Die Geier-Wally ist die berühmte Geschichte der Walburga Stromminger, genannt Geierwally, einer Außenseiterin, die - verstoßen von der Welt - in der Einsamkeit der Berge nur in Gesellschaft eines gezähmten Geiers lebt. Sie verweigert sich dem Zwang des Vaters, den Bauern Vinzenz zu heiraten, da sie den Jäger Josef liebt. Ihr Vater verbannt sie in die kalten Gletscherhöhen. Erst nach seinem Tod kehrt sie zurück, ungebrochen, stolz und im Bewusstsein ihrer Macht als neue Herrin des Hofs. Als sie eine andere Frau an Josefs Seite sieht, kommt es zum Eklat...
1921 verfilmte E.A.
Dupont die Romanvorlage von Wilhelmine von Hillern mit Henny Porten, die
die Geierwally mit zugleich glühender Leidenschaft und großem
Gespür für die vielen Facetten dieser eigenwilligen Frau verkörpert.
Ihre Liebe zum stolzen und starrsinnigen »Bärenjosef«,
die tragischen Verwicklungen, die beinahe alle ins Unglück stürzen,
die erhabene Bergwelt - der Film strotzt vor großen Gefühlen
und erstaunt dabei immer wieder mit einem für die damalige Filmkunst
ungewöhnlichen Realismus, unterstützt durch die Authentizität
der Außenaufnahmen.
Schon die zeitgenössische Kritik bejubelte den Stummfilmklassiker
unter den Heimatfilmen. Nicht nur die naturalistischen Aufnahmen einer
echten Schneelawine und Bärenjosefs Kampf mit dem ausgebrochenen
Dorfstier, vor allem Henny Portens Spiel begeisterte - auch heute noch:
»Wenn die Geierwally sagt: Ich liebe - dann liebt die wirklich. Das
ist eine Sache fürs Leben. Das mit dem Bärenjosef. Aber sie
hat in diesem Film noch etwas anderes zu tun als zu lieben. Und dieses
andere, das Hassen, das macht die Geier-Henny wunderbar.« (Bühne
und Film, 1921)
Ein Adlerbild der Malerin Anna Stainer-Knittel inspirierte die Schauspielerin
Wilhelmine von Hillern (1836-1916) zu ihrem Bestseller-Roman Die Geierwally,
der in elf Sprachen übersetzt, von dem italienischen Komponisten
Alfredo Catalani für die Oper (La Wally) bearbeitet und inzwischen
vier Mal verfilmt wurde.
Die Schriftstellerei war ihr in die Wiege gelegt, war doch ihr Großvater
ein enger Freund und Schulkamerad Schillers, ihr Vater Sohn eines Ministers,
Sekretär Tallyrands und Schriftsteller und ihre Mutter Charlotte
Birch-Pfeiffer die meistgespielte Dramatikerin des 19. Jahrhunderts. Wilhelmine
arbeitete zunächst als Schauspielerin (häufig in Stücken
der Mutter), bevor sie 1857 Hermann von Hillern heiratete und ihre Bühnenkarriere
beendete. 1865 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Ein Doppelleben.
1875 feierte sie mit Die Geierwally einen triumphalen Erfolg und
schaffte eine der ungewöhnlichsten Frauenfiguren ihrer Zeit. Die
Geierwally ist unnachgiebig und stolz. Lieber geht sie zugrunde als auf
ihr Glück zu verzichten. "In dieser Haltung der Entsagung, die
einer der Grundzüge des poetischen Realismus in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts ist, gleicht sie den großen literarischen Gestalten
der Epoche. Anders aber als eine Madame Bovary, eine Nora oder Effi Briest,
die sich in Bürgerhäusern und Salons gegen die Konventionen
ihrer Zeit auflehnten, scheitert diese Wally nicht. Am Ende hat sie, wohin
sie sich über zweihundert Romanseiten durchkämpfte: den Joseph
und, wie ihre Autorin im Schlußsatz wissen läßt: »ein
schwer erkauftes, bewußtes, unaussprechliches Glück in der
Brust.« (Carin Adolph)
Sie schuf damit eine der unsterblichen starken Frauenfiguren der Literaturgeschichte,
die in Erlangen in einer der ersten und bedeutendsten Filmversionen zu
sehen ist.
»Henny Portens Nachruhm steht in umgekehrtem Verhältnis zu der
Popularität, die diese Schauspielerin über Jahrzehnte begleitet
hat. Bücher über sie und von ihr kann man an den Fingern einer
Hand abzählen, das letzte erschien 1932, eine Autobiografie. Die
Filmgeschichten bringen nicht viel mehr als allgemein gehaltene Würdigungen,
denn nur die allerwenigsten der über zweihundert Filme, in denen
sie gespielt hat, gehören zum Kanon tradierter Filmkunst. Auch der
nostalgische Blick gleitet an ihr ab: zu entfernt ihr Typus von Glamour
und Raffinesse der zwanziger Jahre, zu nahe jenem Bild blonder Mütterlichkeit,
das seinen ideologischen Verschleiß nicht überdauert hat.
Erst dem zweiten Blick erschließen sich Differenzierungen. Man wird
neugierig. Diese Frau, die irgendeiner Avantgarde zuzurechnen einem nicht
ohne weiteres in den Sinn käme, war die erste beim Publikum bekannte
deutsche Filmschauspielerin. 1890 geboren, verlief ihr Aufstieg zum Star
parallel zu dem des neuen Mediums Film. Sie beeinflußte seine Entwicklung
nicht nur durch ihre Präsenz als Publikumsliebling, sondern setzte
sich für alles ein, was ihm mehr Seriosität verleihen und damit
auch für ein bürgerliches Publikum akzeptabel machen konnte:
Affinität zu Theater, Literatur, Bildender Kunst. Daß sie 1919
Gerhart Hauptmanns Rose Bernd sein durfte, galt ihr als höchste künstlerische
Erfüllung. Sie trug mit ihrem Engagement für den ernstzunehmenden
Film wesentlich zur sozialen Anerkennung des Filmschauspielers bei.
Henny Porten spielte in Komödien, Dramen und Tragödien, stand
– ohne Bühnenerfahrung, ohne geregelte schauspielerische Ausbildung
– mit Partnern wie Emil Jannings, Ernst Deutsch, Fritz Kortner, Albert
Bassermann und Werner Krauß vor der Kamera. Namhafte Regisseure
waren seltener. Für ihre eigene Produktionsgesellschaft gewann sie
Leopold Jessner und Paul Leni für Hintertreppe, E.A. Dupont für
Die Geier-Wally, Karl Grune für Frauenopfer; von Ernst
Lubitsch wurde sie für Kohlhiesels Töchter und Anna
Boleyn geholt. In ihrem ersten Tonfilm Skandal um Eva führte
G. W. Pabst Regie. Eine jahrzehntelange Zusammenarbeit verband sie mit
Carl Froelich, der etwa zur selben Zeit wie sie bei der Firma Messter
erste Filmerfahrungen gesammelt hatte. Unter seiner Regie und zum Teil
in gemeinsamer Produktion entstanden unter vielen anderen Zuflucht,
Luise, Königin von Preußen und Familie Buchholz.
Politisch engagiert im engeren Sinne war Henny Porten gewiß nicht,
auch zum Idol weiblicher Emanzipation läßt sie sich nicht stilisieren.
Aber das Bild blonder Mütterlichkeit zeigt Risse. Viele ihrer stummen
Filme richteten sich gegen gesellschaftliche Vorurteile und Mißstände.
Sie selbst blieb auf bemerkenswerte Weise unangepaßt: Sie behauptete
sich als Star, als die Leinwand nicht nur vom Vamp, sondern längst
vom Girl beherrscht war. Sie schaffte den Sprung zum Tonfilm. Sie spielte
1933 in Hans Steinhoffs Film Mutter und Kind, der »staatspo1itsch
wertvoll« befunden wurde - und blieb dann über Jahre weitgehend kaltgestellt,
weil sie sich weigerte, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden
zu lassen.
1943 erhielt sie trotzdem eine Glanzrolle, die ihr auch schauspielerisch
neue Möglichkeiten bot: die der Wilhelmine Buchholz. Nach Kriegsende
- es hatte sie mit ihrem Mann nach Ratzeburg in Holstein verschlagen -hoffte
sie vergebens auf Filmangebote, die ihren künstlerischen und moralischen
Ansprüchen gerecht geworden wären. Sie spielte zeitweise Theater
in Lübeck und Hamburg und nur einmal eine kleine Rolle in einer Filmkomödie.
Wieder hatte sie ein Comeback, als sie 1953/54 in der DDR die Titelrollen
der DEFA-Filme Carola Lamberti und Das Fräulein von Scuderi
übernahm. Danach kehrte sie nach Ratzeburg und 1957 schließlich
nach Berlin zurück, wo 1906 ihre Karriere begonnen hatte. Sie starb
1960.» (Helga Belach)
Quellen:
Adolph, Carin. Die »Geierwally« der Wilhelmine von Hillern: Ein Roman
und seine Autorin. unveröffentlichtes Manuskript der Sendung des Bayrischen
Rundfunks vom 4.6.1990.
Belach, Helga. Henny Porten: Der erste deutsche Filmstar1860-1960. Berlin:
Haude & Spener, 1986.