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Filmens Helte (Pat und Patachon, die Filmhelden)

Dänemark 1928
Dauer: 80 min
Regie: Lau Lauritzen, Sr.
Drehbuch: Alice O'Fredericks
Kamera: Carlo Bentsen, Valdemar Christensen
Darsteller: Carl Schenstrøm (Pat), Harald Madsen (Patachon), Holger Reenberg (Sullivan), Eli Lehmann (Sullivans Tochter), Inger Schmidt (Sullivans Tochter)
Musik und Ausführung: Miller the Killer con Conny Corretto
Pat und Patachon, die Filmhelden

Inhalt

„Die Idee ist ganz ausgezeichnet. Der Allgewaltige der Sullivan-Film-Gesellschaft will eine Wette gegen seine beiden, in Filmstars verschossene Töchter nicht verlieren und erklärt irgend 2 Idioten seien ebenso gute Filmschauspieler wie der Bob und der Bill. Nur Pat und Patachon können das Pech haben, als diese 2 Idioten ausgesucht zu werden. Nach allem Unmöglichen sollen sie 2 Cowboys darstellen und eine romantische und doch so gruselig verwegene Sache, ein Drama aus dem wilden Westen, aufziehen. Der Regisseur schwitzt Blut, aber endlich geht’s in die Uraufführung. Alles ist platt. Auf der Leinwand erscheint eine unglaubliche Tragikkomödie. Sie ist eine ganz glänzende Parodie auf diese Wildwestschlager und wird der größte Heiterkeitserfolg, den Sullivan je hatte. Er genehmigt alle Hochzeiten und stürzt zu Pat und Patachon, um sie sofort für einige Jahre zu engagieren, aber ebenso kaltblütig wie immer wollen sie erst noch darüber schlafen.“ (8-Uhr-Blatt, Nürnberg, 29.9.1929)

Hintergrund

Am 1. Oktober 1928 feierte  Pat und Patachon als Filmhelden seine Premiere in Dänemark. Die große Werbemaschinerie der Produktionsfirma Palladium pries den Streifen als besonderes Jubiläum an: „Lau Lauritzens 25. Palladium-Lustspiel mit Pat und Patachon!“ Im Vorfeld hatte man extra ein Preisausschreiben für das beste Pat-und-Patachon-Drehbuch veranstaltet, das (rein zufällig) Alice O’Fredericks gewann, die schon vorher oft als Lauritzens Assistentin gearbeitet hatte. Ihr Sieger-Drehbuch wurde anschließend als Jubiläumsfilm umgesetzt. (Lange-Fuchs. 157f)

Pressestimmen

Als der Film dann schließlich in die internationalen Filmpaläste kam, waren die Kritiken mehrheitlich positiv: In Schweden hieß es: „Der Film ist voller fröhlicher Episoden, es gibt keine toten Punkte. Lauritzen schlägt den richtigen Lustspielton an und ist vernünftig genug, sich nicht an dem Tempo der Farce zu versuchen, das er nie richtig zu beherrschen lernte.“ (Svenska Dagbladet, 11.1.1929)

Auch in Nürnberg flammte die Pat und Patachon-Euphorie pünktlich zum neuen Film wieder auf. Der Fränkische Kurier berichtet am 30.9.1929 aus dem vollen Kinosaal der Luitpold-Lichtspiele: 
„Im Lu-Li rufen gegenwärtig Pat und Patachon als Filmhelden wahre Lachstürme hervor. Den zahlreichen Filmen dieser beiden Humoristen, die man in Nürnberg schon gesehen hat, reiht sich der vorliegende würdig an. Eine lustige Szene jagt die andere, und sehr oft steigert sich die Komik derart, dass selbst der größte Griesgram Tränen lachen muß. Die Handlung ist mit köstlichem Witz und beißendem Humor aufgebaut und die beiden Helden übertreffen sich selbst in der Darstellung ihrer Cowboy-Rollen. Unübertrefflich sind sie z. B. in der Duellszene. Der Humor liegt darin, wie der Lange und der Dicke in den Film eingegliedert werden und wie sie, die doch eigentlich eine Nebenrolle spielen, zu den Hauptträgern des ganzen Werkes werden.“ (Fränkischer Kurier, 30.9.1929)

Pat und Patachon

1928 waren Pat und Patachon auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Ihre über 20 Jahre anhaltende Zusammenarbeit begann jedoch schon 1921. Madsen und Schenstrøm drehten gemeinsam über 40 Filme, nicht alle unter der Regie des Pat und Patachon-Erfinders Lau Lauritzen, denn bald folgten Angebote aus dem europäischen Ausland. So wurden später vor allem in Deutschland auch Pat und Patachon-Tonfilme produziert, die jedoch die Qualität der frühen, skandinavischen Stummfilme nicht mehr erreichen konnten. 
Der hoch aufgeschossene Schenstrøm (Pat) kam ursprünglich vom Theater, wandte sich dann aber zunehmend dem lukrativeren Film zu. Unter Lau Lauritzens Regie kam sein komisches Talent zu voller Reife, nachdem er zuvor bei der Nordisk vor allem auf die Darstellung von Schurken und anderen düsteren Charakteren spezialisiert war. 
Lange schon hatte Lau Lauritzen den Plan seinen wandlungsfähigen Schützling in Komödien mit einem kleinen, dicken Schauspieler zu paaren. Für drei Filme stellte Lauritzen Schenstrøm zunächst den Schauspieler Aage Bendixen als Partner zur Seite. Zwar liefen die Filme noch nicht unter dem späteren Namen Fyrtårnet og Bivognen, kurz Fy og Bi, sie folgen aber bereits derselben komischen Grundstruktur. Trotz des kommerziellen Erfolgs der Filme war Lauritzen von dieser Kombination jedoch nicht überzeugt. Erst als er durch seinen Produzenten Nielsen auf den Artisten und Clown Harald Miehe-Madsen aufmerksam gemacht wurde, war Lauritzens Traumpaar perfekt. 
Madsen hatte bereits unter Mauritz Stiller in einem Film mitgewirkt, konnte sich aber vom Zirkus nicht dauerhaft trennen. Auch die langjährigen Erfolge als Patachon hielten ihn später nicht davon ab, wieder zum Zirkus zurückzukehren. 
Ihr unvergleichliches Zusammenspiel machte Schenstrøm und Madsen zu dem dänischen Filmexportschlager der zwanziger Jahre. Während im Bereich des ernsten Films Schweden und Deutschland dem ehemaligen Marktführer Dänemark den Rang abliefen, blieben Pat und Patachon jahrzehntelang das beliebteste und erfolgreichste Komikerduo in ganz Europa. 
Sie verkörpern nicht nur optisch Gegensätze, sondern stehen sich auch als Melancholiker und Lebemann gegenüber. Wie bei vielen anderen Komikerpaaren leben ihre Filme von der abwechselnden, latenten Aggression gegen den anderen und der Abhängigkeit voneinander. Wichtiger noch ist in ihrem Fall die oppositionelle Haltung gegenüber ihrer Umwelt. Im Großteil ihrer Filme sind sie Vagabunden, die eine Freiheit jenseits normativer Bürgerlichkeit genießen. Sie repräsentieren eine beinahe kindliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft allen gesellschaftlich Benachteiligten gegenüber. Hinter ihrem farcenhaften, von Improvisation und Spontaneität geprägten Spiel verstecken sich also auch immer humane Ideale.

Robin Hoods des Nordens

„Im Jahr 1925 beginnt das zweite Stadium der Entwicklung in der Filmproduktion von Pat und Patachon, das man als die Zeit der Reife dieses Komikerpaares bezeichnen könnte. Jetzt haben sie Charakteristika entwickelt, die sie beispielsweise von Ham und Bud in den USA deutlich unterscheiden […] Zwischen 1925 und 1930 wurden Pat und Patachon die Robin Hoods einer modernen Gesellschaft. Obwohl sich ihre Identität fortwährend wandelte, blieb ihnen ihr ursprünglicher Charakter erhalten, und vor allem blieb ihr ursprüngliches Bedürfnis intakt, die weniger Begünstigten zu schützen und zu unterstützen.“ (Wickbom, Kai. „Pat und Patachon – Robin Hood aus Dänemark“ in: Lange-Fuchs, 67f)

Nachruf

„Was für ein Feld für die kritische Forschung! Was ist mit diesen beiden Figuren gemeint? Die tragische und komische Spaltung der Menschheit – die komische Tragik, die rührende Komik, die zwei Naturen des Menschen, die Hand in Hand gehen. Der Doppelmensch in dem Einzelmenschen..0. tiefer als je. Die doppelte Natur des Menschen, die nie aufzulösen ist, denn die Tragik ist komisch, und die Komik ist tragisch, und die sich deshalb, wann immer sie gespalten wird, erneut spaltet – und doch ständig eine Einheit bleibt. Ach Schenstrøm, ach Madsen! Wer weiß, womöglich findet man in 1000 Jahren bei Ausgrabungen einen alten Lau-Film: Problem für die Wissenschaft! Subtile Hirne werden versuchen, die grundlose Tiefe beider auszuloten. Sie sind in der Dunkelheit des Unwissens der Versuch des verzweifelten zwanzigsten Jahrhunderts [...], einem dunklen Weltschmerz bildlichen Ausdruck zu verleihen? Pat und Patachon, sind sie die unheile Welt, der der Mond auf seiner frohen Bahn folgt? Wer weiß, vielleicht wird der Name von Schenstrøm und Madsen eines Tages im gleichen Atemzug mit Platon, Homer und Goethe genannt werden, und der alte Lau wird unter den Bildern der nordischen ‚Mythologie’ in der Gesellschaft der Wissenschaften erscheinen.“ (Dybe, Heinrich. „To Udødelige“ (Zwei Unsterbliche), 6.3.1924)

Ihr letzter gemeinsamer Pat und Patacon-Film, I de gode gamle Dage (In guten alten Tagen) kam 1940 unter deutscher Besatzung in die dänischen Kinos. Zwei Jahre später starb Carl Schenstrøm im Alter von 61 Jahren, Madsen folgte ihm 1949 im Alter von 59 Jahren nach.

Filmfassung

Den meisten Filmfans sind Pat & Patachon und ihre Filme heutzutage fast ausschließlich aus dem Fernsehen bekannt. Das ZDF hatte einzelne Filme bereits in den 60er Jahren gezeigt, entschied sich dann aber, sie als Rohmaterial für eine ganz neue Fernsehserie zu benutzen. 
Aus den Pat & Patachon-Filmen, die zwischen 1920 und 1940 entstanden, schnitt das ZDF 25-minütige Episoden zusammen, die von Heinz Caloué mit einem deutschen Text versehen und von Hanns Dieter Hüsch vertont wurden. Er erzählte kaum nach, was passierte, sondern versah die Geschichten mit witzigen Kommentaren, ironischen Anmerkungen und neuen Dialogen, die oft nichts mit dem Original zu tun hatten und einen Bezug zur Gegenwart herstellten. 
Filmens Helte lief 1969 gekürzt und zweigeteilt als Pat und Patachon als Filmhelden im deutschen Fernsehen. Bei der ZDF-Wiederaufführung 1984 startete der Film unter dem Titel Geborene Filmstars gekürzt und nun mit den Episodentiteln Die große Chance und Qualvolles Fieber
Dies führte in der Vergangenheit immer wieder zu Fehleinschätzungen des dänischen Komikerduos, da durch die gekürzten Episoden die Spannungsbögen der Spielfilme zerstört wurden. Anders als etwa ihre amerikanischen Nachfolger Laurel & Hardy hatten Pat und Patachon nie Kurzfilme gedreht, sondern sich von Anfang an ganz auf das Format Langfilm eingelassen. 
Die StummFilmMusikTage Erlangen präsentieren Filmens Helte nun endlich wieder in seiner ursprünglichen, mit großer Sorgfalt vom Dänischen Filminstitut (DFI) restaurierten und viragierten Fassung.

Nachweise

Lange-Fuchs, Hauke. Pat und Patachon. München: Roloff/Seeßlen, 1979. 
http://www.uni-oldenburg.de/kunst/mediengeschichte/pat/pat/index.htm