Der Golem, wie er in die Welt kam (D 1920)

Dauer:
90 min
Regie:
Paul Wegener
Drehbuch:
  • Paul Wegener
  • Henrik Galeen
Kamera:
Karl Freund
Bauten:
  • Hans Poelzig
  • Kurt Richter
Darsteller:
  • Paul Wegener
  • Albert Steinrück
  • Lyda Salmonova
  • Ernst Deutsch
  • Otto Gebühr
  • Lothar Müthel
  • Loni Nest
  • u.a
Musik
Betty Olivero
Ausführung:
Holger Grohs (Violine); Alexander Klemmstein, Kirsika Kaukomen (Viola); Philipp Hagemann (Violoncello); Georg Brinkmann ( Klarinetten
Leitung:
Stefan Hippe
Filmkopie:
Filmmuseum München
Filmstill Paul Wegener als Golem

Inhalt

Als der Kaiser ein Pogrom gegen die Prager Juden erläßt, in dem er sie auffordert die Stadt zu verlassen, gelingt es dem Meister der schwarzen Kunst, Rabbi Loew, eine Audienz vor dem Kaiser zu erwirken. Dort stellt er den Golem vor, eine Gestalt, die er mit Hilfe der mystischen Kabbala aus Ton zum Leben erweckt hat. Als der Palast einzustürzen droht, kann der Golem die herabstürzende Decke mit übermenschlicher Kraft hochstemmen und rettet so dem Kaiser das Leben. Aus Dankbarkeit widerruft dieser das Pogrom. Doch die Gestirne wenden sich gegen den Rabbi und der Golem gerät außer Kontrolle. Erst die Unschuld eines kleinen Mädchens bringt in schließlich zu Fall.

Was ist der Golem?

[Er ist der] Homunculus des tragischen Volkes [...] nicht aus chemischen Elementen destilliert, sondern aus Ton geformt wie jener erste gottnahe Mensch, den ein Mythos zum erhabensten aller Wesen macht [...] nicht durch das Vielleicht der Wissenschaft mit Teufels Hilfe; belebt durch den puren Geist, den wirkenden Namen Gottes, den Schem [...] kein lebendiges Wesen [...], sondern ein undurchdrungenes, nur physisch bekräftetes Wesen [...] der Knecht, der Golem; dumpf, gehorsam, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Dauer, ohne Gedächtnis, ein schauerliches Ding, das nur Gegenwart besitzt und Kraft der Arme, dessen Welt hinter den Augen erlischt, lebendig ohne zu leben, gegenwärtig ohne Seele, menschengestaltet und kein Mensch.
Der Golem der Legende ist ein gefesselter und niedriger Engel, ein Dämon, eine aktive göttliche Kraft, eingesperrt in Lehm. Die Trauer, die um ihn ist, ist die Trauer des Verbannten, des Geknechteten, des Herrschers als Knecht.
(Arnold Zweig)

Diese Tragik manifestiert sich im Ende des Kolosses, besiegt von der Unschuld eines Kindes, ein beliebtes Filmmotiv (u.a. in Frankenstein, 1931), das Wegener in seiner Romanfassung des Stoffes noch deutlicher herausarbeitet:
In der Wiese aber spielten blonde Kinder. Die hatten Kränze auf den Köpfen, und sie sangen und tanzten einen Ringelreihen wie die lieben Engelein auf der Himmelswiese.
Den Golem ergriff ein tiefes Sehnen, da hinauszutreten in Sonne und Licht. Er faßte den Balken, der die Torflügel sperrte, zerbrach ihn wie einen dürren Ast und schob langsam die schweren Torflügel auseinander. [...] Da erschraken die Kinder [...]. Schreiend liefen sie alle fort, und keines wagte auch nur, noch einmal zurückzuschauen.
Nur ein blondes Mägdlein hatte der Vorgänge nicht geachtet. Es saß still und verträumt mitten in der Blumenwiese, einen roten Apfel in der Hand. Der Golem sah verwundert den anderen Kindern nach, [...] doch dann fiel sein Auge auf das blonde Mägdlein [...]. Der Golem neigte sich ganz tief herab und sah dem Mägdlein in die blauen Kinderaugen. Dann faßte er es mit seinen gewaltigen Armen und hob es hoch empor an seine Brust. Unheimlich ward dem Kinde zumute, doch es bezwang sich und sah dem Koloß nah ins Gesicht und fühlte, daß er es gut mit ihr meine. Der Golem aber schaute das Kind unverwandt an [...] und staunte über das zarte, fremde Gebild. Und es ging ein Zucken über sein tönernes Antlitz. In diesem Augenblick soll er zum ersten Male ganz still und leise gelächelt haben.

Der Golem in der zeitgenössischen Kritik

Alt, dennoch neu. Keine Historie, sondern ein Traum von einer fernen Vergangenheit. Traumhaft urmächtig ragen die Bauten, Alleen schroffer Felsblöcke vergleichbar, mit Höhlen statt der Tore und toten Fensteraugen im kahlen Gemäuer...
Traumhaft. Nicht Körper, eher so etwas wie Verdichtungen toller, visionärer Wolken am Abendhimmel. Grauenvoll die Straßen der Judenstadt: Gebirgsplateau, übersät von riesenhaft gespenstischen Steinbrocken, vorweltlich, wie das Geschlecht, das in ihnen haust. Sind das noch Straßen, von Menschen erbaut? Über Wendeltreppen steigt man, die wie die verschlungenen Gänge in Knochenschädeln sich emporwinden; auf Türme, Felsnadeln, gen Himmel starrend...
Traumhaft, urweltlich: so hat Hans Pölzig die Judenstadt gebaut. [...] Im Mittelpunkt aber steht kein Mensch, sondern ein Tonklotz. Diesen Tonklotz auf das Primitivste einem Menschenkörper nachgebildet, spielt Paul Wegener.
Er schlägt die Augen auf: ein erster Blick in die Welt. Können Klötze blicken? Sie müßten so blicken: Fragend, unbehilflich, leer... Es ist nicht der Blick eines Menschen, noch nicht einmal der Blick eines Kindes: sondern wirklich ein zögernd-tröger Augenaufschlag der unbeseelten Natur zum Beseelten hin... Dann geht er einige Schritte, stelzenhaft, plump. Ein Meisterwerk... [...]
Welches wunderbare Motiv: Natur, zwischen Seelenlosigkeit und Seele schwebend, Körper zwischen Tonklotz und lebendem Organismus. »Du sollst zu Erde werden, denn aus Erde bist du gebaut«, das ist der Mensch. Auch der Golem ist Erde, aber er hört niemals ganz auf, Erde zu sein: denn sein Schöpfer ist nicht Gott, nur ein Mensch. Und wie Erde und Meer hängt er rätselhaft mit den Konstellationen der Gestirne zusammen, die ihn wild macht zuzeiten, und zuzeiten milde: Ebbe und Flut. [...]
Halb seelenhaft, halb unbeseelt; wie aus Urtagen der Schöpfung selbst...
Das Bild: Alles; mehr als der Mensch. Jede einzelne Szene streng auf das Bildhafte hin abgestimmt. Fast zu streng, zu bildhaft; die Menschengestalt ist so rücksichtslos dem Bilde eingeordnet, daß sie sich mehr als einmal zur Groteske forcieren muß.
Doch über alle Begriffe, über alle Beschreibung schön die Bilder als Bilder, die Karl Freund mit einer nicht mehr zu überbietenden Meisterhaftigkeit gedreht hat.
Film-Kurier vom 30.10.1920

Zur Musik

1995 erhielt Betty Olivero den Auftrag, für Giora Feidman und das Arditti Quartet eine neue Musik zu Paul Wegeners berühmten Stummfilm Der Golem, wie er in die Welt kam zu schreiben, die im April 1997 in Wien uraufgeführt wurde.
Die Komposition gibt einen musikalischen Kommentar zu einem der grundlegenden Konflikte des Golem-Mythos - Ist der Mensch fähig, Gott seiner Schöpferexklusivität zu entheben, darf er wagen, Gott gleich zu werden? - mit der Verwendung der aschkenasischen Melodie »Kol Nidre« für das ahnungsvolle Thema des mit der Erschaffung des Golems befaßten Rabbi Löw. Dieses uralte Gebet steht zu Beginn der jüdischen Liturgie an Jom Kippur: die versammelte Gemeinde bittet Gott um die Erlaubnis zu beten, auch wenn sich Missetäter in ihrer Mitte befinden. Und sie bittet um Vergebung für alle Nichtbeachtung der Gebote, denn sie sind unwillentlich oder unwissend geschehen. So sind in dieser großen Melodie bereits die Zweifel symbolisiert, die Rabbi Löws Gewissen bedrängen, schon während er seine Handlung vollzieht. Eingebunden in diesen Urgrund der Komposition sind die expressiven, dramatischen Motive der Musik - die Liebesszenen zwischen der Tochter des Rabbi und Junker Florian, die Zerstörung des kaiserlichen Palastes, Mord und Raserei des Golem, apokalyptische Feuersbrunst und die betende Menge in der Synagoge.