Zwei Banditen überfallen ein Telegrafenbüro am Rande einer Bahnstrecke und zwingen den Beamten, das Haltesignal für den Zug zu geben. Während der Zug hält, können die Banditen unbemerkt auf einen der Wagen gelangen. Als sie versuchen in den Postwagon einzudringen, kommt es zum Schußwechsel mit dem tapferen Schaffner, der tödlich verwundet wird. Da dieser zuvor geistesgegewärtig den Schlüssel zur Geldkiste aus dem Zug geworfen hatte, sprengen die Räuber die Kiste. Sie fliehen zu Pferd in die Berge, wo sie nach wilder Verfolgungsjagd von den inzwischen alamierten Bürgern gestellt werden. In einem verzweifelten Gefecht kommen schließlich alle Räuber und einige der Verfolger um. In der letzten Einstellung des Films sieht man den Anführer der Bande (George Barnes), wie er in Großaufnahme in das Publikum zielt und feuert.
»Mit diesem Western, gedreht im Oktober 1903 in New Jersey [...],
beginnt die Geschichte des Spielfilms. Das gilt selbst dann, wenn sein
Ruf, der erste Film mit Spielhandlung zu sein, nicht ganz zu Recht besteht.
'Genauer gesagt war The Great Train Robbery der erfolgreichste
und einflußreichste der frühen Story-Filme. Die Nikelodeons
(die ersten richtigen Kinos, Anm. d. Aut.), die eineinhalb Jahre später
aufmachten, zeigten diesen Film als ihre erste Attraktion. Jahrelang war
dann The Great Train Robbery das beliebteste Programm der Nickelodeons,
und er gilt als das Werk, das die Zukunft des Films gesichert hat. Er
wurde zur Bibel aller Filmemacher, bis dann die Filme von Griffith Porters
Schnitt-Technik weiterentwickelten. Die Bemühungen aller Filmemacher,
seine Form und seinen Inhalt zu imitieren, stimulierte die Industrie wie
nichts anderes zuvor, die Filme von Melies eingeschlossen' (Lewis Jacobs,
The Rise of the American Film). [...]
In The Great Train Robbery benutzt Porter die Montage zur Konstruktion
einer gradlinigen, an mehreren Schauplätzen spielenden Handlung,
deren realer Ablauf länger dauert als die Filmzeit. Dabei erkennt
er bereits, daß der Schnitt ihm viele Umständlichkeiten des
Erzählens spart; Porter arbeitet mit sinnvollen Verkürzungen
und schafft sich dabei auch nebenbei Raum für den raffiniert eingebauten
retardierenden Moment der Tanzhallen-Szene, des Western-Augenblicks des
Atemholens und des Ausruhens im Milieu, mit komischem Zwischenspiel.»
(Hembus)
Seine berühmteste Einstellung (der ins Publikum feuernde George Barnes) wurde zum Markenzeichen
des Films und konnte als Erkennungszeichen beliebig als erstes oder letztes
Bild der Aufführung gezeigt werden. Dem Fernsehpublikum ist sie auch
heute noch bekannt aus dem Vorspann zur Serie Western von Gestern.
Der erste »Western« im engeren Wortsinn war The Great Train
Robbery dennoch nicht. Sein Publikum verstand ihn vielmehr als fiktionalen
Wochenschaubericht, waren spektakuläre Eisenbahnüberfälle
doch gerade in allen Schlagzeilen. Schauplatz und Ikonographie wirken
zwar authentisch, doch die genretypische nostalgische Mythisierung der
Frontier spielt, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Der
Begriff »Western« ist im Zusammenhang mit einem Film erst am
20. Juli 1912 in einer Besprechung des Films The Fight of the Mill
in The Moving Picture World nachgewiesen worden.
Einem der Darsteller aus The Great Train Robbery blieb es indes
vorbehalten, als erster Westernstar in die Filmgeschichte einzugehen:
G.M. Anderson produzierte ab 1909 das erste Westernserial und wurde als
»Broncho Billy« zum gefeierten Leinwandhelden.