In dieser vor Pointen sprühenden Groteske verlegt Regisseur Ernst Lubitsch das berühmte Shakespeare-Drama in den Schwarzwald und belebt die Geschichte um eine verbotene junge Liebe mit Karikaturen aus einem gleichnamigen Volksstück.
»Alles gerät
hier ins Wanken und meint doch, jederzeit auf festem Boden zu stehen.
Aus dem Gleichgewicht gerät eine Haltung, die wider alle Vernunft
in festgefahrenen Konventionen ihre Sicherheit sucht. In einer Sequenz
führt Lubitsch diesen schmerzhaften Lernprozess geradezu penibel
vor; die von einem Fest heimkehrenden Gäste rutschen einer nach dem
anderen auf ein und derselben abschüssigen Wegstelle aus; nur der
Bauer Capulethofer ist schon vorher ausgeglitten und saust, gleichsam
im freien Fall, auf seinem Hinterteil ins Tal.
Lubitsch lässt die Geschichte von Romeo und Julia in einem winterlichen
Alpendorf spielen; der ländliche Charakter dieser Szenerie gilt als
Zeichen für eine intakte Welt, die im Einklang mit der Natur steht.
[...]
Lubitsch hat sich einen Jux daraus gemacht, theatralische Elemente der
Vorlage durch burleske Späße, durch den Mummenschanz der Kostümierung
und durch übertriebene Gestik zu persiflieren. Mit Parallelmontagen,
die nicht auf einen platten Kontrast der Charaktere, sondern auf eine
ironische Auflösung ihrer Handlungsabsichten hinauslaufen, und mit
einer Spielführung, in der die Körpersprache als zentrales Ausdrucks-
und Verständigungs- mittel gleichzeitig den Verfall verbaler Ausdrucksfähigkeit
dokumentiert, entgeht Lubitsch dem Niveau von Plotten über die Beschränktheit
ländlicher Verhaltensweisen. Dennoch scheint das Ganze nicht mehr
als eine Fingerübung gewesen zu sein. In dem nach Art des Kammerspiels
inszenierten Prolog zeigt sich ein anderes Talent. Winzige Nuancen des
Mienenspiels des Richters und des Schreibers reichen aus, die satirische
Skizze einer Gesellschaft zu zeichnen, in der die formale Gerichtsbarkeit
nichts mehr zu tun hat mit der Idee von Gerechtigkeit. Aber mit der Weiterentwicklung
dieser Geschichte wäre ein anderer - und gar nicht mehr so volkstümlicher
Film entstanden.» (Werner Sudendorf)
Lubitsch drehte Romeo und Julia im Schnee im Winter 1919/20 gemeinsam mit einer zweiten Shakespeare-Adaption Kohlhiesels Töchter (mit Henny Porten, beruhend auf Der Widerspenstigen Zähmung). Der Film galt lange als verschollen. Erst 1999 entdeckte das Filmarchiv Austria den Film in seinen Beständen und rekonstruierte aus einem Nitronegativ und einem kolorierten Positiv diese viragierte (= eingefärbte) Fassung des Films.
Quellen:
Prinzler, Hans Helmut, Enno Patalas (Hg.). Lubitsch. München/Luzern:
Bucher, 1984.
Von Keitz, Ursula. »Ernst Lubitsch«.Deutsches Filminstitut.