Unter den Mannschaften der russischen Schwarzmeerflotte gärte es
schon seit langem. Sie mußten nicht nur unter den Folgen des verlustreichen
japanisch-russischen Seekriegs leiden, sondern waren zudem besonderen
Schikanen und Repressionen eines arroganten Offizierskorps ausgesetzt.
Als der Kommandant des Panzerkreuzers Potemkin nach Kürzung der Heuer,
Halbierung der Mittagspause und Streichung der Waschtage seiner Mannschaft
auch noch verdorbenes Fleisch vorsetzen ließ, kam es zu allgemeiner
Essensverweigerung. Zur Wiederherstellung der Disziplin befahl der Kommandant
die Erschießung von dreißig »Meuterern« und löste
damit einen allgemeinen Aufstand aus.
Der Film Panzerkreuzer Potemkin zeigt die Entstehung und den Verlauf
des Aufstandes des Jahres 1905, die Solidaritätsbekundungen der Odessaer
Bevölkerung, die Niederschlagung dieser Demonstration durch den zaristischen
Apparat und das Entkommen der Potemkin aus der Blockade des Schwarzmeergeschwaders.
Um eine größtmögliche Wirkung zu erzieten, entwickelte
Eisenstein Verfahren, die Filmgeschichte machten.
Der Gang der Ereignisse ist in eine strenge, fünfteilige Tragödienkomposition
gebracht. Jeder Akt wird von einem ausgeprägten Konflikt,
dem Ringen zweier Kräfte, getragen. Das Pathos erreicht Eisenstein
vor allem mit Hilfe der Montage. Als klassisches Beispiel für Eisensteins
Regiekunst kann die Sequenz auf der Odessaer Hafentreppe gelten. Die rhythmische
Montage beruht hier auf der Verbindung von Bildern mit immer schneller
werdendem Bewegungstempo. Die Steigerung des Tempos wird von den rhythmisch
die Treppe hinunterstampfenden Soldatenbeinen unterbrochen sowie von der
Frau, die mit ihrem ermordeten Kind die Treppe feierlich-langsam hinaufsteigt.
Der Wechsel in der Bewegungsrichtung, die Steigerung des Tempos, der Übergang
von der Totalen zu Großaufnahmen lassen ein emotionsgeladenes Bild
vom Massaker am wehrlosen Volk entstehen.
Held des Films ist kein Individuum, sondern die Masse, das Orchester der
Gesichter. Parallel dazu wird den technischen Dingen und ihren Bewegungsrhythmen
fast gleichberechtigte Aufmerksamkeit zuteil, kommt es zu einer Psychologisierung
der Dinge, wenn etwa das Größenverhältnis von großem,
starken Panzerkreuzer und kleinem Mienenboot Mitgefühl und Rührung
hervorruft
»Dem Dualismus der Sphären »Vernunft« und »Gefühl«
muß die neue Kunst Einhalt gebieten. Der Wissenschaft muß
ihre Sinnlichkeit zurückgegeben werden, dem intellektuellen Prozeß
seine Leidenschaftlichkeit. Welche Kunstart aber wird hierzu imstande
sein? Einzig und allein das Medium der Filmkunst. Wichtig ist die
emotionale Überzeugungskraft und nicht etwa die dokumentarische
Exaktheit.«
(Sergej Eisenstein)