Der müde Tod (D 1921)

Dauer:
105 min
Regie:
Fritz Lang
Drehbuch:
Thea von Harbou
Kamera:
  • Erich Nitzschmann
  • Hermann Saalfrank
  • Fritz Arno Wagner
Ausstattung:
  • Robert Herlth
  • Walter Röhrig
  • Hermann Warm
Produzent:
Decla-Bioscop AG
Darsteller:
  • Lil Dagover
  • Walter Jansen
  • Bernhard Goetzke
  • Hans Sternberg
  • Ernst Rückert
Musik (UA) und Leitung:
Manfred Knaak
Ausführung:
ensemble KONTRASTE
Filmstill Der müde Tod (D 1921)

Inhalt

Ein geheimnisvoller Fremder, niemand geringerer als der Tod (Bernhard Goetzke), nimmt einer jungen Frau (Lil Dagover) den Geliebten. In ihrer Überzeugung, dass die Liebe stärker sei als der Tod, fordert die Frau den Geliebten (Walter Jansen) zurück. In einem Meer von flackernden Kerzen, Millionen von sprichwörtlichen Lebenslichtern, wird ihr der Wunsch gewährt, jedoch nur unter der Bedingung, dass es ihr gelänge, drei der Flammen am Erlöschen zu hindern.
In drei Episoden, die im Bagdad der Kalifen, im Venedig der Renaissance und im alten China spielen, verwebt der Film nun diese Aufgabe mit dem Kampf junger Frauen um die Leben ihrer Verlobten. Doch keine der Flammen überdauert die ihr zugestandene Zeit, und so geht die Frau schließlich auf ein letztes unmögliches Angebot des Todes ein...

»In jenen Tagen, als der Film aus der Taufe gehoben wurde, stand im Münchener Filmkurier zu lesen: »In einer Zeit, die - überschwemmt von dem Schund und Kitsch der Dutzendindustrie - nahe daran ist, an dem Film überhaupt zu verzweifeln, senkt dieser Film täglich einer neuen Schar Andächtiger den Samen des guten Glaubens in die Seele. Denn das ist das Köstliche an diesem Werk: es ist innig. Was der Film seit seinem Bestand noch nie erreichen konnte, was ihm trotz aller Gipfel im Exzentrischen, Spannenden, Prunkvollen und Aufregenden versagt blieb: die schlichte, echte Innigkeit, wie sie das deutsche Lied birgt - diese ist es, die in diesem Film webt. Diese ist es, die den Müden Tod - weit über seine vielbesprochene Qualität in äußerer Hinsicht - zum Markstein im Filmwesen macht.«
[...] Die »Innigkeit« war zweifellos das Werk der Drehbuchautorin Thea von Harbou, damals wie heute äußerst umstritten, was Qualität und Inhalt ihrer Bücher betraf (sie war eine Meisterin des Plagiats und der Mehrfachverwertung), doch unbestritten, was die Höhe ihrer Auflagen betraf (nicht selten über 100.000 Exemplare). Der Schluß, wo das Liebespaar über eine blühende Wiese gen Himmel zieht, war die Zweitverwertung des Endes ihres ersten Drehbuchs Die Legende von der heiligen Simplicia. Die Harbou hatte eben immer eine Schwäche fürs einfache Gemüt.
Die in die Rahmenhandlung eingelassenen orientalischen, italienischen und chinesischen Abschnitte, quasi die Action-Szenen des Films, beruhten auf der Vorliebe von Fritz Lang, Jagd- und Verfolgungs-elemente in die Handlung einzubauen, was sicherlich eine Konzession an den vermeintlichen Publi-kumsgeschmack bedeutete, bei der Kritik aber überhaupt nicht ankam: »Die Erzählungen sind kostümierte Detektivgeschichten, hineingesprengt in eine lyrische Ballade.« (Herbert Ihering, Von Reinhardt bis Brecht). Die Form des Drehbuchs mit den drei eingelassenen Episoden war ebenfalls nicht neu. Bemerkenswert ist, daß mangels geeigneter Technik der ganze Film mit einer Handkurbel-Kamera gedreht werden mußte und noch keine Nachtaufnahmen gemacht werden konnten. »Diese malerischen Bilder sind so präzise getroffen, daß man manchmal der Illusion anheimfällt, sie seien von Grund auf real. Die venezianische Episode, eine 'zum Leben erweckte Zeichnung', läßt genuin den Geist der Renaissance erstehen, sei es in der Szene des Karnevalszugs mit den Silhouetten, die über eine Brücke taumeln, oder in dem glänzenden Hahnenkampf, der hell und hart eine südliche Leidenschaft ausstrahlt, wie sie etwa Stendhal oder Nietzsche schilderten. Die chinesische Episode ist gespickt mit Zauberkunststücken. Es ist allgemein bekannt, daß Zauberpferd, Liliputanerarmee und der (noch ruckhaft) fliegende Teppich dieser Episode Douglas Fairbanks zu seinem Film Der Dieb von Bagdad (The Thief Of Bagdad, USA 1924), einem spektakulären Schauspiel ähnlicher Zaubertricks, anregte.« (Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler).«; (Roland Jahn. Lexikon des Science-Fiction-Films)

Filmstill Der müde Tod (D 1921)

Dramaturg des Lichts

»Lang ist im Grunde Architekt - er hat ja auch Architektur studiert. So heben sich in der Gruftszene die Kannelüren eines gotischen Spitzbogenportals leuchtend ab und gewinnen eine schwellende Plastik. [...] Das Laboratorium des kleinen Apothekers vom Müden Tod, ein dämmriger Raum mit verschlossenen Fensterläden, ist von einem seltsamen Gleißen erfüllt, Phosphorglanz geht von den Flaschen, den Geräten, dem ausgestopften Getier, dem Skelett aus; es ist Hoffmanns satanische Welt, die sich hier aufzutun scheint. Das sind typisch expressionistische Beleuchtungseffekte. [...]
Fritz Lang [weiß] Stimmung durch Licht zu erreichen. Die torlose Mauer im Müden Tod öffnet sich, unter einem hohen, steilen Spitzbogen leuchten und verflimmern unabsehbare Stufen. In der Kathedrale des Totenreichs flackern zahllose Kerzen zu einer ewigen Allerseelenfeier. Dem Bambusdickicht der chinesischen Episode entströmen Phosphordünste. Diese Bilder sind eine Art von Präludium für jene Nibelungen-Szenen, in denen Siegfried auf weißem Zelter durch einen sonnenumflossenen, geheimnisschweren Nebelwald reitet.
Kann man also Fritz Langs Müden Tod einen expressionistischen Film nennen? Man ist heute allzusehr geneigt, alle Werke der großen klassischen Ära deutscher Filmkunst mit der so bequemen, konventionellen Klassifizierung 'expressionistisch' abzufertigen, ohne zu unterscheiden, wo der Einfluß von Max Reinhardt, dem 'Dramaturgen des Lichts', sichtbar wird, und wo es sich um rein expressionistische Beleuchtungseffekte handelt. [Es] ist zu betonen, daß Lang niemals ausschließlich expressionistische Effekte gesucht hat. Sein Sinn für plastisches Herausarbeiten von Formen, sein Talent, Lichtquellen zu dirigieren und auszuwerten, gehen über den expressionistischen Stilwillen hinaus.«
(Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand)

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