer Zeit. Vornehmlich wird Gloria Swanson in romantischen Komödien und Kostümfilmen besetzt. Sie spielt an der Seite von Rudolph Valentino und Laurence Olivier. 1926, mit gerade einmal 26 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen, ist sie die bestbezahlte Schauspielerin aller Zeiten.
Doch Swanson hat genug von den immer gleichen Studioproduktionen und verlangt nach mehr künstlerischer Freiheit. Insofern kommt ihr das Angebot von United Artists, der von Mary Pickford, Douglas Fairbanks, D.W. Griffith und Charlie Chaplin gegründeten Produktionsfirma, sehr gelegen. Sie schlägt die enormen Summen, die Paramount ihr für die Vertragsverlängerung bietet, aus und entscheidet sich stattdessen, bei United Artists das Risiko eigener Produktionen einzugehen.
Während eines ihrer Projekte, Queen Kelly, welches sie mit Erich von Strohheim realisieren wollte, zum finanziellen Desaster gerät, erweist sich Wunschprojekt Sadie Thompson als großer Erfolg bei Kritikern und Publikum gleichermaßen.
Auch den Übergang zum Tonfilm meisterte Swanson ohne Probleme - mit dem ebenfalls selbst produzierten The Trespasser füllt Swanson erneut landesweit Kinosäle und erhält ihre zweite Oscar-Nominierung.
Neben ihren schauspielerischen Erfolgen ist Swanson auch ein Liebling der Boulevard-Magazine. Denn sie gibt ihr Geld mindestens so schnell aus, wie sie es verdient - das Publikum bekommt die private Extravaganz, die es von seinem größten Star erwartet: Unter ihren sechs Ehemännern und zahlreichen Affären waren ein französischer Graf, berühmte amerikanische Schauspieler und der Vater von John F. Kennedy.
Ihr letzter großer Leinwanderfolg ist 1950 Sunset Boulevard . In Billy Wilders Hollywood-Satire spielt die umtriebige Swanson das genaue Gegenteil von sich selbst: eine alternde Diva, die nur in der Vergangenheit lebt. Mit ihr vor der Kamera stehen Cecil B. De Mille, Erich von Stroheim und Buster Keaton. Anschließend arbeitet Gloria Swanson weiter erfolgreich für das Fernsehen und als Bühnenschauspielerin, sie schreibt Bücher und entwirft Mode. Als Gloria Swanson 1983 stirbt, titelt die New York Times ihren Nachruf »The Greatest Star of Them All«.
Gloria Swanson verstarb in den Glauben, dass einer ihrer größten Erfolge für immer verloren sei. Denn erst vier Jahre nach ihrem Tod fand man 1987 eine erhaltene Filmkopie von Sadie Thompson im Privatarchiv von Mary Pickford. Bis auf den Schlussakt, der dem Verfall des Materials zum Opfer gefallen war, erwies sich die Kopie als relativ unbeschadet. Für die Restaurierung des Films verwendeten Dennis Doros und Kino International deswegen die Originaldrehbuch und Photoaufnahmen vom Set, um die letzten 15 Minuten des Films möglichst originalgetreu nachzuempfinden. So kann der Film heute wieder in seiner Originallänge und herausragender Kopienqualität gezeigt werden. Eigens für die Restaurierung wurde eine neue Musik in Auftrag gegeben. Bei den StummFilmMusikTagen hören Sie diese Komposition von Joseph Turrin in 18-köpfiger Originalbesetzung, gespielt vom ensemble KONTRASTE.
Joseph Turrin studierte an der Eastman School of Music und der Manhattan School of Music Komposition und ist seitdem als Komponist, Pianist und Dirigent in den verschiedensten Bereichen tätig. So schrieb er unter anderem Stücke für zahlreiche Blas- und Kammerorchester sowie für die New Yorker Philharmoniker, mit denen Joseph Turrin ein besonders enges Verhältnis pflegt. Darüber hinaus komponierte er eine eigene Oper und die Fanfare für die olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Zu den zahlreichen Interpreten seiner Musik gehören Anne-Sophie Mutter, Kurt Masur, die US Army Band, die Kammermusiker des New Yorker Lincoln Center und das Leipziger Gewandhausorchester. Daneben vertonte Turrin auch Filme und Theaterstücke, für die er mit zahlreichen Preisen wie dem Emmy ausgezeichnet wurde. Thompson ist dabei nicht seine einzige Stummfilmkomposition. Er komponierte unter anderem auch Originalmusiken für die DVD-Produktionen von D.W. Griffiths Meisterwerke Broken Blossoms und Intolerance sowie für G.W. Pabsts Tagebuch einer Verlorenen. Wie in vielen seiner Werke legt Turrin auch bei Sadie Thompson den musikalischen Schwerpunkt auf Bläser und Streicher. Dabei unterstreicht die Musik gleichzeitig das befreite Spiel von Gloria Swanson wie die bedrohliche Repression von Lionel Barrymores Mister Davidson. Im Einklang mit der herausragenden Kameraarbeit von George Barnes und Oliver Marsh gelingt es Turrin zudem, die dichte Atmosphäre des schwülen und dauerverregneten Pago Pago einzufangen. Im Machtkampf zwischen Swanson und Barrymore wird mit Turrins Unterstützung die Spannung gegen Ende fast greifbar.