Piccadilly (GB 1929)

Anna May Wong in Piccadilly (GB 1928)
Dauer:
108 min
Regie:
Ewald André Dupont
Drehbuch:
  • Arnold Bennett
  • Rex Taylor
Kamera:
Werner Brandes
Schnitt:
J W McConaughty
Darsteller:
Musik
Frieder Egri und Roman Rothen
Ausführung:
Frieder Egri & Ensemble
35mm-Kopie:
British Film Institute

Inhalt

Valentine Wilmot, der Besitzer eines mondänen Londoner Nachtclubs, verteilt seine Interessen auf das Geschäft im Nachtclub und auf Mabel Greenfield, den weiblichen Teil eines Paares exhibitionistischer Tänzer. Ein kleiner Fehler im perfekten Getriebe des Clubs, ein schmutziger Teller, der einem Kunden serviert wurde bringt den ganzen Betrieb durcheinander, zieht Wilmot in einen Streit mit dem Tänzer und lenkt sein Interesse auf das chinesische Küchenmädchen, die eigentliche Ursache für den ganzen Ärger. Das Küchenmädchen wird die neue Startänzerin. Wilmots ist für ihre exotischen Reize sehr empfänglich; Mabel entdeckt, dass er die chinesische Tänzerin nachts besucht. Als der Tänzer ermordet aufgefunden wird, geraten Wilmot und Mabel unter Verdacht… (nach Bioscop, 6. 2. 1929.)

Anna May Wong in Piccadilly (GB 1928)

Die Produktion

Bis zum Jahr 1928 waren die Produktionskosten britischer Filme innerhalb weniger Jahre geradezu explodiert. Produzent John Maxwell mag es daher einiges Kopfzerbrechen (und einen nicht unerheblichen Teil seines Privatvermögens) gekostet haben, dem zwar genialen, aber ein wenig zur Verschwendung neigenden deutschen Regisseur E.A. Duponts die Regie für den Prestigefilm Piccadilly übertragen zu haben. Dupont hatte mit Varieté (1925) international für Begeisterung gesorgt und auch sein erster britischer Film, Moulin Rouge, war erfolgreich gewesen. Doch Piccadilly übertraf vermutlich selbst das Rekordbudget von 80.000 Pfund für Moulin Rouge noch um einiges. Dupont begann die Dreharbeiten meist erst gegen Mittag und lies dafür bis tief in die Nacht arbeiten, was zu jeder Menge bezahlter Überstunden führte. Duponts Faible für aufwendige Ausstattung musste ebenfalls teuer bezahlt werden.
Zum enormen Budget kam dann auch noch der Beginn des Tonfilms, der Maxwell Sorge bereitete. Nachdem Piccadilly landesweit gestartet war, musste schnell ein fünfminütiger Ton-Prolog mit Jameson Thomas und John Longeden als »Mann aus China« für den amerikanischen Markt nachproduziert werden, ebenso wie ein Soundtrack mit (zweitklassiger)Filmmusik.

Zum Film

Dass dieser Aufwand sich gelohnt hat, das beweist der fertige Film: Von der ersten Einstellung an zeigt Piccadilly Duponts ausgezeichnetes visuelles Gespür die Kamerabewegung, seine Meisterschaft der Montage, seine Vorliebe für Spiegel und Schatten, Glas und glänzende Oberflächen. Das Ergebnis ist eine außerordentliche Opulenz und filmische Dynamik. Die Handlung ist einfach, aber voller typischer Dupont-Akzente.
Die Faszination, die von der chinesischen Femme Fatale Anna May Wong ausgeht, scheint auch E.A. Dupont verspürt zu haben: Er umgibt sie verschwenderisch mit dekadentem Glamour. Die unterschiedlichen Atmosphären des glitzernden Nachtclub-Tanzsaals und der armseligen Spülküche sind treffend eingefangen. Duponts Film ist geprägt von der Meisterschaft im Einsatz von Licht und unterschiedlicher Oberflächenstrukturen; die Schönheit weiblicher Gesichter und Körper, die Effekte von Rauch oder Schatten, all das wird perfekt von einer wunderbar beweglichen Kamera eingefangen.

Zur Restaurierung

Als das Team des British Film Institutes (BFI) mit der Restaurierung von Piccadilly begann, musste es feststellen, dass das Original-negativ der stummen Version bereits zu beschädigt war, um durchgehend verwendet werden zu könne. Daher mussten die beschädigten Passagen mit fremdem Quell-material ersetzt werden auch mit Material aus der Tonfassung, die in Amerika gezeigt worden war. Die komplexe Quellenlage und die Tatsache, dass die Zwischentitel für die Tonfassung umgeschrieben worden waren, erforderte die Produktion eines kompletten neuen Satzes von Zwischentiteln. Einige Kader mussten leicht kaschiert werden, um die Tatsache zu vertuschen, dass deren Ausgangsmaterial durch die später hinzugefügte Tonspur leicht beschnitten gewesen war. Die bernsteinfarbene und blaue Virage (Einfärbung) wurde von der stummen Originalkinofassung übernommen, die sich im BFI erhalten hatte.

Starpostkarte Anna May Wong

Anna May Wong

Obwohl der eigentliche Star des Films die britische Schauspielerin Gilda Gray sein sollte, wurde der Film zum Sprungbrett für die internationale Karriere der chinesisch-stämmigen Amerikanerin Anna May Wong. Mit Piccadilly wurde sie über Nacht zur internationalen Sensation.
Wong wird 1905 in Los Angeles als Wong Liu Tsong geboren. Ihre Eltern betreiben eine Wäscherei in Los Angeles vor den Toren des dortigen Chinatowns. 1919 tritt sie zum ersten Mal als Statistin in einem Film auf als die berühmte Alla Nazimova in Chinatown The Red Lantern dreht. 1922 spielt sie ihre erste tragende Rolle in dem ersten Film, der nach dem neuen Zweifarb-Technicolor-Verfahren hergestellt wurde, The Toll of the Sea. Schließlich wird sie von Douglas Fairbanks Jr. 1924 in dessen Abenteuer-Klassiker The Thief of Baghdad (Der Dieb von Bagdad) als verschlagene Mongolen-Sklavin besetzt. Wongs Auftritt erregt Aufsehen, doch es bleibt in der Folgezeit bei Nebenrollen.
Die Ursache hierfür liegt vor allem in der rassistischen Besetzungspolitik Hollywoods, die ihrerseits die Ressentiments breiter Teile der amerikanischen Bevölkerung gegen die chinesischstämmigen Mitbürger(innen). Seit 1921 spiegelt der sog. Hays Code, die freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie diese Haltung, indem auf der Leinwand grundsätzlich alle Formen der sog. Rassenmischung (miscegenation) verboten sind. Nicht-weiße Darsteller und Darstellerinnen dürfen auf der Leinwand weder ihre weißen Pendants küssen, noch erotische Beziehungen unterhalten. Da aber die Liebesgeschichte elementarer Bestandteil jedes Hollywoodfilms ist, bleiben nicht-weißen Darstellerinnen bis in die 60er Jahre hinein Hauptrollen in großen Produktionen verwehrt.
Ihren künstlerischen Durchbruch schafft Anna May Wong daher auch erst, als sie, von den immer gleichen Rollenangeboten enttäuscht, Amerika den Rücken kehrt und nach Europa geht. Ihre Beweggründe beschreibt sie später so: »Ich glaube, ich bin deshalb aus Amerika weggegangen, weil ich so oft gestorben bin. Mitleiderregende Sterbeszenen schienen das Beste zu sein, was ich gemacht habe«. Ihr Weg führt sie zunächst nach Deutschland, wo sie einen Vertrag über fünf Filme mit Richard Eichberg unterschrieb. Auch hier spielt sie stereotype Rollen als exotische Verführerin und tragische Figur, doch diesmal wenigstens in der Hauptrolle! Ihre erste deutsche Produktion Schmutziges Geld (1928) wird in Deutschland begeistert aufgenommen.
Anna May Wong ist ein Star.

Postermotiv 2008 Anna May Wong

Es folgt die Hauptrolle in Eichbergs Großstadtschmetterling (1929), bevor sie von Regisseur E.A. Dupont nach London gerufen wird, um dort in Piccadilly die Shosho zu spielen. Die Tellerwäscherin, die zum Nachtclubstar wird, ist zwar wieder 'nur' eine Nebenrolle, doch sie gerät zur Sensation und stellt den eigentlichen Star des Films, Gilda Gray, deutlich in den Schatten. Anna May Wong ist auf der Höhe ihres Ruhmes und in ganz Europa ein gefeierter Star. Dieser Erfolg spricht sich auch in Amerika herum. Nach einigen weiteren Rollen in Deutschland und England, kehrt Wong 1931 in die Staaten zurück. Dort spielt sie neben Theaterrollen, einem Medium das sie neu für sich entdeckt, nach wie vor stereotype Nebenrollen im Film - am eindrücklichsten vielleicht als das charismatische Gegenüber von Marlene Dietrich in Shanghai Express (1932). Nachdem sie in knapp 60 Filmen mitwirkte, stirbt Anna May Wong 1961 im Alter von nur 56 Jahren an einem Herzinfarkt.
Ihr Leben lang bleibt Wong unglücklich über die Rollenangebote, die an sie herangetragen werden. »Man muss eben nehmen, was einem angeboten wird«, schreibt sie einmal. In Amerika und Europa ist sie festgelegt auf die Rolle der exotischen Asiatin, in China wird sie dagegen heftig attackiert, weil sie mit ihren klischeehaften Rollen das Ansehen Chinas und der chinesischen Frauen beschmutze. Amerikanische Filme mit asiatischen Hauptrollen werden nie mit ihr besetzt. So schreibt Wong über die Hauptrolle im Film Java Head (1934): »Ich weiß, dass ich das niemals spielen werde. Der Kapitän, verstehen Sie, heiratet die Frau... Aber kein Filmliebhaber darf mich jemals heiraten. Wenn sie eine amerikanische Schauspielerin hätten, die ihre Augen und Augenbrauen schräg stellt und eine steife schwarze Perücke trägt und chinesische Kleidung trägt, dann wäre das in Ordnung. Aber ich? Ich bin eine echte Chinesin. Also muss ich in den Filmen immer sterben, so dass das weiße Mädchen mit dem gelben Haar den Mann kriegt.«

Auch ihr Privatleben leidet unter dem interkulturellen Spagat, denn Wong vollziehen muss. Als moderne westlich geprägte Frau chinesischer Herkunft, versucht sie ganz selbstverständlich ihre Freiheit und Unabhängigkeit als Frau zu leben. Damit wird sie zur Außenseiterin in beiden Kulturen: den Amerikanern bleibt sie als Asiatin suspekt, die meisten Chinesen lehnen sie als zu verwestlicht und dekadent ab. Aus heutiger Sicht bleibt Anna May Wong eine faszinierende Schauspielrein, die mit ihrer Leinwandpräsenz immer wieder die klischeehaften Rollen, die man ihr zudachte, transzendieren konnte. In Piccadilly kann man sie während der StummFilmMusikTage auf dem Höhepunkt ihres Schaffens bewundern.

Frieder Egri und Roman Rothen

Begleitet wird der Klassiker mit der von Frieder Egri und Roman Rothen eigens dafür geschriebenen Filmmusik. Die fünf Musiker, aus den Bereichen der Klassik und des Jazz, spannen einen Bogen zwischen traditioneller Stummfilmmusik, zeitgenössischer Kompositionstechniken und dem Jazz der 30er- und 40er-Jahre. Piccadilly ist die erste kompositorische Zusammenarbeit zwischen Egri und Rothen; sie fand aber bereits mit einer Vertonung von Nosferatu von Murnau eine Fortsetzung.