»Fantômas.«
»Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe 'Fantômas'gesagt.«
»Und was bedeutet das?«
»Nichts... Alles!«
»Aber was ist es?«
»Niemand... und doch, ja, ist es jemand!«
»Und was tut dieser Jemand?«
»Angst und Schrecken verbreiten!«
(Auftakt des ersten Fantômas-Romans, Fantômas)
Juve contre Fantômas ist der zweite Teil eines fünfteiligen
Fantômas-Serials des Regisseurs Louis
Feuillade. Da die einzelnen Episoden jedoch in keinem festen Zeitabstand
und oft erst nach Wochen veröffentlicht wurden, bedarf es kaum eines
Vorwissens, um sie isoliert zu verstehen.
In Juve contre Fantômas erhält der unermüdliche
Inspektor Juve die Nachricht, dass ein gewisser Dr. Chaleck in Wahrheit
der gefürchtete und von Juve unerbittlich verfolgte Super-Verbrecher
Fantômas ist. Juve, der als Ermittler bei der Sûreté
arbeitet, beschließt den Arzt gemeinsam mit seinem guten Freund
Fandor, einem Journalisten, zu beschatten. Als Chaleck auf geheimnisvolle
Weise verschwindet, taucht statt seiner der Ganovenboss Loupart auf und
verhandelt etwas mit der Gangsterbraut und Prostituierten Joséphine.
Fandor kann der Frau bis in einen Zug folgen, wo er von Loupart/Fantômas
erkannt wird. Fandor wird ebenso ausgeraubt wie ein reicher Weinhändler,
das eigentliche Opfer der Verbrecher. In letzter Sekunde können sich
beide aus dem inzwischen losgekoppelten Zugwagon retten, der bergab auf
den berühmten Simplon Express zurast, und entkommen so nur knapp
einem fürchterlichen Inferno.
Juve und Fandor treffen sich wieder und bestehen mehrere gefährliche
Abenteuer bis sie zufällig in einem Restaurant Dr. Chaleck entdecken,
den sie bis zu Lady Belthams Heim verfolgen. Diese ist eine frühere
Geliebte Fantômas' und die Witwe eines seiner Opfer aus dem ersten
Teil. Sie kennt den Verbrecher-Fürsten nur unter dem falschen Namen
Gurn. Wie so oft kann sie sich seines gefährlichen Charmes nicht
erwehren und sagt schließlich zu, diesen in ihrer verlassenen Villa
zu treffen. Juve und Fandor bleiben ihnen auf den Fersen und können
sich schließlich Zugang zur Villa verschaffen, wo sie noch in der
Nacht vom sog. "stummen Henker", einer gigantischen Python,
attackiert werden.
Fantômas streift nun seine Verkleidung ab und erscheint in seinem
eigentlichen Kostüm als der »Mann in Schwarz«. Es gelingt
ihm, aus der Villa zu entkommen, die von Juve, Fandor und der Polizei
durchkämmt wird. Mit diabolischer Freude betätigt er den Auslöser
einer Sprengladung, die das Haus in Schutt und Asche legt. Können
Juve und Fandor diese gewaltige Explosion überleben?
![]() Juve, Fandor und der »stumme Henker« |
![]() Juve und Fandor in der Falle |
Zwischen Februar 1911 und September 1913 veröffentlichten Pierre
Souvestre und Marcel Allain insgesamt 32 Fantômas-Romane, monatlich
erscheinende Kolportageromane, die sich in Frankreich (und wenig später
auch im Ausland) ungeheuerer Beliebtheit erfreuten. Held dieser Groschenromane
ist der Superverbrecher Fantômas, der genial-intelligent und ebenso
grausam seinen Schreckensherrschaft in Frankreich ausweitet. Als Meister
der Verwandlung betrügt, mordet, raubt und erpresst er mit seiner
Bande in jedem Roman auf schockierende und im Detail beschriebene Art
und Weise. Sein erbittertster Feind, Inspektor Juve, kommt meist einen
Schritt zu spät und gerät ein ums andere Mal selbst in Lebensgefahr.
Die fantastischen Verkaufszahlen der Fantômas-Serie von über
5 Millionen Exemplaren entgingen auch den beiden großen französischen
Filmproduktionsfirmen, Pathé und Gaumont, nicht, die sich binnen
kürzester Zeit um die Filmrechte bewarben. Gaumont bekam schließlich
den Zuschlag und beauftragte seinen Produktionsleiter, Louis
Feuillade, mit der Herstellung einer eigenen Kinoserie, basierend
auf den Romanvorlagen von Souvestre und Allain.
Für ihr fünfteiliges Serial wählten die Gaumont-Verantwortlichen
den ersten, zweiten, dritten, sechsten und zwölften Roman der Fantômas-Reihe.
Im wesentlichen folgen die Filme der vorgegebenen Handlung, lediglich
die grausamsten Passagen sind gelegentlich abgemildert. Die Grausamkeit
und Skrupellosigkeit des Titelhelden und seiner Untergebenen werden dennoch
anschaulich demonstriert. So wird ein Verräter kopfüber in eine
Kirchenglocke gehängt und bis zu seinem blutigen Ende als menschlicher
Klöppel missbraucht (Le faux Magistrat), Leichen fallen (mit
oder ohne Kopf) aus Truhen und in einer der berühmtesten Sequenzen
der Serie beginnt sogar eine Wand zu bluten, als man einen Leichnam hinter
dem Putz 'entdeckt' (Fantômas contre Fantômas).
In der Welt des Fantômas ist nichts so wie es scheint. Häuser
beherbergen Fall- und Geheimtüren, Spitzel lauern selbst im eigenen
Heim, Beamte sind korrupt, Personen erscheinen und verschwinden wie von
Geisterhand. Gezeigt wird die Welt der Aristokratie und der reichen Bourgeoisie,
aber auch die Kaschemmen der Unterwelt mit ihren Bettlern, Gaunern und
Prostituierten. Fantômas bewegt sich als einziger mühelos zwischen
diesen Welten hin und her, so dass er der Polizei immer wieder ein Schnippchen
schlagen kann. Er ist in der Stadt ebenso zuhause wie auf dem Land und
Feuillade präsentiert beide Schauplätze gerade in den Außenaufnahmen
gleichsam als Dokumentarist der Moderne. In Juve contre Fantômas
sehen wir das Paris des Jahres 1913 mit seinen Pferdefuhrwerken, Automobilen,
Straßenbahnen, Cafés und Industriebauten. Die Errungenschaften
der Technik spielen hier eine ganz besondere Rolle und so bezieht die
Handlung neben der Eisenbahn auch den Telegraphen und selbst eine Zentralheizung
mit ein. Jede dieser technischen Errungenschaften ist freilich den Manipulationen
des Verbrecherfürsten ausgesetzt und verwandelt sich in seiner Hand
zur tödlichen Falle oder trügerischen Täuschung.
Fantômas ist ein frühes Meisterwerk des populären
Kinos, das nicht nur eine Unzahl weiterer Verfilmungen der Stoffes nach
sich zog (am bekanntesten sicher die Filmreihe mit Jean Marais und Louis
de Funes), sondern auch erheblichen Einfluss auf die künstlerische
Avantgarde seiner Zeit ausübte. Neben Cocteau, Gris und Prévert
war es vor allem René Magritte, der immer wieder Motive aus der Feuillade-Verfilmung aufgriff.
![]() Magritte: Le Barbare (1928) |
Magritte: Le retour de flamme (1943) |
Die Produktion sog. Filmserien erlebte ihre Blütezeit in den 10er
Jahren des 20. Jahrhunderts. Weit ab von den Versuchen der Filmbranche
das neue Medium durch erbauende und ernsthafte Großproduktionen
respektabel zu machen, beriefen sich die Serials auf Unterhaltungsformen
für die Arbeiterklasse. So stand für die Helden und Geschichten
der Filme das populäre Bühnenmelodram des 19. Jahrhunderts ebenso
Pate wie Groschenhefte, Kolportagezeitschriften und Revolverblättchen.
Die kommerzielle Logik hinter diesen Produktionen war einfach, sorgten
doch die Fortsetzungsgeschichten mit ihrer sog. »Cliffhanger«-
Struktur für ein festes und somit kalkulierbares Publikum für
mehrere Folgen.
Serials gab es in vielen Genres, etwa dem Western, doch am populärsten
waren Thriller-Action-Kombinationen, wie die US-Produktion The Perils
of Pauline (1914) mit der unnachahmlichen Pearl White, und Kriminalserials.
In Frankreich zählten die Eclair-Studios zu den Wegbereitern des
Formats, die mit Nick Carter, le roi des detectives (1908) einen
ersten Großerfolg verbuchen konnten. In Deutschland schickten Ernst
Richter und Joe May den Detektiv Stuart Webbs ins Rennen.
Der ungekrönte König dieser Gattung war jedoch Louis
Feuillade, der neben dem ungeheur erfolgreichen
Fantômas
(1913-14) auch die umjubelte 10-teilige Serie Les Vampires (1915-16) und Judex (1917) drehte. In Deutschland wurde Fantômas seinerzeit übrigens verboten, befürchtete man doch eine »Gefahr der Nachahmung« von Gewalt, Verbrechen und Prostitution.Die StummFilmMusikTage Erlangen präsentieren Ihnen die restaurierte Fassung von Juve contre Fantômas, die 1998 von Jacques Champreux, dem Erben des Feuillade-Nachlasses und Gaumont Film in Paris hergestellt wurde. Anlässlich des Festivals wurde eine neue Musik bei Stefan Hippe in Auftrag gegeben, die in Erlangen uraufgeführt wird.
Um Ihnen den Überblick zu erleichtern führen wir hier noch einmal alle wichtigen Figuren von Juve contre Fantômas auf: p>
Fantômas (René Navarre)
Der geniale Verbrecherkönig und Superganove ist höchstens vergleichbar mit dem deutschen Dr. Mabuse was seine kriminelle Energie, Skrupellosigkeit und seine Armee von untergebenen Schmalspurgangstern, Prostituierten und korrupten Beamten betrifft. Fantômas ist ein Meister der Verkleidung, der in Juve contre Fantômas u.a. als Dr. Chaleck, als Loupart, Anführer einer Verbrecherbande, und als der berühmte "Mann in Schwarz" auftritt. Seine Gegner verfolgt er mit gnadenloser Brutalität: Wer ihn verrät, bezahlt dies auf grauenvollste Art mit dem Leben. Sein ewiger Gegenspieler ist
Inspector Juve(Edmond Bréon)
Er führt einen einsamen und zumeist erfolglosen Kreuzzug gegen den Super-Verbrecher. Seine Besessenheit bringt ihn immer wieder in Lebensgefahr; zwischendurch verdächtigt man ihn sogar, selbst Fantômas zu sein. Auch er greift bei seinen Ermittlungen zur Verkleidung und tritt in Juve contre Fantômas u.a. als Geschäftsmann mit langen Koteletten auf. Juves wichtigster Verbündeter ist
Fandor(Georges Melchior)
Fandor ist jung, dynamisch und Journalist bei der Tageszeitung La Capitale.
Ein ums andere Mal stehen er und Juve sich gegenseitig bei, um entweder
Fantômas zu verhaften oder aber, um einander das Leben zu retten.
In den Fantômas-Romanen wird darüber hinaus angedeutet,
dass er Fantômas' Sohn sein könnte.
Lady Beltham (Reneé Carl)
Sie ist Fantômas' langjährige Geliebte und außerdem die
Witwe eines seiner Opfer aus dem ersten Teil des Serials. Sie verbindet
eine Hass-Liebe mit dem Verbrecher-Genie. Obwohl sie ihn im tiefsten Inneren
zu verachten scheint, gelingt es ihr nie, sich ganz von Fantômas
zu lösen, der sie regelmäßig zu seiner Komplizin macht.
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Fantômas (1913)/>
Alles zum größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, zu den Romanen, ihren Verfilmungen und seinem Weiterleben in der bildenden Kunst, finden Sie unter www.fantomas-lives.com.