Als der Kaiser ein Pogrom gegen die Prager Juden erläßt, in dem er sie auffordert die Stadt zu verlassen, gelingt es dem Meister der schwarzen Kunst, Rabbi Loew, eine Audienz vor dem Kaiser zu erwirken. Dort stellt er den Golem vor, eine Gestalt, die er mit Hilfe der mystischen Kabbala aus Ton zum Leben erweckt hat. Als der Palast einzustürzen droht, kann der Golem die herabstürzende Decke mit übermenschlicher Kraft hochstemmen und rettet so dem Kaiser das Leben. Aus Dankbarkeit widerruft dieser das Pogrom. Doch die Gestirne wenden sich gegen den Rabbi und der Golem gerät außer Kontrolle. Erst die Unschuld eines kleinen Mädchens bringt in schließlich zu Fall.
[Er ist der] Homunculus des tragischen Volkes [...] nicht aus chemischen
Elementen destilliert, sondern aus Ton geformt wie jener erste gottnahe
Mensch, den ein Mythos zum erhabensten aller Wesen macht [...] nicht durch
das Vielleicht der Wissenschaft mit Teufels Hilfe; belebt durch den puren
Geist, den wirkenden Namen Gottes, den Schem [...] kein lebendiges Wesen
[...], sondern ein undurchdrungenes, nur physisch bekräftetes Wesen
[...] der Knecht, der Golem; dumpf, gehorsam, ohne Vergangenheit, ohne
Zukunft, ohne Dauer, ohne Gedächtnis, ein schauerliches Ding, das
nur Gegenwart besitzt und Kraft der Arme, dessen Welt hinter den Augen
erlischt, lebendig ohne zu leben, gegenwärtig ohne Seele, menschengestaltet
und kein Mensch.
Der Golem der Legende ist ein gefesselter und niedriger Engel, ein Dämon,
eine aktive göttliche Kraft, eingesperrt in Lehm. Die Trauer, die
um ihn ist, ist die Trauer des Verbannten, des Geknechteten, des Herrschers
als Knecht.
(Arnold Zweig)
Diese Tragik manifestiert
sich im Ende des Kolosses, besiegt von der Unschuld eines Kindes, ein
beliebtes Filmmotiv (u.a. in Frankenstein, 1931), das Wegener in seiner
Romanfassung des Stoffes noch deutlicher herausarbeitet:
In der Wiese aber spielten blonde Kinder. Die hatten Kränze auf den
Köpfen, und sie sangen und tanzten einen Ringelreihen wie die lieben
Engelein auf der Himmelswiese.
Den Golem ergriff ein tiefes Sehnen, da hinauszutreten in Sonne und Licht.
Er faßte den Balken, der die Torflügel sperrte, zerbrach ihn
wie einen dürren Ast und schob langsam die schweren Torflügel
auseinander. [...] Da erschraken die Kinder [...]. Schreiend liefen sie
alle fort, und keines wagte auch nur, noch einmal zurückzuschauen.
Nur ein blondes Mägdlein hatte der Vorgänge nicht geachtet.
Es saß still und verträumt mitten in der Blumenwiese, einen
roten Apfel in der Hand. Der Golem sah verwundert den anderen Kindern
nach, [...] doch dann fiel sein Auge auf das blonde Mägdlein [...].
Der Golem neigte sich ganz tief herab und sah dem Mägdlein in die
blauen Kinderaugen. Dann faßte er es mit seinen gewaltigen Armen
und hob es hoch empor an seine Brust. Unheimlich ward dem Kinde zumute,
doch es bezwang sich und sah dem Koloß nah ins Gesicht und fühlte,
daß er es gut mit ihr meine. Der Golem aber schaute das Kind unverwandt
an [...] und staunte über das zarte, fremde Gebild. Und es ging ein
Zucken über sein tönernes Antlitz. In diesem Augenblick soll
er zum ersten Male ganz still und leise gelächelt haben.
Alt, dennoch neu. Keine Historie, sondern ein Traum von einer fernen Vergangenheit.
Traumhaft urmächtig ragen die Bauten, Alleen schroffer Felsblöcke
vergleichbar, mit Höhlen statt der Tore und toten Fensteraugen im
kahlen Gemäuer...
Traumhaft. Nicht Körper, eher so etwas wie Verdichtungen toller,
visionärer Wolken am Abendhimmel. Grauenvoll die Straßen der
Judenstadt: Gebirgsplateau, übersät von riesenhaft gespenstischen
Steinbrocken, vorweltlich, wie das Geschlecht, das in ihnen haust. Sind
das noch Straßen, von Menschen erbaut? Über Wendeltreppen steigt
man, die wie die verschlungenen Gänge in Knochenschädeln sich
emporwinden; auf Türme, Felsnadeln, gen Himmel starrend...
Traumhaft, urweltlich: so hat Hans Pölzig die Judenstadt gebaut.
[...] Im Mittelpunkt aber steht kein Mensch, sondern ein Tonklotz. Diesen
Tonklotz auf das Primitivste einem Menschenkörper nachgebildet, spielt
Paul Wegener.
Er schlägt die Augen auf: ein erster Blick in die Welt. Können
Klötze blicken? Sie müßten so blicken: Fragend, unbehilflich,
leer... Es ist nicht der Blick eines Menschen, noch nicht einmal der Blick
eines Kindes: sondern wirklich ein zögernd-tröger Augenaufschlag
der unbeseelten Natur zum Beseelten hin... Dann geht er einige Schritte,
stelzenhaft, plump. Ein Meisterwerk... [...]
Welches wunderbare Motiv: Natur, zwischen Seelenlosigkeit und Seele schwebend,
Körper zwischen Tonklotz und lebendem Organismus. »Du sollst
zu Erde werden, denn aus Erde bist du gebaut«, das ist der Mensch.
Auch der Golem ist Erde, aber er hört niemals ganz auf, Erde zu sein:
denn sein Schöpfer ist nicht Gott, nur ein Mensch. Und wie Erde und
Meer hängt er rätselhaft mit den Konstellationen der Gestirne
zusammen, die ihn wild macht zuzeiten, und zuzeiten milde: Ebbe und Flut.
[...]
Halb seelenhaft, halb unbeseelt; wie aus Urtagen der Schöpfung selbst...
Das Bild: Alles; mehr als der Mensch. Jede einzelne Szene streng auf das
Bildhafte hin abgestimmt. Fast zu streng, zu bildhaft; die Menschengestalt
ist so rücksichtslos dem Bilde eingeordnet, daß sie sich mehr
als einmal zur Groteske forcieren muß.
Doch über alle Begriffe, über alle Beschreibung schön die
Bilder als Bilder, die Karl Freund mit einer nicht mehr zu überbietenden
Meisterhaftigkeit gedreht hat.
Film-Kurier vom 30.10.1920
1995 erhielt Betty Olivero den Auftrag,
für Giora Feidman und das Arditti Quartet eine neue Musik zu Paul
Wegeners berühmten Stummfilm Der Golem, wie er in die Welt kam
zu schreiben, die im April 1997 in Wien uraufgeführt wurde.
Die Komposition gibt einen musikalischen Kommentar zu einem der grundlegenden
Konflikte des Golem-Mythos - Ist der Mensch fähig, Gott seiner Schöpferexklusivität
zu entheben, darf er wagen, Gott gleich zu werden? - mit der Verwendung
der aschkenasischen Melodie »Kol Nidre« für das ahnungsvolle
Thema des mit der Erschaffung des Golems befaßten Rabbi Löw.
Dieses uralte Gebet steht zu Beginn der jüdischen Liturgie an Jom
Kippur: die versammelte Gemeinde bittet Gott um die Erlaubnis zu beten,
auch wenn sich Missetäter in ihrer Mitte befinden. Und sie bittet
um Vergebung für alle Nichtbeachtung der Gebote, denn sie sind unwillentlich
oder unwissend geschehen. So sind in dieser großen Melodie bereits
die Zweifel symbolisiert, die Rabbi Löws Gewissen bedrängen,
schon während er seine Handlung vollzieht. Eingebunden in diesen
Urgrund der Komposition sind die expressiven, dramatischen Motive der
Musik - die Liebesszenen zwischen der Tochter des Rabbi und Junker Florian,
die Zerstörung des kaiserlichen Palastes, Mord und Raserei des Golem,
apokalyptische Feuersbrunst und die betende Menge in der Synagoge.