La Passion de Jeanne d'Arc rekonstruiert die Ereignisse rund um den Prozeß der Pariser Universität gegen die Jungfrau von Orleans anhand der historischen Prozeßakten. Die der Ketzerei beschuldigte Heilige wird nach quälenden Verhören, Folter und einem widerrufenen Geständnis schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das Drehbuch und die Zwischentitel stützen sich dabei vor allem auf die Prozeßakten und lassen so ein psychologisches Kammerspiel von großer Dichte entstehen.
»Die Jungfrau von Orleans und die Ereignisse um ihren Tod herum begannen
mich zu interessieren, als die Heiligsprechung des Hirtenmädchens
im Jahre 1920 die Aufmerksamkeit der größeren Öffentlichkeit
wieder auf die Ereignisse und die Taten, an denen sie beteiligt war, lenkten.
Und das nicht nur in Frankreich. Neben Bernhard Shaws ironischem Theaterstück
erregte auch Anatole Frances wissenschaftliche Abhandlung großes
Interesse. Je vertrauter ich mit dem historischen Material wurde, desto
entschlossener wurde ich, die wichtigsten Stationen aus dem Leben der
Jungfrau in einem Film wieder auferstehen zu lassen.
Bereits im Vorfeld war mir klar, dass dieses Projekt besondere Anforderungen
stellte. Das Thema auf der Ebene des Kostümfilms zu behandeln, hätte
ein Porträt der kulturellen Epoche des 15 Jahrhunderts gestattet.
Dies hätte jedoch bestenfalls zu einem Vergleich mit anderen Epochen
geführt. Was zählte, war den Zuschauer in der Vergangenheit
aufgehen zu lassen; die Mittel dazu waren mannigfaltig und neu.
So wurde die sorgfältige Durchsicht der Dokumente aus dem Rehabilitierungsprozeß
notwendig. Die Kleidung der Zeit und Ähnliches habe ich nicht recherchiert.
Das Jahr der Ereignisse schien mir ebenso unbedeutend wie sein zeitlicher
Abstand zur Gegenwart. Ich wollte eine Hymne an den Triumph der Seele
über das Leben komponieren. Was dem möglicherweise tief bewegten
Zuschauer aus den eigentümlichen Großaufnahmen entgegenströmt,
wurde nicht zufällig ausgewählt. All diese Bilder drücken
den Charakter der gezeigten Person und den Geist dieser Zeit aus. Um die
Wahrheit zu vermitteln, verzichtete ich auf jede Form von "Verschönerung".
Meine Darsteller durften weder Schminke noch Puderquaste anrühren.
Ich brach auch mit den Traditionen des Kulissenbaus. Vom ersten Drehtag
an ließ ich die Set Designer alle Bauten errichten und alle Vorbereitungen
treffen und dann wurde alles von der ersten bis zur letzten Szene in der
richtigen Reihenfolge gedreht. Rudolf Maté, der die Kamera bediente,
verstand die Anforderungen, die das psychologische Drama an die Großaufnahmen
stellte, und er gab mir das, was ich wollte, meine Gefühle und meine
Idee: realisierten Mystizismus.
Aber in Falconetti, die die Jeanne spielt, fand ich, was ich, um es mit
aller Deutlichkeit zu sagen, 'die Reinkarnation der Märtyrerin' nennen
möchte«. (Dreyer, Carl Theodor. Dreyer in Double Reflection)
Dreyers Jeanne d'Arc entstand zu einer Zeit, in der sich der Stoff äußerster
Beliebtheit erfreute. Wie der Regisseur oben ausführt, war Jeanne
erst vor Kurzem heilig gesprochen worden, was einen Jeanne d'Arc-Boom
in Frankreich und Andernorts auslöste. Bereits im 19. Jahrhundert
hatte es einen regelrechten Kult um die junge Frau gegeben, deren Abenteuer
und wichtigsten Lebensstationen äußerst beliebte Motive für
die populäre Kunst abgaben und v.a. als Reproduktionen in Schulbüchern
weite Verbreitung fanden.
Umso erstaunlicher ist es, dass Dreyer in seinem Film gänzlich auf
diese Motivgeschichte verzichtet. Jeannes Leben vor dem Prozeß wird
ebenso ausgespart wie die kanonisierten Bilder der jungen Frau als sie
Stimmen hört oder in Rüstung. Ihre Kriegsdienste für den
französischen König bleiben unerwähnt.
Statt dessen konzentriert sich Dreyer auf den Konflikt zwischen Jeanne
und den kirchlichen Inquisitoren. In z.T. extremen Großaufnahmen
wird das Wesen des "Nahkampfes" zwischen ihr und ihren Anklägern
deutlich. Das Publikum soll Jeannes Schmerz und ihre Verzweiflung spüren
und aufgerüttelt werden durch die ungewöhnlichen Einstellungen.
Der völlige Verzicht auf jegliches Make-up erhöht dabei die
Unmittelbarkeit der Erfahrung. Dreyer ging es um das innere Drama, nicht
um die historische Rekonstruktion des Ereignisses.
Dies zeigt sich auch in dem von ihm angesprochenen Umgang mit historischer
Authentizität. Die Kleidung der Protagonisten ist weitgehend zeitlos,
die Ausstattung ist spärlich und kaum in den Einstellungen zu sehen.
Meist dominieren Großaufnahmen der Gesichter vor kahlem, weißen
Hintergrund das Bild. Die historische Burg und der Innenhof, der zu Jeannes
Hinrichtungsstätte wird, sind nur angedeutet.
Dies ist um so erstaunlicher, als das Szenenbild des Films das teuerste
war, das zu diesem Zeitpunkt in Frankreich produziert worden war. Tatsächlich
ließ Dreyer die vollen Kulissen bauen, um den Schauspielern eine
möglichst atmosphärische Umgebung zu bieten, in der sie ihr
Spiel entfalten konnten. So verschlang der Dreh die ungeheuerliche Summe
von neun Millionen Franc, genauso viel übrigens wie ein gleichzeitig
in Frankreich produzierter üppiger Kostüm- und Abenteuerfilm
zum selben Thema.
So unspektakulär die Ausstattung ist, so atemberaubend ist die filmische
Gestaltung des Werkes. Bei der Montage zeigen sich die Einflüsse
von Abel Gance, der in seinem aufsehenerregende Napoléon
schnelle Schnitte mit harter Montage gepaart hatte, und der von Sergeij
Eisenstein, dessen Panzerkreuzer Potemkin Dreyer stark beeindruckt
hatte. Statt der damals üblichen 500-1000 Einstellungen pro Film,
bringt es Jeanne d'Arc auf über 1500 Einstellungen, eine visuelle
tour de force, die die Dramatik der Großaufnahmen noch steigert.
Dem Kinopublikum seiner Zeit ging dieser Stilwille zu weit. Der Film wurde
schnell von den Verleihern als Avantgarde-Produktion verkauft, so daß
ihm der Weg zum großen Publikum weitgehend versperrt blieb, anders
als es Dreyer beabsichtigt hatte, der ein Werk von zeitloser Allgemeingültigkeit
für alle Publikumsschichten schaffen wollte.
Dazu kamen Schwierigkeiten mit der Zensur. Nach der Weltpremiere in Kopenhagen
mußte der Film für seine französische Uraufführung
auf Betreiben der Kirche um 15 min gekürzt werden. Schon vor Beginn
der Dreharbeiten hatte es Proteste gegeben, als man erfuhr, dass ein ausländischer
Regisseur, noch dazu ein Protestant, mit der Verfilmung des Lebens dieser
Nationalheldin beauftragt werden sollte. Gerüchte, dass die Hauptrolle
der Amerikanerin Lillian Gish angetragen werden sollte, schürten
die Animositäten zusätzlich.
Dreyer fand seine Idealbesetzung schließlich in Renée Falconetti,
einer populären Schauspielerin am Theatre de Paris, die vor allem
in leichten Komödien auftrat. Ihr unvergleichliches und ausdrucksstarkes
Gesicht und ihr rückhaltloses Spiel sind es, die La Passion de
Jeanne d'Arc prägen und die sie zu Dreyers »Reinkarnation
der Märtyrerin« werden lassen.