Die Geier-Wally (D 1921)

Regie:
E.A. Dupont
Kamera:
  • Arpád Virágh
  • Karl Hasselmann
Darsteller:
Musik und Ausführung:
Nico-Jan Beckers (Akkordeon), Auke Reuvers (Klarinette)
Filmkopie:
Filmmuseum Berlin
Filmstill Henny Porten in Die Geier-Wally (D 1921)

Inhalt

Die Geier-Wally ist die berühmte Geschichte der Walburga Stromminger, genannt Geierwally, einer Außenseiterin, die - verstoßen von der Welt - in der Einsamkeit der Berge nur in Gesellschaft eines gezähmten Geiers lebt. Sie verweigert sich dem Zwang des Vaters, den Bauern Vinzenz zu heiraten, da sie den Jäger Josef liebt. Ihr Vater verbannt sie in die kalten Gletscherhöhen. Erst nach seinem Tod kehrt sie zurück, ungebrochen, stolz und im Bewusstsein ihrer Macht als neue Herrin des Hofs. Als sie eine andere Frau an Josefs Seite sieht, kommt es zum Eklat...

1921 verfilmte E.A. Dupont die Romanvorlage von Wilhelmine von Hillern mit Henny Porten, die die Geierwally mit zugleich glühender Leidenschaft und großem Gespür für die vielen Facetten dieser eigenwilligen Frau verkörpert. Ihre Liebe zum stolzen und starrsinnigen »Bärenjosef«, die tragischen Verwicklungen, die beinahe alle ins Unglück stürzen, die erhabene Bergwelt - der Film strotzt vor großen Gefühlen und erstaunt dabei immer wieder mit einem für die damalige Filmkunst ungewöhnlichen Realismus, unterstützt durch die Authentizität der Außenaufnahmen.
Schon die zeitgenössische Kritik bejubelte den Stummfilmklassiker unter den Heimatfilmen. Nicht nur die naturalistischen Aufnahmen einer echten Schneelawine und Bärenjosefs Kampf mit dem ausgebrochenen Dorfstier, vor allem Henny Portens Spiel begeisterte - auch heute noch: »Wenn die Geierwally sagt: Ich liebe - dann liebt die wirklich. Das ist eine Sache fürs Leben. Das mit dem Bärenjosef. Aber sie hat in diesem Film noch etwas anderes zu tun als zu lieben. Und dieses andere, das Hassen, das macht die Geier-Henny wunderbar.« (Bühne und Film, 1921)

Wilhelmine von Hillern

Ein Adlerbild der Malerin Anna Stainer-Knittel inspirierte die Schauspielerin Wilhelmine von Hillern (1836-1916) zu ihrem Bestseller-Roman Die Geierwally, der in elf Sprachen übersetzt, von dem italienischen Komponisten Alfredo Catalani für die Oper (La Wally) bearbeitet und inzwischen vier Mal verfilmt wurde.
Die Schriftstellerei war ihr in die Wiege gelegt, war doch ihr Großvater ein enger Freund und Schulkamerad Schillers, ihr Vater Sohn eines Ministers, Sekretär Tallyrands und Schriftsteller und ihre Mutter Charlotte Birch-Pfeiffer die meistgespielte Dramatikerin des 19. Jahrhunderts. Wilhelmine arbeitete zunächst als Schauspielerin (häufig in Stücken der Mutter), bevor sie 1857 Hermann von Hillern heiratete und ihre Bühnenkarriere beendete. 1865 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Ein Doppelleben. 1875 feierte sie mit Die Geierwally einen triumphalen Erfolg und schaffte eine der ungewöhnlichsten Frauenfiguren ihrer Zeit. Die Geierwally ist unnachgiebig und stolz. Lieber geht sie zugrunde als auf ihr Glück zu verzichten. "In dieser Haltung der Entsagung, die einer der Grundzüge des poetischen Realismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, gleicht sie den großen literarischen Gestalten der Epoche. Anders aber als eine Madame Bovary, eine Nora oder Effi Briest, die sich in Bürgerhäusern und Salons gegen die Konventionen ihrer Zeit auflehnten, scheitert diese Wally nicht. Am Ende hat sie, wohin sie sich über zweihundert Romanseiten durchkämpfte: den Joseph und, wie ihre Autorin im Schlußsatz wissen läßt: »ein schwer erkauftes, bewußtes, unaussprechliches Glück in der Brust.« (Carin Adolph)
Sie schuf damit eine der unsterblichen starken Frauenfiguren der Literaturgeschichte, die in Erlangen in einer der ersten und bedeutendsten Filmversionen zu sehen ist.

Filmstill Henny Porten in Die Geier-Wally (D 1921)

Henny Porten

»Henny Portens Nachruhm steht in umgekehrtem Verhältnis zu der Popularität, die diese Schauspielerin über Jahrzehnte begleitet hat. Bücher über sie und von ihr kann man an den Fingern einer Hand abzählen, das letzte erschien 1932, eine Autobiografie. Die Filmgeschichten bringen nicht viel mehr als allgemein gehaltene Würdigungen, denn nur die allerwenigsten der über zweihundert Filme, in denen sie gespielt hat, gehören zum Kanon tradierter Filmkunst. Auch der nostalgische Blick gleitet an ihr ab: zu entfernt ihr Typus von Glamour und Raffinesse der zwanziger Jahre, zu nahe jenem Bild blonder Mütterlichkeit, das seinen ideologischen Verschleiß nicht überdauert hat.
Erst dem zweiten Blick erschließen sich Differenzierungen. Man wird neugierig. Diese Frau, die irgendeiner Avantgarde zuzurechnen einem nicht ohne weiteres in den Sinn käme, war die erste beim Publikum bekannte deutsche Filmschauspielerin. 1890 geboren, verlief ihr Aufstieg zum Star parallel zu dem des neuen Mediums Film. Sie beeinflußte seine Entwicklung nicht nur durch ihre Präsenz als Publikumsliebling, sondern setzte sich für alles ein, was ihm mehr Seriosität verleihen und damit auch für ein bürgerliches Publikum akzeptabel machen konnte: Affinität zu Theater, Literatur, Bildender Kunst. Daß sie 1919 Gerhart Hauptmanns Rose Bernd sein durfte, galt ihr als höchste künstlerische Erfüllung. Sie trug mit ihrem Engagement für den ernstzunehmenden Film wesentlich zur sozialen Anerkennung des Filmschauspielers bei.
Henny Porten spielte in Komödien, Dramen und Tragödien, stand – ohne Bühnenerfahrung, ohne geregelte schauspielerische Ausbildung – mit Partnern wie Emil Jannings, Ernst Deutsch, Fritz Kortner, Albert Bassermann und Werner Krauß vor der Kamera. Namhafte Regisseure waren seltener. Für ihre eigene Produktionsgesellschaft gewann sie Leopold Jessner und Paul Leni für Hintertreppe, E.A. Dupont für Die Geier-Wally, Karl Grune für Frauenopfer; von Ernst Lubitsch wurde sie für Kohlhiesels Töchter und Anna Boleyn geholt. In ihrem ersten Tonfilm Skandal um Eva führte G. W. Pabst Regie. Eine jahrzehntelange Zusammenarbeit verband sie mit Carl Froelich, der etwa zur selben Zeit wie sie bei der Firma Messter erste Filmerfahrungen gesammelt hatte. Unter seiner Regie und zum Teil in gemeinsamer Produktion entstanden unter vielen anderen Zuflucht, Luise, Königin von Preußen und Familie Buchholz.
Politisch engagiert im engeren Sinne war Henny Porten gewiß nicht, auch zum Idol weiblicher Emanzipation läßt sie sich nicht stilisieren. Aber das Bild blonder Mütterlichkeit zeigt Risse. Viele ihrer stummen Filme richteten sich gegen gesellschaftliche Vorurteile und Mißstände. Sie selbst blieb auf bemerkenswerte Weise unangepaßt: Sie behauptete sich als Star, als die Leinwand nicht nur vom Vamp, sondern längst vom Girl beherrscht war. Sie schaffte den Sprung zum Tonfilm. Sie spielte 1933 in Hans Steinhoffs Film Mutter und Kind, der »staatspo1itsch wertvoll« befunden wurde - und blieb dann über Jahre weitgehend kaltgestellt, weil sie sich weigerte, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen.
1943 erhielt sie trotzdem eine Glanzrolle, die ihr auch schauspielerisch neue Möglichkeiten bot: die der Wilhelmine Buchholz. Nach Kriegsende - es hatte sie mit ihrem Mann nach Ratzeburg in Holstein verschlagen -hoffte sie vergebens auf Filmangebote, die ihren künstlerischen und moralischen Ansprüchen gerecht geworden wären. Sie spielte zeitweise Theater in Lübeck und Hamburg und nur einmal eine kleine Rolle in einer Filmkomödie. Wieder hatte sie ein Comeback, als sie 1953/54 in der DDR die Titelrollen der DEFA-Filme Carola Lamberti und Das Fräulein von Scuderi übernahm. Danach kehrte sie nach Ratzeburg und 1957 schließlich nach Berlin zurück, wo 1906 ihre Karriere begonnen hatte. Sie starb 1960.» (Helga Belach)

Quellen:
Adolph, Carin. Die »Geierwally« der Wilhelmine von Hillern: Ein Roman und seine Autorin. unveröffentlichtes Manuskript der Sendung des Bayrischen Rundfunks vom 4.6.1990.
Belach, Helga. Henny Porten: Der erste deutsche Filmstar1860-1960. Berlin: Haude & Spener, 1986.