Im Kampf mit dem Berge(D 1921)

Dauer:
60 min
Regie:
Arnold Fanck
Kamera:
Darsteller:
  • Ilse Rohde
  • Hannes Schneider
Musik:
Paul Hindemith
Ausführung:
Dozenten und Dozentinnen des Erlanger Musikinstituts
Leitung:
Stefan Hippe
Filmkopie:
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Programmheft Im Kampf mit dem Berge Filmstill Im Kampf mit dem Berge

In Arnold Fancks erstem Bergsteigerfilm, machen sich eine Frau und ein Bergführer auf, den "Menschenfresser" Lyskamm zu besteigen. Dieser dokumentarische Film erzählt nicht mehr - und auch nicht weniger - als den »Kampf« zweier Bergbegeisterter durch das atemberaubend schöne Gletschergebiet rund um den Monte Rosa und das Matterhorn. Die Aufmerksamkeit gilt dabei gleichermaßen der Naturbetrachtung als auch dem Bergsport, dessen aktuellster technischer Stand (Anno 1921) hier vorgeführt wird.

Der »Fall Dr. Fanck«

»Es gibt einen »Fall Dr. Fanck«, denn man regt sich auf über ihn. Dr. Fanck wird nicht gelobt, sondern geliebt, nicht kritisiert, sondern angegriffen. Die Wertungen seines Werkes widersprechen nicht nur einander, sondern auch sich selbst. Er ist vielen ein Ärgernis, die ihn bewundern. Er ist ein Schmerzenskind, dem man oft so Unrecht tut, als ginge es um Prinzipielles. Die Lager, in die sich dabei die Geister scheiden, sind verdächtig, nicht bloß Kinobesucher verschiedenen Geschmacks zu sein.
Es gibt einen Fall Dr. Fanck - und wenn wir ihn untersuchen wollen, gehn wir wohl am besten davon aus, worin wir uns alle einig sind in allen Lagern und Ländern, ohne Widerspruch. Dr. Fanck ist der größte Filmbildner der Natur. Er hat zum erstenmal das Riesenpathos kosmischer Naturgröße im Film erstehen lassen. Er hat uns eine ungeheuere Welt der Ungeheuer erschlossen und unseren Menschenblick mit seiner Kamera mitten hineingeworfen, uns zum Mitleben gezwungen. [...]
Aber es sind viele, die Dr. Fanck vorwerfen, daß er in die großen Bilder seiner Bergwelt Geschichten kleiner menschlicher Schicksale mischt. Diese Kritik gehört zu jenen, die sich selber widersprechen. Kann denn Größe anders dargestellt werden, als gemessen an der verhältnismäßigen Kleinheit menschlichen Alltags? Nicht einmal räumliche Größe, umso weniger das ungeheure Pathos der Größe einer Gewalt. Sie muß schon einer von uns zu spüren bekommen, damit wir sie fühlen, die muß einer von uns erlitten haben, damit wir sie erleben. Denn Bilderbögen schöner landschaftlicher Hintergründe haben schon andere vor Dr. Fanck fotografiert. Aber seine Berge werden dramatisch, weil sie mitspielen in einem Spiel. Dr. Fanck führt Regie mit Gletschern und Lawinen und Stürmen über dem Montblanc. Naturelemente werden zu dramatischen Elementen, zu lebendigen Mitwesen, weil sie Lebewesen begegnen. Der Fels wirkt drohend, weil er irgend jemanden bedroht und mit den Augen des Bedrohten gesehen wird. Der Schneesturm wird zum schrecklichen Schicksal, weil er in das Schicksal von Menschen eingreift. Er wird zum Antagonisten im Kampf, weil er sich der Absicht, dem wilden Willen eines Menschen entgegenstellt. So bekommt die Natur in Dr. Fancks Filmen ein Antlitz. Und damit beginnt die Kunst.«
(Béla Balázs, 1931)

»In Fancks frühen Filmen ist ihr ursprünglicher Dokumentarcharakter noch nicht ganz verloren gegangen. Zu diesen Filmen zählt auch sein zweiter Film Im Kampf mit dem Berge, den er 1920 an den Originalschauplätzen drehte - bei diesen Aufnahmen stand eine Filmkamera erstmalig auf 4500 Metern Höhe - und den er in einem Untertitel 1. Teil: In Sturm und Eis nannte (ein 2. Teil wurde nie gedreht und so fiel später dieser Untertitel fort). Die »Handlung« dient in diesem Film nur der sich zeitlich entfaltenden Darstellung einer grandiosen Natur mit Bergen, Wolken, Tälern, Abgründen, Steilwänden, Gletschern, Schnee und Eis. Die Größe und Erhabenheit dieser Welt erlebt das Filmpublikum durch ein Paar, das in dieser Bergwelt wandert und klettert. Es »besiegt« nicht die Berge, sondern paßt sich vorsichtig, zäh und geduldig an, nimmt sie hin, ist mit ihnen fast schon im Brechtschen Sinne »einverstanden« und besteht das Abenteuer.
Fancks Film hat sich in der ursprünglichen, 1921 im Berliner UFA-Palast uraufgeführten Fassung, zu der Hindemith seine Filmmusik geschrieben hatte, nicht erhalten. Bekannter geworden ist nur eine wohl Ende der zwanziger Jahre umgeschnittene und um etwa 30 Minuten gekürzte Fassung, die der Filmwissenschaftler Lothar Prox in den achtziger Jahren im Moskauer Filmarchiv ausfindig machen konnte [...].« (Giselher Schubert)

Poster Im Kampf mit dem Berge

Zur Musik

Die einzige Filmmusik, die sich von Hindemith erhalten hat, ist diejenige zum Film Im Kampf mit dem Berge, die er im Sommer 1921 eher zufällig in wenigen Wochen komponiert hatte. Das ist eine der ersten Originalkompositionen für den Film überhaupt. Der Regisseur dieses Films, Arnold Fanck, hat darüber später berichtet:
Im Jahre 1921 wohnte Hindemith, der damals sehr befreundet war mit meinem Schwager, Dr. Temesvary (ebenfalls Komponist) auf Einladung längere Zeit in unserer Freiburger Villa. Ich habe damals gerade in unserer großen Diele meinen Lyskammfilm Im Kampf mit dem Berge geschnitten und immer, wenn ich ein Röllchen beieinander hatte und mir vorführte, sah Hindemith interessiert zu. Und als ich schließlich den ganzen Film in der ersten Fassung vorführte, sagte Hindemith ganz begeistert zu mir: »Wissen Sie, was Sie da machen ist reine Musik«. Diese Worte sind mir unvergesslich geblieben. Er machte mir dann den Vorschlag, er wolle zu diesem Film einmal die Musik komponieren. Was damals noch ganz ungebräuchlich war. Ich mußte ihm also im Laufe der nächsten Wochen immer wieder einzelne Teile vorführen, wobei ich ihm die Meterlängen abstoppte und er schon während der Vorführung sich kurze Notizen in Noten machte. Dann setzte er sich an unseren Flügel und spielte sich die inzwischen fertig gewordenen Noten für die einzelnen Rollen vor. Als er mit der ganzen Komposition fertig war und sie mir auf dem Klavier vorspielte, da wurde mir plötzlich ganz klar, daß meine Bilder durch diese Musik stark in der Wirkung erhöht wurden. [...] Das war jedenfalls das erste Mal, daß ein Film Originalkomposition bekam. [...]

Im UFA-Palast in Berlin, wo die Premiere stattfinden sollte, war damals ein sehr bekannter Dirigent, dem ich die Partitur brachte mit der Bitte, sie einzustudieren für die Premiere. Ein paar Tage später aber lehnte er das glatt ab, weil er gewohnt sei, sich die Musik selbst für einen Film zusammenzustellen (wie man das in diesen Zeiten damals machte). Außerdem sei diese Musik so schwer, daß sein Orchester sie nicht spielen könne. Und das wiederholte sich dann in allen anderen Premierentheatern, wo die betreffenden Dirigenten sich entweder ihre eigene Musik zusammenstellten, oder die vom Ufa-Palast übernahmen. Einzig in dem Premierentheater in Düsseldorf konnte ich erreichen, daß Hindemiths Musik gespielt wurde. Und hier vor der großen Leinwand konnte ich jetzt besonders gut empfinden, wie sehr meine Bilder durch diese Musik erhöht wurden, und damit erkennen, daß es der einzig richtige Weg sei, einen Film original zu komponieren. Meines Wissens dauerte es dann aber noch einige Jahre, bis diese Erkenntnis in der Filmbranche Allgemeingut und durchgeführt wurde. [...]
Übrigens hat Hindemith diesen Film Im Kampf mit dem Berg damals komponiert ohne ein Honorar zu verlangen. Einfach weil es ihm Freude machte, so etwas einmal zu machen und weil er diese Bildsinfonie -wie gesagt- empfand wie Musik.
Hindemith führte diese Filmmusik in sechs »Akten« aus, die den sechs Filmrollen entsprachen. Dabei trug er in die Partitur immer wieder Hinweise auf markante Bilder des Films ein, die den Aufführenden die Koordinierung von Film und Musik erleichtern helfen. Darüber hinaus stützt sich Hindemith auch auf absolut-musikalische Formen, wie etwa auf die der Passacaglia, die sich nach ihren eigenen Gesetzen entwickelt und den Film weniger musikalisch illustriert als vielmehr kontrapunktiert. Solche Formen rechtfertigen auch eine separate Aufführung der Filmmusik. Hindemith legte aus pragmatischen Gründen die Orchesterbesetzung übrigens variabel an; seine Musik kann von einer großen Ensemblebesetzung bis hinab zur Besetzung durch Klavier und Violine aufgeführt werden.
(Giselher Schubert)

Paul Hindemiths Originalmusik zu Im Kampf mit dem Berge wird in der Bearbeitung von Lothar Prox von Dozenten und Dozentinnen des Erlanger Musikinsituts aufgeführt werden. Auf der Leinwand der StummFilmMusikTage sehen Sie die Premiere einer neuen Positivkopie des Moskauer Filmnegativs, die seit Ende 2004 im Besitz der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist.