Johan (Schweres Blut/Lebendes Blut) (S 1921)

Dauer:
84 min
Regie:
Mauritz Stiller
Drehbuch:
  • Mauritz Stiller
  • Arthur Norden
  • nach Motiven des Romans Juha (1911) von Juhani Aho
Kamera:
Hendrik Jaenzon
Darsteller:
  • Jenny Hasselqvist
  • Mathias Taube
  • Hildegarde Harring
  • Urho Somersalmi
  • u.a
Musik
Alexander Popov
Ausführung:
Ensemble Kontraste
Leitung:
Frank Strobel
Filmkopie:
Cinemateket-Svenska Filminstitutet
Filmstill Johan

Inhalt

Marit, eine hart arbeitende Magd am entlegenen Hof von Johan heiratet den Hofherrn aus Zweckmäßigkeit und Not heraus. Die Ehe wird zur Qual. Da taucht eines Tages ein Fremdarbeiter wieder auf, der ihr früher schon einmal Avancen gemacht hatte. Nach schwerem Ringen brennt Marit mit dem Fremden durch. Ihre Flucht führt über reißende Stromschnellen und endet schließlich, als Johan den Fremden als vermeintlichen Entführer seiner Frau zum Kampf stellt. Johan siegt im Kampf, muß aber erkennen, daß Marit dem Fremden freiwillig gefolgt ist. Marit bereut ihren Entschluß jedoch schon und fleht Johan an, sie nicht zu verlassen. Der Versöhnung folgt die Rückkehr.

Johan entfaltet seine Dreiecksgeschichte in einer klassisch strukturierten 5-Akte-Dramaturgie aus stetig wechselndem Spiel und Gegenspiel. Das vermeintlich Triviale des Handlungsgeschehens wird durch die vielschichtige Figurenzeichnung und eine erklärende Rückblende aufgebrochen. Der verzweifelte Ausbruch und die nicht minder verzweifelte Rückkehr der Frau zwischen zwei Männern entkommt so jeder klischee-üblichen Typisierung.
Mauritz Stillers Johan ist die erste von bisher vier filmischen Adaptationen des Romans Juha (1911) von Juhani Aho - einem modernen Klassiker der finnischen Literatur, der auch zwei Opern und zahlreichen Theateradaptationen als literarische Vorlage diente. Die aktuellste Verfilmung stammt von Aki Kaurismäki: Juha (FIN 1999).Während alle Bühnenbearbeitungen und die beiden anderen Verfilmungen Juhani Ahos epischen Roman getreu der Vorlage mit einem tragischen Ende schließen lassen, nahmen sich Stiller und Kaurismäki die Freiheit, den tragischen Charakter der Handlung aufzubrechen bzw. umzuformen: Juhas Schicksal wandelt sich so bei Stiller zu einem lyrischen Drama nur mehr nach Motiven des Romans von Aho, bei Kaurismäki zu einer postmodernen Tragikömodie.

Zur Produktion

Während der Dreharbeiten zu Johan befand sich Finnland noch immer im Krieg mit Sowjetrußland. So griff Stiller erneut auf etwas zurück, das mit Sången om den eldröda blomman (Das Lied von der feuerroten Blume) eigentlich als Notlösung begonnen hatte. Während der schließlich in Mittelschweden durchgeführten Dreharbeiten zu jenem Film hatte Stiller fast versehentlich das einzigartige filmische Potential entdeckt, das in der Natur und den Landschaften des Nordischen Sommers zu finden ist. Die Magie der Mitternachtssonne, der riesigen Wälder und der großen Flüße mit ihren reißenden Stromschnellen hatte Stiller genauso überrascht, wie sie den internationalen Film verändern sollte. Jetzt suchte Stiller bewußt, was ihm zuvor fast zufällig begegnet war. Die Dreharbeiten zu Johan fanden in dem noch kontrastreicheren Lappland statt. Die Natur des Nordischen Sommers wurde von vornherein ein zusätzliches dramatisches Element der filmischen Gestaltung.
So richtete sich die Komposition der filmischen Handlung besonders stark an zwei Naturelementen aus: Licht und Wasser. Die Protagonisten erstrahlen in dem eigentümlichen Licht des Nordens. Die niemals anbrechende Nacht läßt sie in ihren Leidenschaften nicht zur Ruhe kommen. Die reißenden Stromschnellen, in die der Fremde und Marit nach ihrem Ausbruch wie in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang geworfen werden, tragen dann schon fast explizit metaphorischen Gehalt. Nach der Lösung des dramatischen wie emotionalen Konflikts am Ende des Films, nach ihrer Versöhnung werden Johan und Marit dann auf einem ruhigen Fluß und in sanftem Abendlicht in ihr Heim zurückkehren.

Zur Restaurierung

Einem Feuer in der Svensk Filmindustri fielen 1941 sowohl das Originalnegativ als auch Abzüge von Stillers Originalversion von Johan zum Opfer. Nur Bruchstücke konnten seitdem wieder aufgefunden werden. Henri Langlois, Mitbegründer der Cinématheque Française, betrachtete Johan als einen der drei wichtigsten Filme, die als verschollen galten.
In den 60er Jahren fand sich dann das Originalnegativ einer gekürzten Wiederaufführungsfassung. Die Zwischentitel in jener Schwarz-Weiß-Fassung waren lediglich mit Nummern bezeichnet, konnten aber anhand von im Archiv der Cinemateket-Svenska noch vorhandenen Zwischentiteln und Titellisten rekonstruiert werden. Informationen zur Farbtönung waren in das Negativ eingekratzt, als "Or" (für orange) beispielsweise. Die Cinemateket-Svenska unternahm 1971 einen frühen Restaurierungsversuch mit dem bis dahin wenig entwickelten Farbtönungsverfahren. Dabei wurde das Schwarz-Weiß-Negativ einfach auf Farbmaterial umkopiert. Doch waren sie mit dem Ergebnis so wenig zufrieden, daß sie die Fassung ungern und folglich selten zeigten. Erst im Jahre 200 war es mit dem neuen Desmet-Verfahren möglich, eine befriedigende Farbkopie zu erstellen. Dabei stellte sich nur noch ein letztes lösbares Problem hinsichtlich der Farbnuancierung: die Kopie hatte die Tendenz, etwas zu rot zu werden.
Schon im Rahmen des norditalienischen Stummfilm-Festivals Le Giornate del Cinema Muto 1999 in Pordenone fand die Wiederaufführung von Johan in seiner restaurierten Schwarz-Weiß-Fassung Aufmerksamkeit. Der Film führte das vom Festival gesteckte Themengebiet Nordic Explorations an. Sein Wiederaufführungs-Poster zierte als Emblem sogar das gesamte Festival.
Zu den StummFilmMusikTagen 2001 in Erlangen liegt Johan erstmals in einer beeindruckenden, vom schwedischen Filminstitutet restaurierten Fassung einer zweifarbigen Virage (gelb-orange) vor. Die Wiederaufführung dieser restaurierten Fassung findet zudem auf den Tag genau 80 Jahre nach der Uraufführung statt. Seine Fernsehpremiere wird der restaurierte Film zusammen mit Kaurismäkis Juha dann auf ARTE erleben.

Zur Musik

Die am Tage der Uraufführung zu Johan gespielte Musik von Rudolf Sahlberg ist nicht komplett überliefert. Sahlberg hatte in seine Komposition zum einen Motive aus Werken von Jan Sibelius, Bedrich Smetana und Johan Halvorsan einfließen lassen, hatte zum anderen auch auf Motive einer weiteren Partitur zurückgegriffen, die Armas Järnefelt zu Sången om den eldröda blomman, dem bereits erwähnten großen Vorgänger zu Johan, geschrieben hatte. Auch hinsichtlich der Musik haben beide Filme skandinavische Filmgeschichte geschrieben. Die Musik von Armas Järnefelt zu Sången om den eldröda blomman war die erste von einem namhaften finnischen Komponisten verfasste Partitur der Stummfilmzeit, sowie auch die erste Originalfilmkomposition der schwedischen Filmgeschichte (entstanden im Auftrag von Svenska Biografteatern). Die neue Musik zur restaurierten Fassung von Johan komponierte der 1957 in Leningrad (St. Petersburg) geborene Alexander Popov.