Dr. Mabuse, der Spieler – Teil 1: Der große Spieler, ein Bild der Zeit (D 1922)

Rudolf Klein-Rogge in Dr. Mabuse, der Spieler (D 1922)
Dauer:
155 min
Regie:
Fritz Lang
Drehbuch:
Thea von Harbou
Kamera:
Carl Hoffmann
Schnitt:
J W McConaughty
Darsteller:
  • Rudolf Klein-Rogge
  • Aud Egede Nissen
  • Alfred Abel
  • Getrud Welcker
Musik
Aljoscha Zimmermann
Ausführung:
Aljoscha Zimmermann Ensemble
35mm-Kopie:
Transit

Inhalt

Dr. Mabuse (Rudolf Klein-Rogge), der „Mann mit den 1000 Gesichtern“, ist Wahnsinniger und Superverbrecher zugleich: Mit enormen hypnotischen Fähigkeiten und außerordentlicher Wandlungsfähigkeit ausgestattet, strebt er die Weltherrschaft an. Um sein Ziel zu erreichen, benötigt er Unmengen an Kapital, und bei dessen Beschaffung unterstützt ihn ein großer Stab ihm höriger Mitarbeiter. Mabuse manipuliert die Börse, lässt Falschgeld drucken und hypnotisiert in illegalen Spielsalons seine Mitspieler, um an deren Geld zu kommen. Doch Staatsanwalt von Wenk (Bernhard Goetzke), der hinter die Ursache der grassierenden Spielerseuche kommen will, ist Mabuse auf der Spur… Dr. Mabuse, der Spieler (D 1922)
Langs zweiteiliger Stummfilm (Der große Spieler - ein Bild der Zeit/Inferno, ein Spiel um Menschen unserer Zeit ) erweist sich über seine melodramatische Kriminalgeschichte hinaus als präzise dramaturgische und formale Konstruktion, die nicht nur die Lebenshaltung verschiedener Gesellschaftsschichten und die Vergnügungssucht und Dekadenz des Großbürgertums attackiert, sondern auch die Bedingungen aufzeigt, unter denen eine Gesellschaft zwischen Chaos und Tyrannei einem „Übermenschen“ verfallen kann. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für Deutschland eine Zeit der tiefsten Verzweiflung, der Hysterie, des Zynismus, des ungezügelten Lasters. Dr. Mabuse ist der Prototyp dieser Zeit. Lang 1924 zu seinem Film: »Der Nerv des Erfolgs lag [...] in der Ausnutzung des Films als Zeitbild, oder besser gesagt, in der Auswertung des Films als ein Zeitdokument. In der Mabuse-Figur spiegelt sich das soziale Reizklima der Nachkriegszeit. Der skrupellose Verbrecher profitiert von Unsicherheit und Chaos, gelangt erst durch Dekadenz und Nihilismus zur vollen Machtentfaltung.«
StummFilmMusikTage Erlangen präsentieren den in sich abgeschlos-senen ersten Teil der Mabuse-Saga.

Dr. Mabuse, der Spieler (D 1922)

Zur Vorlage

Norbert Jacques, geboren am 6. Juni 1880 in Eich/Luxemburg, war einer jener kultivierten Weltenbummler, die die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hervorbrachte. Aus dem kleinen Heimatland trieb es ihn bald in das größere Deutschland, wo er nach einem Studium in Bonn als Journalist in Hamburg und Berlin arbeitete. 1909 erscheint sein erster RomanFunchal , der Fischer-Verlag verlegt in den folgenden Jahren mehrere Romane und Reiseberichte Jacques. Auf das Ende des Ersten Weltkrieg, das er als Freiwilliger miterlebt hatte, und dessen gesellschaftliche und politische Umwälzungen reagiert der Schriftsteller mit einem literarischen Rückzug ins heile Landleben (Landmann Hal , 1919). „Anfang der Zwanziger Jahre [wendet sich Jacques] wieder ungewöhnlicheren Motiven zu. Es wird, zunächst als Vorabdruck in der „Berliner Illustrierten“, dann als Ullstein-Buch jener Kriminalroman veröffentlicht, der ihn zeitlebens berühmt macht: Dr. Mabuse, der Spieler. Auf einer Dampferfahrt nach Konstanz bemerkt Jacques dicht an der Reling einen Herrn sitzen ‚mit der unverkenntlichen Gebärde, sich von der Umwelt hochmütig abzusondern’. Jacques überlegt, wer dieser Mann nur sei, der inmitten ‚quecksilbriger Schiffsgesellschaft’ verharrt, dessen Gesichtszüge zu einem Ausdruck der Missachtung und Abweisung eingefroren sind. Held? Oder Verbrecher? Aus der flüchtigen Begegnung auf dem Vorderdeck entsteht die fiktive Seelenstudie eines skrupellosen Nervenarztes, ein böser Kerl, von Herrschsucht zerfressen, genial obendrein […] Innerhalb eines Jahres werden 110.000 Exemplare des Romans verkauft. Fritz Lang, der Regisseur, kann ihn nach einem Drehbuch von Thea von Harbou international erfolgreich verfilmen. Allerdings beginnt mit Dr. Mabuse der künstlerische Abstieg des Norbert Jacques. Während vorangegangene Bücher im Kontext der historischen Avantgarde stehen und von der jungen Schriftstellergeneration zum Teil emphatisch aufgenommen werden, schreibt er nun Unterhaltungsliteratur […] Norbert Jacques ist auch im Dr. Mabuse Expressionist, zumindest dem Erleben nach, obwohl er gleichzeitig Expressionistenschelte betreibt, indem er gegen Vertreter dieser Kunstrichtung ausdrücklich polemisiert - ein böses Omen, denn der Roman wird sein ästhetisches Verhängnis.“ (Oliver Ruf. „Segnet mich, Reste meiner Heimat!“ Literaturkritik.de, Nr. 9, September 2004) Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist der Autor als Übersetzer, Rundfunksprecher und Drehbuchautor tätig. Mehrere seiner Romane werden verfilmt, wobei er bei fast allen als Berater hinzugezogen wurde. Norbert Jacques stirbt am 15. Mai 1954 in seiner langjährigen Heimat Koblenz.

Drehbericht

Dr. Mabuse, der Spieler (D 1922)

Noch im Jahr der Erstveröffentlichung des literarischen Sensationserfolgs nehmen sich Fritz Lang und seine Frau und Drehbuchautorin Thea von Harbou des Stoffes an. Der Film-Kurier berichtet im Februar 1922 von den Dreharbeiten:
»[…] Und seitab steht Dr. Mabuse, der geheime Drahtzieher all dieser Verbrechen, der unheimliche Psychologe, der Verbrecher am Geistigen, der Ausbeuter der Gesellschaft, der renitente Münchener. Dr. Mabuse betrachtet, ein wenig rot im runden Gesicht, diese haarsträubenden, empörenden Vorgänge mit unerschütterlicher Ruhe, mit einer Kaltblütigkeit, um die ihn der Staatsanwalt Dr. Wenk so sehr beneidet. Dr. Mabuse schüttelt den Kopf: ‚Tant de bruit pour ma personne’ lächelt er befriedigt, dann wendet er sich an mich und sagt: ‚Na, alle Tage schießen sie nicht so scharf!’ Recht hat er, denn sonst würde der Film der ‚Decla Bioskop’, in der er die Hauptrolle spielt, ja ein Wildwest-Film werden, in Wirklichkeit bietet er aber ein psychologisches Problem, das hier zufällig zu ernsteren Konflikten Anlaß gibt. Der Staatsanwalt, sein Todfeind, sitzt nachher in der Kabine des Regisseurs C. Westwand des Jofa-Ateliers in Johannisthal, und überlegt den Fall. ‚Es kommt mir darauf an,’ sagt er, ‚den Staatsanwalt zu einer Person zu stempeln, die trotz ihrer Beeinflussung durch die überragenden geistigen Kräfte Mabuses die Herrschaft über sich nicht vollkommen verliert!’ Und wahrlich – wer ihn da in der Straße, die die Decla für den Film ‚Dr. Mabuse, der Spieler’ hat aufbauen lassen, wie ein Löwe kämpfen sah, der weiß, daß er sich schon von dem Bann Mabuses befreit hat. Er ist kraftstrotzende Energie, dieser Staatsanwalt Goetzkes, und Klein-Rogge, der gute Mabuse, hat einen schweren Stand gegen ihn. Wie es ausläuft –, nun, das ist eigentlich bekannt, aber es ist doch unterhaltsam, das Bekannte noch einmal in den Bildern zu sehen, die der Spielleiter Fritz Lang hier mit großer Sauberkeit und vielem Temperament ins Werk setzt, nach einem Manuskript, das ihr Entstehen der bewährten Thea von Harbou verdankt …« („Bei ‚Dr. Mabuse’ zu Besuch,“ Film-Kurier, 24.2.1922)
Am 27.4.1922 wird Dr. Mabuse der Spieler von der Filmprüfstelle Berlin mit Jugendverbot freigegeben und feiert eine umjubelte Premiere. Kritik und Publikum sind sich einig: Fritz Lang hat ein Meisterwerk geschaffen, das kongenial das Lebensgefühl einer Zeit einfängt – ein „Bild der Zeit“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Kritik

»Es ist der Film der Zeit, der aus den Fugen geratenen Zeit, die Heroen- und Verbrechertum, oft kaum noch unterscheidbar, durcheinander wirbelt; die von Begierden und Spekulationen fieberisch geschüttelt, von Narkotiken entnervt, von Schlagworten, Aberglauben und Okkultismus genarrt, dennoch zugleich die kaltblütigsten Herzen, die machtvollsten Energien, die originellsten Hirne, die vollendetsten Mechanismen gebiert. Die Vitalität, die Impulse, das eigenste Gepräge dieser Zeit ist in dem Filmwerk ‚Dr. Mabuse’ eingefangen, der atemlos Handlung an Handlung reihend, an Stelle des ‚Untertan’, des Prototyps von einst, den ‚Spieler’, den Typus von heute, setzt. Das in sich schon wirkungsvolle Sujet ist von Norbert Jacques erfunden und von Thea von Harbou geschickt filmisiert; die große Leistung des Gesamtwerkes aber ist die Regie. Mit virtuoser Kennerschaft und vollendeter Anwendung aller Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik (manche in dieser Vollendung bisher noch kaum gesehene Aufnahme löste bei dem fachkundigen Premierenpublikum spontanen Beifall aus), mit einer ausgesprochenen Fähigkeit in der Milieuschilderung hat Fritz Lang hier eine wirkliche Spitzenleistung geschaffen. Der technische Mitarbeiter-stab, besonders auch Waschnek als Hersteller der Kopie, hat hieran hervorragenden Anteil.« (Hans Wollenberg, „Dr. Mabuse, der Spieler“,Lichtbild-Bühne,Nr. 18, 29.4.1922)

Dr. Mabuse, der Spieler (D 1922)

Der Vorwärts betont noch einmal die unglaubliche Aktualität des Films: »Der Reiz des Films liegt also auf anderem Gebiet: eben in der organischen Einflechtung typischer Zeiterscheinungen in die Begebenheiten. Das Schieber- und Dirnentum der Gegenwart, die Razzien und Aushebung von Spielklubs, die ganze Spielwut der Zeit, der Börsentaumel, der okkulte Schwindel, der nächtliche Schlepperdienst, die Verlogenheit einer entarteten Gesellschaft, all das ist geschickt verewigt.« (30.4.1922)

Lang selbst wird später den ungeheuren Erfolg des Films seinem dokumentarischen Charakter zuschreiben. Wie u.a. Siegfried Kracauer in Von Caligari zu Hitler bemerkt, entsteht das Dokumentarische dabei keineswegs aus einer möglichst ‚realistischen’ äußeren Gestaltung – im Gegenteil: immer wieder greift Lang auf expressionistische Dekors zurück, um die die aus den Fugen geratene Welt des Dr. Mabuse zu gestalten. Das diese Form der Inszenierung dennoch als höchst zeitgemäß betrachtet wird, ist der große Verdienst Langs.