Alaska mitten im Goldrausch. Der kleine Vagabund Charlie steckt mittendrin, auch er ist auf der Suche nach Reichtum und Glück. Erst nach vielen Enttäuschungen, Gefahren und Entbehrungen und nachdem er sich gegen die rauen Sitten der anderen Schürfer durchgesetzt hat, wird sein unbeirrbares Streben durch Gold und die Liebe einer Sängerin belohnt...
Die erste Idee zu seinem wohl berühmtesten Film kam Charles Chaplin 1923 während eines Besuches bei Mary Pickford und Douglas Fairbanks. Pickford zeigte ihm alte Stereoskop-Fotographien des Klondike-Goldrausches aus dem Jahre 1896, auf denen sich eine schier endlose Schlange von Goldsuchern den Chilkoot Pass hinauf schleppt. Als er von der berühmten Donner Party las, einer Gruppe Siedler, die auf ihrem Trek nach Kalifornien in der Sierra Nevada eingeschneit wurden und sich schließlich nicht anders zu helfen wussten als die Leichen ihrer erfrorenen Mitreisenden zu essen, stand sein Entschluss, diese Geschichte mit dem eindrücklichen Motiv der Goldsucher zu verbinden. Denn die Tragödie, so Chaplin, sei schließlich eng mit der Komödie verwandt...
The Gold Rush
ist der einzige Chaplin-Stummfilm, zu dem bei Drehbeginn bereits ein fertig
ausgearbeitetes Skript vorlag. Doch nach einer zügigen Anfangsphase
kamen die Dreharbeiten schnell zum Erliegen, da Hauptdarstellerin Lita
Grey von ihrem Regisseur schwanger wurde. Chaplin hatte die als Lilita
MacMurray geborene Grey als Engel in der Traumsequenz von The Kid
besetzt und mit der inzwischen 18-jährigen eine Affäre begonnen.
Chaplin heiratete Grey und hatte nach 2 Monaten Drehpause mit Georgia
Hale eine neue Hauptdarstellerin gefunden. Die Gesamtdrehzeit betrug am
Ende über 1 ½ Jahre.
Zwei Wochen davon wurden an Originalschauplätzen in der Sierra Nevada
gedreht. Chaplin verpflichtete 600 Komparsen, meist Obdachlose aus dem
nahen Sacramento, die jene Fotographien, die ihn inspiriert hatten, en
detail nachstellten.
Für alle anderen Szenen zog man zurück nach Hollywood, wo unter
der brütenden kalifornischen Sonne mit Hilfe von Holz, Draht, Beton,
Mehl und Salz eine Winterlandschaft geschaffen wurde.
Viele Szenen aus Gold Rush sind unvergessen. Am berühmtesten bleibt
jedoch Chaplins Brötchentanz. Zwar war Roscoe »Fatty« Arbuckle
der erste, der einen solchen Tanz auf die Leinwand brachte (in The
Rough House aus dem Jahre 1917), doch Chaplins Interpretation ist
unerreicht. Zeitgenössische Kommentatoren berichten, dass das wild
klatschende Publikum während der Berliner Premiere den Vorführer
zwang, den Film anzuhalten, zurückzuspulen und eine Zugabe dieser
Szene zu zeigen. Ein einmaliger Vorgang...
The Gold Rush ist darüber hinaus der erste Chaplin-Film, den der Regisseur selbst mit einer Tonspur versah. 1942 komponierte Chaplin die weltberühmte Musik des Films und ersetzte die Zwischentitel durch Kommentare und Dialoge, die er selbst einsprach. Doch auch im Schnitt unterscheiden sich die Stummfilm- und die Tonfassung erheblich, ist doch die Tonfassung ganze 27 min kürzer als der ursprüngliche Film. Am deutlichsten sieht man dies in der Schlussszene des Films: Während das Happy End in der Tonfassung durch keusches Händchenhalten angedeutet wird, sah das Publikum 1925 noch einen ausgedehnten Kuss zwischen Hale und Chaplin...
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»Charlie Chaplin, der den Goldrausch gedichtet hat, geht durch
seine Dichtung als eine Darstellung des Menschlichen, die aus fast verschütteten
Quellen geschöpft ist. So ist das Menschliche in den Märchen
gemeint, in dem dummen Hans und anderen Märchenhelden, die keine
Helden sind, so meint es vielleicht der Spruch Laotses, daß das
Ohnmächtigste die Welt bewege.
Die Goldjäger, unter denen Chaplin auftaucht, haben einen Willen,
sie machen sich Gold und Weiber streitig, rüde Giganten, wie sie
in den Abenteurerbüchern stehen. Er hat keinen Willen, an der Stelle
des Selbsterhaltungstriebes, der Machtgier ist bei ihm eine einzige Leere,
die so blank ist wie die Schneefelder Alaskas. Andere Menschen haben ein
Ichbewußtsein und leben in menschlichen Beziehungen; ihm ist das
Ich abhanden gekommen, darum kann er, was so Leben heißt, nicht
mitleben. Er ist ein Loch, in das alles hereinfällt, das sonst Verbundene
zersplittert in seine Bestandteile, wenn es unten in ihm aufprallt.
Dieser Mensch muß mit Notwendigkeit feige, schwach und komisch erscheinen,
sobald er unter die Menschen gestoßen wird. Den gewaltigen Goldsuchern
gar ist er noch weniger gewachsen als den Leibern geringeren Formats.
Da er kein Ich besitzt: wie könnte er es gegen die großen Ichbündel
verteidigen? Er bebt vor der Türe zurück, wenn sie hinter ihm
aufschlägt, denn auch sie ist ein Ich, alles, was sich selbst behauptet,
die toten und die lebenden Dinge, alles hat eine Macht in sich über
ihn, vor der man das Hütchen ziehen muß, und so zieht er immer
das Hütchen. Die Menschen essen, essen muß man am Ende, aber
nur, wer etwas auf sich hält, ißt das richtige Essen, ihm tut
es ein Stiefel, sein eigener Stiefel, daß er ihn dann entbehrt,
ist ihm entgangen, denn er sorgt nicht für sich, den es nicht gibt.
Einmal tanzt er mit dem Mädchen, es ist auch danach, seine Tanzkunst
vollendet sich erst, wenn er im Traum vor dem Mädchen seine Gabeln
tanzen lässt.
Ein Mensch ohne Oberfläche, ohne eine Möglichkeit der Berührung
mit der Welt. In der Pathologie hieße es Ichspaltung, Schizophrenie.
Ein Loch. Aber aus dem Loch strahlt das reine Menschliche unverbunden
heraus - stets ist es unverbunden, in Bruchstücken nur, in den Organismus
eingesprengt -, das Menschliche, das unter der Oberfläche sonst erstickt,
das durch die Schalen des Ichbewußtseins nicht hindurchschimmern
kann. Treue bricht aus ihm hervor, die stete Bereitschaft zu helfen umglänzt
die ichlose Erscheinung. Das Mädchen, das Chaplin liebt - ist es
Liebe zu nennen? -, wird angegriffen, und er, der immer Angegriffene,
der so schwach und feige ist, möchte als Kavalier vor den Anpöbeleien
sie schützen. Man lacht, man weint, man weiß, daß die
Oberfläche aufgerissen ist. Weil aber das Menschliche hier so dargestellt
ist, darum ist es in der Ordnung, daß es ihm wie im Märchen
ergeht. Vor diesem Würmchen Chaplin, das hilflos und ganz allein
durch den Schneesturm und die Goldgräberstadt kriecht, weichen die
elementaren Gewalten zurück. Gerade rechtzeitig noch kommt immer
wieder ein Zufall herbeigeeilt und entreißt ihn den Gefahren, die
er nicht ermißt. Der Bär selbst ist ihm freundlich gesinnt
wie ein Bär aus dem Märchen. Seine Ohnmacht ist Dynamit, seine
Komik bezwingt die Lacher und erweckt mehr als Rührung, denn sie
rührt an den Bestand unserer Welt.« (1926)
Die StummFilmMusikTage Erlangen präsentieren Ihnen The Gold Rush in der kompletten, von Kevin Brownlow und David Gill rekonstruierten stummen Fassung. Die Chaplin-Musik der Tonfassung wurde von Carl Davis rekonstruiert und angepasst.
Quellen:
The Gold Rush. DVD. Warner/MK2.
Kracauer, Siegfried. »The Gold Rush«. Kino. Kracauer, Siegfried,
Hg. 165f.