Ein geheimnisvoller Fremder, niemand geringerer als der Tod (Bernhard
Goetzke), nimmt einer jungen Frau (Lil Dagover) den Geliebten. In ihrer
Überzeugung, dass die Liebe stärker sei als der Tod, fordert
die Frau den Geliebten (Walter Jansen) zurück. In einem Meer von
flackernden Kerzen, Millionen von sprichwörtlichen Lebenslichtern,
wird ihr der Wunsch gewährt, jedoch nur unter der Bedingung, dass
es ihr gelänge, drei der Flammen am Erlöschen zu hindern.
In drei Episoden, die im Bagdad der Kalifen, im Venedig der Renaissance
und im alten China spielen, verwebt der Film nun diese Aufgabe mit dem
Kampf junger Frauen um die Leben ihrer Verlobten. Doch keine der Flammen
überdauert die ihr zugestandene Zeit, und so geht die Frau schließlich
auf ein letztes unmögliches Angebot des Todes ein...
»In jenen Tagen, als der Film aus der Taufe gehoben wurde, stand im Münchener Filmkurier
zu lesen: »In einer Zeit, die - überschwemmt von dem Schund und Kitsch
der Dutzendindustrie - nahe daran ist, an dem Film überhaupt zu verzweifeln,
senkt dieser Film täglich einer neuen Schar Andächtiger den
Samen des guten Glaubens in die Seele. Denn das ist das Köstliche
an diesem Werk: es ist innig. Was der Film seit seinem Bestand noch nie
erreichen konnte, was ihm trotz aller Gipfel im Exzentrischen, Spannenden,
Prunkvollen und Aufregenden versagt blieb: die schlichte, echte Innigkeit,
wie sie das deutsche Lied birgt - diese ist es, die in diesem Film webt.
Diese ist es, die den Müden Tod - weit über seine vielbesprochene
Qualität in äußerer Hinsicht - zum Markstein im Filmwesen
macht.«
[...] Die »Innigkeit« war zweifellos das Werk der Drehbuchautorin Thea
von Harbou, damals wie heute äußerst umstritten, was Qualität
und Inhalt ihrer Bücher betraf (sie war eine Meisterin des Plagiats
und der Mehrfachverwertung), doch unbestritten, was die Höhe ihrer
Auflagen betraf (nicht selten über 100.000 Exemplare). Der Schluß,
wo das Liebespaar über eine blühende Wiese gen Himmel zieht,
war die Zweitverwertung des Endes ihres ersten Drehbuchs Die Legende
von der heiligen Simplicia. Die Harbou hatte eben immer eine Schwäche
fürs einfache Gemüt.
Die in die Rahmenhandlung eingelassenen orientalischen, italienischen und chinesischen Abschnitte,
quasi die Action-Szenen des Films, beruhten auf der Vorliebe von Fritz
Lang, Jagd- und Verfolgungs-elemente in die Handlung einzubauen, was sicherlich
eine Konzession an den vermeintlichen Publi-kumsgeschmack bedeutete, bei
der Kritik aber überhaupt nicht ankam: »Die Erzählungen sind
kostümierte Detektivgeschichten, hineingesprengt in eine lyrische
Ballade.« (Herbert Ihering, Von Reinhardt bis Brecht). Die Form
des Drehbuchs mit den drei eingelassenen Episoden war ebenfalls nicht
neu. Bemerkenswert ist, daß mangels geeigneter Technik der ganze
Film mit einer Handkurbel-Kamera gedreht werden mußte und noch keine
Nachtaufnahmen gemacht werden konnten. »Diese malerischen Bilder sind
so präzise getroffen, daß man manchmal der Illusion anheimfällt,
sie seien von Grund auf real. Die venezianische Episode, eine 'zum Leben
erweckte Zeichnung', läßt genuin den Geist der Renaissance
erstehen, sei es in der Szene des Karnevalszugs mit den Silhouetten, die
über eine Brücke taumeln, oder in dem glänzenden Hahnenkampf,
der hell und hart eine südliche Leidenschaft ausstrahlt, wie sie
etwa Stendhal oder Nietzsche schilderten. Die chinesische Episode ist
gespickt mit Zauberkunststücken. Es ist allgemein bekannt, daß
Zauberpferd, Liliputanerarmee und der (noch ruckhaft) fliegende Teppich
dieser Episode Douglas Fairbanks zu seinem Film Der Dieb von Bagdad
(The Thief Of Bagdad, USA 1924), einem spektakulären Schauspiel
ähnlicher Zaubertricks, anregte.« (Siegfried Kracauer: Von Caligari
zu Hitler).«; (Roland Jahn. Lexikon des Science-Fiction-Films)
»Lang ist im Grunde Architekt - er hat ja auch Architektur studiert.
So heben sich in der Gruftszene die Kannelüren eines gotischen Spitzbogenportals
leuchtend ab und gewinnen eine schwellende Plastik. [...] Das Laboratorium
des kleinen Apothekers vom Müden Tod, ein dämmriger Raum
mit verschlossenen Fensterläden, ist von einem seltsamen Gleißen
erfüllt, Phosphorglanz geht von den Flaschen, den Geräten, dem
ausgestopften Getier, dem Skelett aus; es ist Hoffmanns satanische Welt,
die sich hier aufzutun scheint. Das sind typisch expressionistische Beleuchtungseffekte.
[...]
Fritz Lang [weiß] Stimmung durch Licht zu erreichen. Die torlose
Mauer im Müden Tod öffnet sich, unter einem hohen, steilen
Spitzbogen leuchten und verflimmern unabsehbare Stufen. In der Kathedrale
des Totenreichs flackern zahllose Kerzen zu einer ewigen Allerseelenfeier.
Dem Bambusdickicht der chinesischen Episode entströmen Phosphordünste.
Diese Bilder sind eine Art von Präludium für jene Nibelungen-Szenen,
in denen Siegfried auf weißem Zelter durch einen sonnenumflossenen,
geheimnisschweren Nebelwald reitet.
Kann man also Fritz Langs Müden Tod einen expressionistischen
Film nennen? Man ist heute allzusehr geneigt, alle Werke der großen
klassischen Ära deutscher Filmkunst mit der so bequemen, konventionellen
Klassifizierung 'expressionistisch' abzufertigen, ohne zu unterscheiden,
wo der Einfluß von Max Reinhardt, dem 'Dramaturgen des Lichts',
sichtbar wird, und wo es sich um rein expressionistische Beleuchtungseffekte
handelt. [Es] ist zu betonen, daß Lang niemals ausschließlich
expressionistische Effekte gesucht hat. Sein Sinn für plastisches
Herausarbeiten von Formen, sein Talent, Lichtquellen zu dirigieren und
auszuwerten, gehen über den expressionistischen Stilwillen hinaus.«
(Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand)