Juve gegen Fantômas (Juve Contre Fantômas) (Frankreich 1913)

Juve gegen Fantômas (Frankreich 1913)
Dauer:
59 min
Regie:
Louis Feuillade
Buch:
Louis Feuillade nach der gleichnamigen Romanvorlage von Pierre Souvestre und Marcel Allain
Darsteller:
  • René Navarre
  • Edmond Bréon
  • Georges Melchior
  • Reneé Carl
  • Yvette Andreyor
Musik (UA) und Leitung:
Stefan Hippe
Ausführung:
Mitglieder des Nürnberger Akkordeonorchesters (Akkordeon: Melanie Albrecht, Katja Frey, Christine Stockfisch, Manfred Elbacher, Fred Munker; Basso: Martina Janschak; Elektronium: Birgit Elbacher, Werner Rothmayr)
Juve gegen Fantômas (Frankreich 1913)

»Fantômas.«
»Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe 'Fantômas'gesagt.«
»Und was bedeutet das?«
»Nichts... Alles!«
»Aber was ist es?«
»Niemand... und doch, ja, ist es jemand!«
»Und was tut dieser Jemand?«
»Angst und Schrecken verbreiten!«
(Auftakt des ersten Fantômas-Romans, Fantômas)

Inhalt

Juve contre Fantômas ist der zweite Teil eines fünfteiligen Fantômas-Serials des Regisseurs Louis Feuillade. Da die einzelnen Episoden jedoch in keinem festen Zeitabstand und oft erst nach Wochen veröffentlicht wurden, bedarf es kaum eines Vorwissens, um sie isoliert zu verstehen.
In Juve contre Fantômas erhält der unermüdliche Inspektor Juve die Nachricht, dass ein gewisser Dr. Chaleck in Wahrheit der gefürchtete und von Juve unerbittlich verfolgte Super-Verbrecher Fantômas ist. Juve, der als Ermittler bei der Sûreté arbeitet, beschließt den Arzt gemeinsam mit seinem guten Freund Fandor, einem Journalisten, zu beschatten. Als Chaleck auf geheimnisvolle Weise verschwindet, taucht statt seiner der Ganovenboss Loupart auf und verhandelt etwas mit der Gangsterbraut und Prostituierten Joséphine. Fandor kann der Frau bis in einen Zug folgen, wo er von Loupart/Fantômas erkannt wird. Fandor wird ebenso ausgeraubt wie ein reicher Weinhändler, das eigentliche Opfer der Verbrecher. In letzter Sekunde können sich beide aus dem inzwischen losgekoppelten Zugwagon retten, der bergab auf den berühmten Simplon Express zurast, und entkommen so nur knapp einem fürchterlichen Inferno.
Juve und Fandor treffen sich wieder und bestehen mehrere gefährliche Abenteuer bis sie zufällig in einem Restaurant Dr. Chaleck entdecken, den sie bis zu Lady Belthams Heim verfolgen. Diese ist eine frühere Geliebte Fantômas' und die Witwe eines seiner Opfer aus dem ersten Teil. Sie kennt den Verbrecher-Fürsten nur unter dem falschen Namen Gurn. Wie so oft kann sie sich seines gefährlichen Charmes nicht erwehren und sagt schließlich zu, diesen in ihrer verlassenen Villa zu treffen. Juve und Fandor bleiben ihnen auf den Fersen und können sich schließlich Zugang zur Villa verschaffen, wo sie noch in der Nacht vom sog. "stummen Henker", einer gigantischen Python, attackiert werden.
Fantômas streift nun seine Verkleidung ab und erscheint in seinem eigentlichen Kostüm als der »Mann in Schwarz«. Es gelingt ihm, aus der Villa zu entkommen, die von Juve, Fandor und der Polizei durchkämmt wird. Mit diabolischer Freude betätigt er den Auslöser einer Sprengladung, die das Haus in Schutt und Asche legt. Können Juve und Fandor diese gewaltige Explosion überleben?

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Juve gegen Fantômas (Frankreich 1913)
Juve, Fandor und der »stumme Henker«
Juve gegen Fantômas (Frankreich 1913)
Juve und Fandor in der Falle

Fantômas

Zwischen Februar 1911 und September 1913 veröffentlichten Pierre Souvestre und Marcel Allain insgesamt 32 Fantômas-Romane, monatlich erscheinende Kolportageromane, die sich in Frankreich (und wenig später auch im Ausland) ungeheuerer Beliebtheit erfreuten. Held dieser Groschenromane ist der Superverbrecher Fantômas, der genial-intelligent und ebenso grausam seinen Schreckensherrschaft in Frankreich ausweitet. Als Meister der Verwandlung betrügt, mordet, raubt und erpresst er mit seiner Bande in jedem Roman auf schockierende und im Detail beschriebene Art und Weise. Sein erbittertster Feind, Inspektor Juve, kommt meist einen Schritt zu spät und gerät ein ums andere Mal selbst in Lebensgefahr.
Die fantastischen Verkaufszahlen der Fantômas-Serie von über 5 Millionen Exemplaren entgingen auch den beiden großen französischen Filmproduktionsfirmen, Pathé und Gaumont, nicht, die sich binnen kürzester Zeit um die Filmrechte bewarben. Gaumont bekam schließlich den Zuschlag und beauftragte seinen Produktionsleiter, Louis Feuillade, mit der Herstellung einer eigenen Kinoserie, basierend auf den Romanvorlagen von Souvestre und Allain.
Für ihr fünfteiliges Serial wählten die Gaumont-Verantwortlichen den ersten, zweiten, dritten, sechsten und zwölften Roman der Fantômas-Reihe. Im wesentlichen folgen die Filme der vorgegebenen Handlung, lediglich die grausamsten Passagen sind gelegentlich abgemildert. Die Grausamkeit und Skrupellosigkeit des Titelhelden und seiner Untergebenen werden dennoch anschaulich demonstriert. So wird ein Verräter kopfüber in eine Kirchenglocke gehängt und bis zu seinem blutigen Ende als menschlicher Klöppel missbraucht (Le faux Magistrat), Leichen fallen (mit oder ohne Kopf) aus Truhen und in einer der berühmtesten Sequenzen der Serie beginnt sogar eine Wand zu bluten, als man einen Leichnam hinter dem Putz 'entdeckt' (Fantômas contre Fantômas).
In der Welt des Fantômas ist nichts so wie es scheint. Häuser beherbergen Fall- und Geheimtüren, Spitzel lauern selbst im eigenen Heim, Beamte sind korrupt, Personen erscheinen und verschwinden wie von Geisterhand. Gezeigt wird die Welt der Aristokratie und der reichen Bourgeoisie, aber auch die Kaschemmen der Unterwelt mit ihren Bettlern, Gaunern und Prostituierten. Fantômas bewegt sich als einziger mühelos zwischen diesen Welten hin und her, so dass er der Polizei immer wieder ein Schnippchen schlagen kann. Er ist in der Stadt ebenso zuhause wie auf dem Land und Feuillade präsentiert beide Schauplätze gerade in den Außenaufnahmen gleichsam als Dokumentarist der Moderne. In Juve contre Fantômas sehen wir das Paris des Jahres 1913 mit seinen Pferdefuhrwerken, Automobilen, Straßenbahnen, Cafés und Industriebauten. Die Errungenschaften der Technik spielen hier eine ganz besondere Rolle und so bezieht die Handlung neben der Eisenbahn auch den Telegraphen und selbst eine Zentralheizung mit ein. Jede dieser technischen Errungenschaften ist freilich den Manipulationen des Verbrecherfürsten ausgesetzt und verwandelt sich in seiner Hand zur tödlichen Falle oder trügerischen Täuschung.
Fantômas ist ein frühes Meisterwerk des populären Kinos, das nicht nur eine Unzahl weiterer Verfilmungen der Stoffes nach sich zog (am bekanntesten sicher die Filmreihe mit Jean Marais und Louis de Funes), sondern auch erheblichen Einfluss auf die künstlerische Avantgarde seiner Zeit ausübte. Neben Cocteau, Gris und Prévert war es vor allem René Magritte, der immer wieder Motive aus der Feuillade-Verfilmung aufgriff.

Le Barbare (1928)
Magritte: Le Barbare (1928)
 Le retour de flamme (1943)
Magritte: Le retour de flamme (1943)

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Serials

Die Produktion sog. Filmserien erlebte ihre Blütezeit in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts. Weit ab von den Versuchen der Filmbranche das neue Medium durch erbauende und ernsthafte Großproduktionen respektabel zu machen, beriefen sich die Serials auf Unterhaltungsformen für die Arbeiterklasse. So stand für die Helden und Geschichten der Filme das populäre Bühnenmelodram des 19. Jahrhunderts ebenso Pate wie Groschenhefte, Kolportagezeitschriften und Revolverblättchen. Die kommerzielle Logik hinter diesen Produktionen war einfach, sorgten doch die Fortsetzungsgeschichten mit ihrer sog. »Cliffhanger«- Struktur für ein festes und somit kalkulierbares Publikum für mehrere Folgen.
Serials gab es in vielen Genres, etwa dem Western, doch am populärsten waren Thriller-Action-Kombinationen, wie die US-Produktion The Perils of Pauline (1914) mit der unnachahmlichen Pearl White, und Kriminalserials. In Frankreich zählten die Eclair-Studios zu den Wegbereitern des Formats, die mit Nick Carter, le roi des detectives (1908) einen ersten Großerfolg verbuchen konnten. In Deutschland schickten Ernst Richter und Joe May den Detektiv Stuart Webbs ins Rennen.
Der ungekrönte König dieser Gattung war jedoch Louis Feuillade, der neben dem ungeheur erfolgreichen

Fantômas

(1913-14) auch die umjubelte 10-teilige Serie Les Vampires (1915-16) und Judex (1917) drehte. In Deutschland wurde Fantômas seinerzeit übrigens verboten, befürchtete man doch eine »Gefahr der Nachahmung« von Gewalt, Verbrechen und Prostitution.

Die StummFilmMusikTage Erlangen präsentieren Ihnen die restaurierte Fassung von Juve contre Fantômas, die 1998 von Jacques Champreux, dem Erben des Feuillade-Nachlasses und Gaumont Film in Paris hergestellt wurde. Anlässlich des Festivals wurde eine neue Musik bei Stefan Hippe in Auftrag gegeben, die in Erlangen uraufgeführt wird.

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Die wichtigsten Figuren

Um Ihnen den Überblick zu erleichtern führen wir hier noch einmal alle wichtigen Figuren von Juve contre Fantômas auf:

Fantômas (René Navarre)

Fantomas als »Chaleck« Fantomas als »Loupart«

Der geniale Verbrecherkönig und Superganove ist höchstens vergleichbar mit dem deutschen Dr. Mabuse was seine kriminelle Energie, Skrupellosigkeit und seine Armee von untergebenen Schmalspurgangstern, Prostituierten und korrupten Beamten betrifft. Fantômas ist ein Meister der Verkleidung, der in Juve contre Fantômas u.a. als Dr. Chaleck, als Loupart, Anführer einer Verbrecherbande, und als der berühmte "Mann in Schwarz" auftritt. Seine Gegner verfolgt er mit gnadenloser Brutalität: Wer ihn verrät, bezahlt dies auf grauenvollste Art mit dem Leben. Sein ewiger Gegenspieler ist

Inspector Juve(Edmond Bréon)

Inspector  Juve Inspector Juve als Geschäftsmann

Er führt einen einsamen und zumeist erfolglosen Kreuzzug gegen den Super-Verbrecher. Seine Besessenheit bringt ihn immer wieder in Lebensgefahr; zwischendurch verdächtigt man ihn sogar, selbst Fantômas zu sein. Auch er greift bei seinen Ermittlungen zur Verkleidung und tritt in Juve contre Fantômas u.a. als Geschäftsmann mit langen Koteletten auf. Juves wichtigster Verbündeter ist

Fandor(Georges Melchior)
Fandor ist jung, dynamisch und Journalist bei der Tageszeitung La Capitale. Ein ums andere Mal stehen er und Juve sich gegenseitig bei, um entweder Fantômas zu verhaften oder aber, um einander das Leben zu retten. In den Fantômas-Romanen wird darüber hinaus angedeutet, dass er Fantômas' Sohn sein könnte.

Lady Beltham (Reneé Carl)
Sie ist Fantômas' langjährige Geliebte und außerdem die Witwe eines seiner Opfer aus dem ersten Teil des Serials. Sie verbindet eine Hass-Liebe mit dem Verbrecher-Genie. Obwohl sie ihn im tiefsten Inneren zu verachten scheint, gelingt es ihr nie, sich ganz von Fantômas zu lösen, der sie regelmäßig zu seiner Komplizin macht.

Buchdeckel des ersten Fantomas-Romans Fantômas (1911) /> Plakat des ersten Fantomas-Films Fantômas (1913)/>

Alles zum größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, zu den Romanen, ihren Verfilmungen und seinem Weiterleben in der bildenden Kunst, finden Sie unter www.fantomas-lives.com.