Marit, eine hart arbeitende Magd am entlegenen Hof von Johan heiratet den Hofherrn aus Zweckmäßigkeit und Not heraus. Die Ehe wird zur Qual. Da taucht eines Tages ein Fremdarbeiter wieder auf, der ihr früher schon einmal Avancen gemacht hatte. Nach schwerem Ringen brennt Marit mit dem Fremden durch. Ihre Flucht führt über reißende Stromschnellen und endet schließlich, als Johan den Fremden als vermeintlichen Entführer seiner Frau zum Kampf stellt. Johan siegt im Kampf, muß aber erkennen, daß Marit dem Fremden freiwillig gefolgt ist. Marit bereut ihren Entschluß jedoch schon und fleht Johan an, sie nicht zu verlassen. Der Versöhnung folgt die Rückkehr.
Johan entfaltet
seine Dreiecksgeschichte in einer klassisch strukturierten 5-Akte-Dramaturgie
aus stetig wechselndem Spiel und Gegenspiel. Das vermeintlich Triviale
des Handlungsgeschehens wird durch die vielschichtige Figurenzeichnung
und eine erklärende Rückblende aufgebrochen. Der verzweifelte
Ausbruch und die nicht minder verzweifelte Rückkehr der Frau zwischen
zwei Männern entkommt so jeder klischee-üblichen Typisierung.
Mauritz Stillers Johan ist die erste von bisher vier filmischen
Adaptationen des Romans Juha (1911) von Juhani Aho - einem modernen
Klassiker der finnischen Literatur, der auch zwei Opern und zahlreichen
Theateradaptationen als literarische Vorlage diente. Die aktuellste Verfilmung
stammt von Aki Kaurismäki: Juha (FIN 1999).Während alle
Bühnenbearbeitungen und die beiden anderen Verfilmungen Juhani Ahos
epischen Roman getreu der Vorlage mit einem tragischen Ende schließen
lassen, nahmen sich Stiller und Kaurismäki die Freiheit, den tragischen
Charakter der Handlung aufzubrechen bzw. umzuformen: Juhas Schicksal wandelt
sich so bei Stiller zu einem lyrischen Drama nur mehr nach Motiven des
Romans von Aho, bei Kaurismäki zu einer postmodernen Tragikömodie.
Während der Dreharbeiten zu Johan befand sich Finnland noch
immer im Krieg mit Sowjetrußland. So griff Stiller erneut auf etwas
zurück, das mit Sången om den eldröda blomman (Das
Lied von der feuerroten Blume) eigentlich als Notlösung begonnen
hatte. Während der schließlich in Mittelschweden durchgeführten
Dreharbeiten zu jenem Film hatte Stiller fast versehentlich das einzigartige
filmische Potential entdeckt, das in der Natur und den Landschaften des
Nordischen Sommers zu finden ist. Die Magie der Mitternachtssonne, der
riesigen Wälder und der großen Flüße mit ihren reißenden
Stromschnellen hatte Stiller genauso überrascht, wie sie den internationalen
Film verändern sollte. Jetzt suchte Stiller bewußt, was ihm
zuvor fast zufällig begegnet war. Die Dreharbeiten zu Johan
fanden in dem noch kontrastreicheren Lappland statt. Die Natur des Nordischen
Sommers wurde von vornherein ein zusätzliches dramatisches Element
der filmischen Gestaltung.
So richtete sich die Komposition der filmischen Handlung besonders stark
an zwei Naturelementen aus: Licht und Wasser. Die Protagonisten erstrahlen
in dem eigentümlichen Licht des Nordens. Die niemals anbrechende
Nacht läßt sie in ihren Leidenschaften nicht zur Ruhe kommen.
Die reißenden Stromschnellen, in die der Fremde und Marit nach ihrem
Ausbruch wie in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang geworfen werden,
tragen dann schon fast explizit metaphorischen Gehalt. Nach der Lösung
des dramatischen wie emotionalen Konflikts am Ende des Films, nach ihrer
Versöhnung werden Johan und Marit dann auf einem ruhigen Fluß
und in sanftem Abendlicht in ihr Heim zurückkehren.
Einem Feuer in der Svensk Filmindustri fielen 1941 sowohl das Originalnegativ
als auch Abzüge von Stillers Originalversion von Johan zum
Opfer. Nur Bruchstücke konnten seitdem wieder aufgefunden werden.
Henri Langlois, Mitbegründer der Cinématheque Française,
betrachtete Johan als einen der drei wichtigsten Filme, die als verschollen
galten.
In den 60er Jahren fand sich dann das Originalnegativ einer gekürzten
Wiederaufführungsfassung. Die Zwischentitel in jener Schwarz-Weiß-Fassung
waren lediglich mit Nummern bezeichnet, konnten aber anhand von im Archiv
der Cinemateket-Svenska noch vorhandenen Zwischentiteln und Titellisten
rekonstruiert werden. Informationen zur Farbtönung waren in das Negativ
eingekratzt, als "Or" (für orange) beispielsweise. Die
Cinemateket-Svenska unternahm 1971 einen frühen Restaurierungsversuch
mit dem bis dahin wenig entwickelten Farbtönungsverfahren. Dabei
wurde das Schwarz-Weiß-Negativ einfach auf Farbmaterial umkopiert.
Doch waren sie mit dem Ergebnis so wenig zufrieden, daß sie die
Fassung ungern und folglich selten zeigten. Erst im Jahre 200 war es mit
dem neuen Desmet-Verfahren möglich, eine befriedigende Farbkopie
zu erstellen. Dabei stellte sich nur noch ein letztes lösbares Problem
hinsichtlich der Farbnuancierung: die Kopie hatte die Tendenz, etwas zu
rot zu werden.
Schon im Rahmen des norditalienischen Stummfilm-Festivals Le Giornate
del Cinema Muto 1999 in Pordenone fand die Wiederaufführung von Johan
in seiner restaurierten Schwarz-Weiß-Fassung Aufmerksamkeit. Der
Film führte das vom Festival gesteckte Themengebiet Nordic Explorations
an. Sein Wiederaufführungs-Poster zierte als Emblem sogar das gesamte
Festival.
Zu den StummFilmMusikTagen 2001 in Erlangen liegt Johan erstmals
in einer beeindruckenden, vom schwedischen Filminstitutet restaurierten
Fassung einer zweifarbigen Virage (gelb-orange) vor. Die Wiederaufführung
dieser restaurierten Fassung findet zudem auf den Tag genau 80 Jahre nach
der Uraufführung statt. Seine Fernsehpremiere wird der restaurierte
Film zusammen mit Kaurismäkis Juha dann auf ARTE erleben.
Die am Tage der Uraufführung zu Johan gespielte Musik von Rudolf Sahlberg ist nicht komplett überliefert. Sahlberg hatte in seine Komposition zum einen Motive aus Werken von Jan Sibelius, Bedrich Smetana und Johan Halvorsan einfließen lassen, hatte zum anderen auch auf Motive einer weiteren Partitur zurückgegriffen, die Armas Järnefelt zu Sången om den eldröda blomman, dem bereits erwähnten großen Vorgänger zu Johan, geschrieben hatte. Auch hinsichtlich der Musik haben beide Filme skandinavische Filmgeschichte geschrieben. Die Musik von Armas Järnefelt zu Sången om den eldröda blomman war die erste von einem namhaften finnischen Komponisten verfasste Partitur der Stummfilmzeit, sowie auch die erste Originalfilmkomposition der schwedischen Filmgeschichte (entstanden im Auftrag von Svenska Biografteatern). Die neue Musik zur restaurierten Fassung von Johan komponierte der 1957 in Leningrad (St. Petersburg) geborene Alexander Popov.