|
|
In Arnold Fancks erstem Bergsteigerfilm, machen sich eine Frau und ein Bergführer auf, den "Menschenfresser" Lyskamm zu besteigen. Dieser dokumentarische Film erzählt nicht mehr - und auch nicht weniger - als den »Kampf« zweier Bergbegeisterter durch das atemberaubend schöne Gletschergebiet rund um den Monte Rosa und das Matterhorn. Die Aufmerksamkeit gilt dabei gleichermaßen der Naturbetrachtung als auch dem Bergsport, dessen aktuellster technischer Stand (Anno 1921) hier vorgeführt wird.
»Es gibt einen »Fall Dr. Fanck«, denn man regt sich auf
über ihn. Dr. Fanck wird nicht gelobt, sondern geliebt, nicht kritisiert,
sondern angegriffen. Die Wertungen seines Werkes widersprechen nicht nur
einander, sondern auch sich selbst. Er ist vielen ein Ärgernis, die
ihn bewundern. Er ist ein Schmerzenskind, dem man oft so Unrecht tut,
als ginge es um Prinzipielles. Die Lager, in die sich dabei die Geister
scheiden, sind verdächtig, nicht bloß Kinobesucher verschiedenen
Geschmacks zu sein.
Es gibt einen Fall Dr. Fanck - und wenn wir ihn untersuchen wollen, gehn
wir wohl am besten davon aus, worin wir uns alle einig sind in allen Lagern
und Ländern, ohne Widerspruch. Dr. Fanck ist der größte
Filmbildner der Natur. Er hat zum erstenmal das Riesenpathos kosmischer
Naturgröße im Film erstehen lassen. Er hat uns eine ungeheuere
Welt der Ungeheuer erschlossen und unseren Menschenblick mit seiner Kamera
mitten hineingeworfen, uns zum Mitleben gezwungen. [...]
Aber es sind viele, die Dr. Fanck vorwerfen, daß er in die großen
Bilder seiner Bergwelt Geschichten kleiner menschlicher Schicksale mischt.
Diese Kritik gehört zu jenen, die sich selber widersprechen. Kann
denn Größe anders dargestellt werden, als gemessen an der verhältnismäßigen
Kleinheit menschlichen Alltags? Nicht einmal räumliche Größe,
umso weniger das ungeheure Pathos der Größe einer Gewalt. Sie
muß schon einer von uns zu spüren bekommen, damit wir sie fühlen,
die muß einer von uns erlitten haben, damit wir sie erleben. Denn
Bilderbögen schöner landschaftlicher Hintergründe haben
schon andere vor Dr. Fanck fotografiert. Aber seine Berge werden dramatisch,
weil sie mitspielen in einem Spiel. Dr. Fanck führt Regie mit Gletschern
und Lawinen und Stürmen über dem Montblanc. Naturelemente werden
zu dramatischen Elementen, zu lebendigen Mitwesen, weil sie Lebewesen
begegnen. Der Fels wirkt drohend, weil er irgend jemanden bedroht und
mit den Augen des Bedrohten gesehen wird. Der Schneesturm wird zum schrecklichen
Schicksal, weil er in das Schicksal von Menschen eingreift. Er wird zum
Antagonisten im Kampf, weil er sich der Absicht, dem wilden Willen eines
Menschen entgegenstellt. So bekommt die Natur in Dr. Fancks Filmen ein
Antlitz. Und damit beginnt die Kunst.«
(Béla Balázs, 1931)
»In Fancks frühen
Filmen ist ihr ursprünglicher Dokumentarcharakter noch nicht ganz
verloren gegangen. Zu diesen Filmen zählt auch sein zweiter Film
Im Kampf mit dem Berge, den er 1920 an den Originalschauplätzen
drehte - bei diesen Aufnahmen stand eine Filmkamera erstmalig auf 4500
Metern Höhe - und den er in einem Untertitel 1. Teil: In Sturm
und Eis nannte (ein 2. Teil wurde nie gedreht und so fiel später
dieser Untertitel fort). Die »Handlung« dient in diesem Film nur
der sich zeitlich entfaltenden Darstellung einer grandiosen Natur mit
Bergen, Wolken, Tälern, Abgründen, Steilwänden, Gletschern,
Schnee und Eis. Die Größe und Erhabenheit dieser Welt erlebt
das Filmpublikum durch ein Paar, das in dieser Bergwelt wandert und klettert.
Es »besiegt« nicht die Berge, sondern paßt sich vorsichtig,
zäh und geduldig an, nimmt sie hin, ist mit ihnen fast schon im Brechtschen
Sinne »einverstanden« und besteht das Abenteuer.
Fancks Film hat sich in der ursprünglichen, 1921 im Berliner UFA-Palast
uraufgeführten Fassung, zu der Hindemith seine Filmmusik geschrieben
hatte, nicht erhalten. Bekannter geworden ist nur eine wohl Ende der zwanziger
Jahre umgeschnittene und um etwa 30 Minuten gekürzte Fassung, die
der Filmwissenschaftler Lothar Prox in den achtziger Jahren im Moskauer
Filmarchiv ausfindig machen konnte [...].« (Giselher Schubert)
Im UFA-Palast in Berlin, wo die Premiere stattfinden sollte, war damals
ein sehr bekannter Dirigent, dem ich die Partitur brachte mit der Bitte,
sie einzustudieren für die Premiere. Ein paar Tage später aber
lehnte er das glatt ab, weil er gewohnt sei, sich die Musik selbst für
einen Film zusammenzustellen (wie man das in diesen Zeiten damals machte).
Außerdem sei diese Musik so schwer, daß sein Orchester sie
nicht spielen könne. Und das wiederholte sich dann in allen anderen
Premierentheatern, wo die betreffenden Dirigenten sich entweder ihre eigene
Musik zusammenstellten, oder die vom Ufa-Palast übernahmen. Einzig
in dem Premierentheater in Düsseldorf konnte ich erreichen, daß
Hindemiths Musik gespielt wurde. Und hier vor der großen Leinwand
konnte ich jetzt besonders gut empfinden, wie sehr meine Bilder durch
diese Musik erhöht wurden, und damit erkennen, daß es der einzig
richtige Weg sei, einen Film original zu komponieren. Meines Wissens dauerte
es dann aber noch einige Jahre, bis diese Erkenntnis in der Filmbranche
Allgemeingut und durchgeführt wurde. [...]
Übrigens hat Hindemith diesen Film Im Kampf mit dem Berg damals
komponiert ohne ein Honorar zu verlangen. Einfach weil es ihm Freude machte,
so etwas einmal zu machen und weil er diese Bildsinfonie -wie gesagt-
empfand wie Musik.
Hindemith führte diese Filmmusik in sechs »Akten« aus, die den
sechs Filmrollen entsprachen. Dabei trug er in die Partitur immer wieder
Hinweise auf markante Bilder des Films ein, die den Aufführenden
die Koordinierung von Film und Musik erleichtern helfen. Darüber
hinaus stützt sich Hindemith auch auf absolut-musikalische Formen,
wie etwa auf die der Passacaglia, die sich nach ihren eigenen Gesetzen
entwickelt und den Film weniger musikalisch illustriert als vielmehr kontrapunktiert.
Solche Formen rechtfertigen auch eine separate Aufführung der Filmmusik.
Hindemith legte aus pragmatischen Gründen die Orchesterbesetzung
übrigens variabel an; seine Musik kann von einer großen Ensemblebesetzung
bis hinab zur Besetzung durch Klavier und Violine aufgeführt werden.
(Giselher Schubert)
Paul Hindemiths Originalmusik zu Im Kampf mit dem Berge wird in der Bearbeitung von Lothar Prox von Dozenten und Dozentinnen des Erlanger Musikinsituts aufgeführt werden. Auf der Leinwand der StummFilmMusikTage sehen Sie die Premiere einer neuen Positivkopie des Moskauer Filmnegativs, die seit Ende 2004 im Besitz der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist.