Ich küsse Ihre Hand, Madame (D 1929)

Dauer:
70 min
Regie:
Robert Land
Drehbuch:
Robert Land
Kamera:
  • Carl Drews
  • Gotthardt Wolf
Assistenz:
Fred Zinnemann
Darsteller:
  • Harry Liedtke
  • Marlene Dietrich
  • Pierre de Guingand
  • Karl Huszar-Puffy
Musik und Leitung:
Marko Lackner
Ausführung:
Sunday Night Orchestra
In Zusammenarbeit mit dem gVe
Filmstill Marlene Dietrich in Ich küsse Ihre Hand, Madame

Inhalt

Die schöne Laurence (Marlene Dietrich) ist gerade geschieden worden, da tritt ein schmucker Graf (Harry Liedtke) in ihr Leben. Die leidenschaftliche Affäre findet ein jähes Ende als Laurence erfährt, dass ihr "Jacques" als Kellner arbeitet. Sie verläßt ihn und bereut diesen Schritt erst, als ihr von ihrem Anwalt und Verehrer Talandier (Karl Huszar-Puffy) eröffnet wird, dass der Kellner tatsächlich ein verarmter Adliger ist. Laurence beschließt, ihn zurück zu gewinnen...

»Harry Liedtke küsst Madame die Hand, Harry Liedtke spielt Kellner, Harry ist Großfürst, Harry singt Tonfilm. Um Liedtke hat Robert Land ein Lustspiel arrangiert, in dem als wertvolle neue Erscheinung Marlene Dietrich als Begabung hoffen lässt, wenn sie, möglichst bald, von der Regie aus krampfhaften Garbo-Haltungen entlassen wird«. So urteilte das Berliner Tagblatt am 20.01.1929.

Zwei Dinge werden hier deutlich: Der Star des Films war nicht etwa Marlene Dietrich, sondern Harry Liedtke, der Herzensbrecher des deutschen Kinos. Liedtke war zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt und trug mit seinem Namen wesentlich zum Erfolg des Filmes bei. Der zweite Erfolgsfaktor war die Verwendung des bekannten Gassenhauers »Ich küsse Ihre Hand, Madame« im Titel und im Film selbst, aber dazu weiter unten mehr.

Obwohl die Dietrich hier als »neue Erscheinung« verkauft wird, hat sie 1929 bereits eine stattliche Anzahl von Filmrollen hinter sich. Meist spielte sie kleinere Rollen, doch wenn sie stärker ins Rampenlicht trat, so war der Vergleich mit der Garbo, dem glamourösesten Star der Zeit, nie fern. Aus diesem Schatten konnte sie sich erst im Jahr darauf lösen, als ihr mit Josef von Sternbergs Der blaue Engel, bezeichnenderweise einem Tonfilm, der internationale Durchbruch gelang.

Stumm- oder Tonfilm?

Robert Lands Film Ich küsse Ihre Hand, Madame erschien im Januar 1929 zum ersten Mal auf der Leinwand. Der Titel des Films spekuliert auf den Erfolg eines Chansons, das im Jahr zuvor in mehreren Aufnahmen mit Richard Tauber Furore gemacht hatte. Auch wenn zu dieser Zeit in Deutschland Spielfilme noch stumm gedreht und in den Kinos - je nach Ausstattung - von Orchestern, kleinen Salonensembles oder Pianisten begleitet wurden, stand Ich küsse Ihre Hand, Madame schon an der Schwelle zum Tonfilm: Kurz vor der Uraufführung meldete die Lichtbildbühne am 10. Januar 1929: »Vor einigen Tagen wurde Harry Liedtke von der Tobis in Tempelhof tongefilmt. Er sang den Schlager »Ich küsse Ihre Hand, Madame« [...]. Die Harry Liedtke Tonfilmeinlage wird von allen Theatern, die bereits die neue Einheitsapparatur der Tobis aufgestellt haben, gezeigt werden.«
Im Nachlaß von Marlene Dietrich findet sich eine Fotografie von diesen Dreharbeiten. Die Dietrich wird flankiert von Harry Liedtke und Richard Tauber, die sich über ihren Kopf hinweg zulächeln. Dietrich und Liedtke sind geschminkt und kostümiert, Tauber in Alltagskleidung. Marlene Dietrich schaut uns direkt an - und küßt beiden Herren die Hände! Diskret, aber deutlich wird angedeutet, was in Tempelhof wirklich geschah: Während Liedtke »tongefilmt« wurde, sang in Wirklichkeit Tauber in ein außerhalb des Kamerawinkels aufgestelltes Mikrophon.

Filmstill Ich küsse Ihre Hand, Madame

Zur Werkgeschichte und Restaurierung

Leider hat sich keine Kopie dieser Fassung mit »Tonfilmeinlage« erhalten, und auch der Verbleib des Originalnegativs dieses Films ist unbekannt. Soweit ich herausfinden konnte, haben im Danske Filmmuseum in Kopenhagen eine Kopie der dänischen und in zwei amerikanischen Archiven in Washington und Rochester je eine Kopie einer später für den amerikanischen Markt gekürzten und mit einer neuen Musik versehenen Fassung überlebt. (Seltsamerweise enthält eine dieser beiden Kopien das komplette Bild, aber keinen Ton, die andere ein beschnittenes Bild und den Lichtton.)

Im Vergleich dieser Kopien miteinander und mit der glücklicherweise ebenfalls erhaltenen deutschen Zensurkarte von 1929, die die Texte der deutschen Zwischentitel enthielt, stellte sich die dänische Fassung als diejenige heraus, die der Originalfassung vermutlich am nächsten kommt. Leider war die dänische Nitrokopie zum Zeitpunkt der Umkopierung (1965) nicht mehr in gutem Zustand. Im Bild sind Unschärfen und Blitzer zu erkennen, die auf Verwölbungen und Zersetzungen des Originals hindeuten, die mit der damaligen Technik nicht korrigierbar waren. Da das beschädigte Original nach der Kopierung vernichtet wurde, können diese Fehler nicht mehr beseitigt werden.
Hierfür wurden die deutschen Zwischentitel nach der Zensurkarte neu hergestellt und anstelle der dänischen Titel eingesetzt. Im vierten und sechsten Akt wurden einige Sequenzen, die durch ein Versehen bei der Umkopierung vom Anfang der jeweiligen Rolle an deren Ende gerutscht waren, wieder an ihren richtigen Platz gestellt. Auch die ursprüngliche Akteinteilung des Films war bei der Umkopierung zerstört worden. Jetzt ist der Film wieder in 7 Akte gegliedert, die jeder eine in sich abgeschlossene Handlung innerhalb des großen Bogens der Filmerzählung enthalten. Die restaurierte Fassung mißt inkl. eines zusätzlichen Vorspanns 1.893 m gegenüber 2.020 m der Fassung von 1929, scheint also immer noch etwas zu kurz. Allerdings sind diese Berechnungen bei Stummfilmen immer etwas vage, da man niemals Angaben über die Metrage getrennt nach Bild und Zwischentiteln zum Vergleich heranziehen kann. Es ist durchaus denkbar, dass die Zwischentitel, die 1995 auf »knappe Leselänge« gedreht wurden, früher länger waren.
(Martin Koerber in: FilmGeschichte 7/8 (Juni 1996))

Informative Websites zu Marlene Dietrich finden Sie u.a. hier:
Marlene Dietrich Collector's Page oder
www.marlene.com