Um das Herz seiner Angebeteten Sally zu erobern, heuert der Straßenfotograf Luke Shannon als Kameramann bei der MGM-Wochenschau an. Highlights des Films sind neben einem unerreichten Baseball-Spiel, das Buster mit sich selbst spielt, seine Dreharbeiten bei einer Regatta, in einer überfüllten Ankleide und bei einem der sog. tong wars, den berüchtigten chinesischen Banden-kriegen, die in den 20er Jahren viele amerikanische Großstädte erschüttern.
Der Kameramann war Keatons erster Film für die MGM und gilt zugleich als sein letztes Meisterwerk.
»Keaton galt als einer der Stars bei der MGM, er war auf jeden Fall ihr einziger Starkomiker. Sein Niedergang begann jedoch in dem Augenblick, in dem Irving Thalberg, der neue Studioleiter, verbissen in seinen Machtkampf mit Louis B. Mayer, dem »Unaussprechlichen«, wie ihn Sir Michael Balcon nannte, sich plötzlich dazu entschloß, etwas für Keaton zu tun.
Dessen Schwager Joe Schenck, Ehemann von Norma Talmadge, der bisher das unabhängige Produktionsteam Keaton geleitet hatte, trat bei der Gründung der Metro Goldwyn Mayer seinen Vertrag mit Buster an Nick Schenck ab, Mitglied der Unternehmensleitung bei Loew's Inc., der zu den Gründern der neuen Firma gehörte. Offiziell blieb bei Buster also alles in der (Schwieger-)Familie.
Irving Thalberg, ein intelligenter Mann, der im Vergleich zu seinem Kollegen Mayer geradezu als Genie galt, steckte voller Ehrgeiz und neuer Ideen, war jedoch gefühlskalt und humorlos. »Er hat Eiswasser in den Adern«, pflegte Eddie Mannix, der Studioleiter, von ihm zu sagen. Thalberg schätzte Buster und spielte gern Bridge mit ihm. Er verstand jedoch nicht viel von Komödien und bestand auf folgendem Grundsatz: Komödien dürfen nicht improvisiert werden, sondern müssen bis ins kleinste Detail vorausgeplant werden. Der Aufrechterhaltung seltsamer Forderungen verschrieben (»Ich will, daß das Publikum in jedem meiner Filme den Augenblick deutlich erlebt, in dem sich Heldin und Held ineinander verlieben, andernfalls mache ich den Film nicht«), war er stolz auf seine »indirekte Technik«, die ihn aus recht unerfindlichen Gründen dazu trieb, seinem Schwager Laurence Weingarten, einem Spezialisten für Bibelschinken, die Produktionsleitung bei allen MGM-Filmen Buster Keatons zu übertragen. Damit geriet dieser Komiker, der bisher in jeder Hinsicht sein eigener Produktionsleiter gewesen war, ab The Cameraman in eine Maschinerie, die von einem Werbetexter des Hauses so beschrieben wurde: »Überwachung durch MGM, Produktion ausschließlich in den Metro-Studios, Leitung der MGM-Gag- und -Untertitelschreiber und fachkundige Beratung durch firmeneigene Techniker.« Er, der für seine berühmtesten Filme (insbesondere Sherlock jr., The Navigator und The General) das Drehbuch geschrieben, die Produktion geleitet und Regie geführt hatte, der sich noch die kleinsten Requisiten selbst hergestellt hatte, der bis heute unübertroffene Tricks entwickelt hatte, war ab 1927 nicht mehr Herr seiner selbst und mußte plötzlich darum kämpfen, seine treuesten Mitarbeiter beschäftigen zu dürfen. In The Cameraman konnte er sich ein letztes Mal durchsetzen und Fred Gaboune, Ed Sedgwick und Clyde Bruckman einsetzen. Bereits im folgenden Film hatte er jeden Einfluß verloren und mußte sich mit ungeeigneten Stoffen zufrieden geben [...] Man hat behauptet, der Niedergang Keatons sei auf seine Abneigung gegen den Tonfilm zurückzuführen. Mit seiner schönen Baßstimme hatte Buster keinerlei stimmlichen Probleme; allerdings wollte er nicht kalauern, keine Aphorismen und schlagfertigen Antworten von sich geben, wie sie von den Dialogschreibern der MGM, die Buster zufolge damals alle joke happy waren, am laufenden Band für ihn produziert wurden.
Laurence Weingarten machte sich des Verbrechens schuldig, die wesentlichen Eigenschaften Busters hartnäckig zu verkennen; er ließ ihm Schlag auf Schlag Filme schreiben, wie sie gerade Mode waren, schwachsinnige Albernheiten, die heute längst überholt sind, in denen seine Einzigartigkeit gnadenlos unterdrückt wurde. In seinem Wissen um die Vorfabriziertheit aller seiner MGM-Filme, in seiner Frustration darüber, daß er keine spontanen Einfälle mehr anbringen durfte, drangsaliert durch die Zusammenarbeit mit einem Jimmy Durante, dessen Aufgabe darin zu bestehen schien, ihn zu verdrängen, zermürbt von seiner unglücklichen Ehe mit Natalie Talmadge, nahm Buster, wie im Show-Business üblich, Zuflucht zum Alkohol. [...]
Schon 1931 begann Louis B. Mayer, die Geduld mit den Eskapaden und Besäufnissen zu verlieren, die man Buster zuschrieb; dieser flüchtete seinerseits häufiger als er eigentlich durfte mit seinen Freunden und Mitarbeitern in die berühmte land yacht, die Mayer zufolge das Hauptquartier aller Unzufriedenen und Umstürzler der Metro geworden war. In Busters Bungalow, wo der Alkohol in Strömen floß, wurden jetzt regelmäßig und lautstark nächtliche Feste und (so zumindest Mayer) sogar Orgien gefeiert, auf die er Eddie Mannix mit der Anweisung aufmerksam machte, dem Ganzen ein Ende zu bereiten.
Die Scheidung des Stars von seiner Frau Natalie kostete ihn endgültig seine bereits angegriffene Gesundheit: »Der Anwalt schlug für Frau Keaton praktisch alles heraus, was ich hienieden besaß«, erzählt Buster. »Unser Haus in Beverly Hills, unsere Autos, meine Immobilien, mein Bankkonto, die Erziehungsgewalt über meine Söhne, deren Versorgungsbezüge, meine Lebensversicherungen in Höhe von mehr als 80.000 Dollar.
Ich war zu niedergeschlagen, um noch Widerstand zu leisten. Da mein ganzes Lebenswerk vor meinen Augen hinweggefegt wurde, sagte ich mir eben: zum Teufel mit dem Geld. Sie soll haben, was sie will.[...]«
In Abwesenheit von Irving Thalberg, der vor kurzem einen Herzanfall erlitten hatte, nahm Mayer, den Keaton nach einem Bericht von Samuel Marx aus dem Bungalow gejagt hatte, die erste Gelegenheit wahr, um Busters Vertrag aufzukündigen.
»1933 bis 1935 habe ich die beiden schlimmsten Jahre meines Lebens durchgemacht«, erzählt Buster. »Ich begann jetzt ernstlich zu trinken und hatte schließlich einen schlimmen Anfall von Delirium tremens. Ich weiß nicht, warum ich »schlimmer Anfall« sage, denn einen angenehmen habe ich noch nie erlebt. Einmal wurde ich im Entziehungsheim in eine Zwangsjacke gesteckt und zweimal wurde ich einer sogenannten Keeley-Kur unterworfen, die darin besteht, daß man jede halbe Stunde zwangsweise unter Gin, Rum, Bier, Brandy, Wein und Whisky gesetzt wird. Nach der zweiten Kur schickte man mich wieder heim. «
[Es folgt eine lange Tingelei durch unter-schiedliche Studios, um sich mit Nebenrollen über Wasser zu halten. Nach seiner Wiedereinstellung bei MGM verdient er sich als Gagschreiber, u.a. für die Marx Brothers, W.C. Fields und Red Skelton.]
In Übereinstimmung mit seinem Leinwand-image nahm Keaton sein trauriges Schicksal, seinen »crack-up« fatalistisch hin, gewisser-maßen als Zeichen jener Entfremdung, die jedem Star des Schaugeschäfts droht, sobald er den Gipfel erreicht hat. Er kämpfte nicht um seinen Rang und ebensowenig um seine Gage, seinen Vertrag, seine Söhne oder seinen sonstigen Besitz. Der Wind des Schicksals, ähnlich den Wirbelstürmen seiner Kindheit, hatte ihm acht Jahre vollendeten Glücks und schöpferischer Entfaltung zugeweht. Diese außergewöhnliche Blütezeit reicht von 1920, dem Datum der ersten, von ihm stammenden Kurzfilme, bis 1928, dem Jahr, in dem The Cameraman gedreht wurde; diese Jahre bilden den seither nicht mehr erreichten Höhepunkt eines Werkes ohnegleichen, in dieser Zeit sind seine völlig unumstrittenen Filme entstanden [...]
Keaton trug seinen Schinderknechten ihre Inkompetenz und ihre Albernheit nicht nach. Seine 1960 veröffentlichten Memoiren enden mit den Worten: »Mein Leben war glücklich und gewinnbringend, vielleicht auch deshalb, weil ich die mir zugedachten Schicksalsschläge akzeptiert habe. Das Leben brachte jede Menge Kinnhaken für jene, die sie verdienten; für die anderen wohl auch. Ich will hundert Jahre alt werden.« Wer denkt heute noch an Laurence Weingarten?« (Benayoum, 135-138)