Faust – Eine Deutsche Volkssage (D 1926)

Dauer:
108 min
Regie:
Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch:
Hans Kyser, nach Motiven von Johann Wolfgang von Goethe, Christopher Marlowe und der alten Faust-Sage
Kamera:
Carl Hoffmann
Bauten und Kostüme:
  • Robert Herlth
  • Walter Röhrig
Darsteller:
  • Gösta Ekmann
  • Emil Jannings
  • Camilla Horn
  • Frida Richard
  • Wilhelm Dieterle
  • Yvette Guilbert
  • Eric Barclay
  • Hanna Ralph
  • Werner Fuetterer
  • Hans Brausewetter
  • Lothar Müthel
Filmstill Faust und Mephisto

Mit dem Vorspiel beginnt die Verzauberung: Murnau lässt einen gleißenden Erzengel sein Funken sprühendes Flammenschwert erheben und einen Dämon im schwarzen Federkleid mit riesigen Fledermaus-Schwingen den Himmel verdunkeln: Der gute und der böse Geist ringen um Faustens Seele. Das ist beste Märchen-und Sagentradition und sinnliches Filmbild. Düstere Kapuzenmänner tragen Pesttote durch die Gassen. Faust fühlt seine Machtlosigkeit: »Es hilft kein Glaube, es hilft kein Wissen, alles ist Lüge ... Nur einen Tag heraus aus dieser Ohnmacht!« Für diesen Tag verschreibt er sich dem Teufel. Mit Blut besiegeln sie den Pakt: der bärtige Philanthrop und der Teufel, hier nicht in der Paradeuniform des Vorspiels, sondern mit strähnigem Haar und schlampigem Kittel, das Gesicht verquollen, die Augen vertränt, aber mit triumphierendem Glitzerblick beim Sieg über die Seele.

Faust besitzt nun die Fähigkeit, Kranke zu heilen, wird aber von der Menge gesteinigt, als sie seine Scheu vor dem Kreuz entdeckt. Er folgt Mephistos Parole: »Genuss ist alles, werde jung!« Aus dem Greis wird der blonde Jüngling und aus dem Teufel, der schlampige Vettel, ein satanischer Geck im schwarzen Atlasgewand. Nach dem berühmten Flug auf Mephistos wehendem Mantel, gefolgt von einer Episode am Hof der Herzogin von Parma, steuert Murnau auf die Osterbegegnung - und damit auf die Gretchentragödie - zu. Faust sieht Gretchen auf dem Weg in die Kirche und folgt ihr, während Mephisto sich draußen vor der Kirche vor so viel Heiligkeit windet. Im Folgenden versteckt Mephisto in Gretchens Kammer ein kostbares Kettchen mit herzförmigem Anhänger. Gretchen - gleichermaßen beglückt und bestürzt - über das gefundene Geschenk, eilt zur Muhme Marthe. Bei Marthe Schwerdtlein im Garten arrangiert Mephisto das erste traute Zusammensein des jungen Paares, während er selbst sich die Zeit damit vertreibt, der alten eitlen Kupplerin, die für teures Geld selbstgebraute Liebestränke an einfältige Burschen verkauft, den Hof zu machen. Faust und Gretchen liegen sich nun schon in den Armen und küssen sich. In der Nacht ermuntert Mephisto den verliebten Faust, durchs Fenster in Gretchens Kammer einzudringen, während er sich in der Dorf-schänke einfindet, wo Valentin, der Bruder Gretchens, einen fröhlichen Abend verbringt.

Filmstill Faust und Mephisto sitzend

Die Bemerkung Mephistos »Ein hübsches Mädchen sei nicht brav« veranlasst Valentin sofort nach Hause zu eilen. Dort hat Mephistos Atem bereits die Mutter durchs Haus taumeln und vor Gretchens Kammer treiben lassen. Die Tür springt auf, die alte Frau sieht, dass ihre Tochter einen fremden Liebhaber bei sich hat. Die Mutter wird von der aufspringenden Tür nach hinten geworfen, prallt gegen die Stiege und bleibt leblos am Boden liegen. Valentin stürzt hinzu und treibt Faust mit gezücktem Degen vor das Haus. Heimtückisch ersticht Mephisto Valentin von hinten. Mephisto flieht mit Faust auf einem riesigen Ross durch die Lüfte. Valentin stirbt mit den Worten auf den Lippen: »Lest mir die Totenmesse erst! Dann: an den Pranger mit der Dirne!« Dem Wunsch wird entsprochen. Gretchen wird an den Pranger gestellt, danach bringt sie, halb verhungert, in eisiger Winternacht ein Kind zur Welt. Vergeblich versucht sie, es vor dem Erfrierungstod zu bewahren. Überall im Dorf schließen sich vor ihr die Fenster. Halb wahnsinnig vor Kälte, Hunger und Schmerz glaubt Gretchen in einer Schneewehe eine Wiege zu sehen: dort hinein bettet sie lächelnd das Kind und wiegt es mit vor- und zurückpendelndem Kopf. Gretchen wird als vermeintliche Kindsmörderin zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Faust, der weit entfernt in düsterem Brüten auf einem hohen Berggipfel sitzt, hört ihren Hilferuf und beschwört Mephisto, das Mädchen zu retten. Mephisto weiß die Reise zu Gretchen geschickt in die Länge zu ziehen, so dass sie erst bei Gretchen ankommen, als sie schon zum Scheiterhaufen gezerrt wird. Faust versucht ihr dennoch zu Hilfe zu eilen, Mephisto verwandelt ihn jedoch wieder in den Greis, der er zuvor einmal war. Gretchen erkennt ihn nicht.

Als man sie an den Pfahl des Scheiterhaufens festgebunden hat und die ersten Flammen an ihr hochschlagen, unternimmt Faust eine letzte, verzweifelte Kraftanstrengung, bahnt sich einen Weg durch die Menge und wirft sich zu Füßen Gretchens auf den lodernden Scheiterhaufen. Faust verwandelt sich in Gretchens Augen in den jungen Faust zurück. Im Kuss vereint verschwinden die Liebenden in einer schwarzen Rauchwolke, während die sie umstehende Menge von Schaulustigen erschüttert niederzuknien beginnt. Der Rauch steigt nach oben, wird heller, es wird die schimmernde Gestalt des Erzengels sichtbar. Im unteren Bildrand erscheint der Teufel siegesgewiss. »Es gilt mein Pakt!« Der Erzengel widerspricht ihm: »Ein Wort macht Deinen Pakt zunichte!« Und als Mephisto »das Wort, das alle Menschenschuld versühnt, das Wort, das jeden Schmerz und Kummer still, das ewige Wort« zu erfahren wünscht, bricht es in flammenden, gotischen Lettern aus dem Dunkel, vernichtet den Pakt und stößt den geblendeten Teufel in die Finsternis zurück: »Liebe«.