Unter Einsatz seines eigenen Lebens rettet Lokführer Shigeru Mori die Passagiere eines entgleisten Zuges. Unter denen, die seiner Heldentat ihr Leben verdanken ist auch eine junge Zirkusartistin. Obwohl sich die Wege von Shigeru und der schönen Omiyo wieder kreuzen, bleibt das Zugunglück nicht die einzige Katastrophe, die ihr junges Glück bedroht.
Zwar rettet Shigeru Omiyo ein zweites Mal vor dem Tod, indem er ihren Selbstmord vereitelt, doch vor den Machenschaften des eifersüchtigen Zirkusdirektoren kann der selbstlose Lokführer seine Geliebte nicht dauerhaft schützen. Eines Nachts, während der Verrichtung seines Dienstes, wird Shigeru von einer schrecklichen Vision gequält wird. Er befürchtet das Schlimmste und eilt nach Hause. Dort angekommen findet er jedoch nicht Omiyo, sondern den sadistischen Zirkusdirektor…
Express 300 Meilen verbindet in kunstvoller und bildgewaltiger Art und Weise Action-szenen und Liebeshandlung. Unangefochtener Höhepunkt des Films sind dabei die rasanten und spannungsgeladenen Aufnahmen des außer Kontrolle geratenen Eisenkolosses. Die Bilder lassen erahnen, wie gefährlich auch die Dreharbeiten gewesen sein müssen. Gleich mehrere Züge wurden von Regisseur und Filmtechnikern eingesetzt, um die Geschwindigkeit und die Gewalt des „schnellsten Zuges seiner Zeit“, des Express 300 Meilen perfekt in Szene zu setzen. Das Ergebnis sind Verfolgungsszenen, die sich vor ihren amerikanischen Entsprechungen in keiner Weise verstecken müssen. Ganz im Gegenteil kann der Filme als ein Meilenstein betrachtet werden, was die technische Perfektion seiner Action-Sequenzen angeht. Kaoru Murao, der der Filmcrew vom japanischen Eisenbahnministerium beratend zur Seite gestellt worden war, sagte in Kinema Junpo (21.2.1929) über die Dreharbeiten:
»Als technischer Berater hatte ich einige Szenen zu überwachen, in denen sich Unfälle katastrophalen Ausmaßes hätten abspielen können. Erschwerend hinzu kam, dass die Landschaft zwischen Kioto und Osaka, in der der Film gedreht wurde, eigentlich zu flach ist. Der Eindruck der Geschwindigkeit geht vor einem solchen Hintergrund leicht verloren. Wir können also die Arbeit der Filmcrew gar nicht hoch genug schätzen: Sie schafften es, mit einer ganzen Reihe von Zügen die kraftvolle Dynamik der Loks, ihre Bewegung und Geschwindigkeit eindringlich vor Augen zu führen. Zweifellos liegt dem Regisseur der kommerzielle Erfolg des Films sehr am Herzen.«
1914 schließen sich vier Filmfirmen unter dem Namen Nippon katsudo shashin kabushikigaisha (»Japan Film AG«), kurz Nikkatsu zusammen. Es entsteht die erste professionelle Filmgesellschaft Japans. Während man im Kioto-Zweig der Firma einen traditionelleren Stil pflegt und sog. Historiendramen produziert, spezialisiert sich die Tokioter Niederlassung der Nikkatsu auf sog. moderne Dramen mit zeitgenössischen Themen und einem stärkeren filmischen Realismus. Vorherrschend waren Melodramen, etwa Filme über die tränenreiche Trennung von Mutter und Kind oder den Zusammenbruch einer jungen Frau nach dem Verlust ihrer Unschuld. 1923 muss die Abteilung für moderne Dramen aufgrund des Erdbebens im Tokioter Studio allerdings seine Aktivitäten einstellen. Das Aufnahmestudio wandert nach Kioto. Als junger Regisseur stößt Kenji Mizoguchi zu Nikkatsu. Beeinflusst vom internationalen Kino westlicher Prägung wird er zum einflussreichsten Regisseur des modernen Dramas im japanischen Film. Mit seinem Talent führt er die Nikkatsu als eines der führenden Studios ins erste Goldene Zeitalter des japanischen Kinos (1927-1940).
Regisseur Genjiro Saegusa gehört zur selben Generation wie Kenji Mizoguchi. Als dieser 1925 wegen einer Liebesaffäre die Regie des Films Akai yuhi ni terasarete (Im roten Abendlicht) abgeben musste, stellte Saegusa den Film fertig. Heute weitgehend in Vergessenheit geraten, zählte Genjiro Saegusa zu seiner Zeit zu den bekanntesten Vertretern des ersten Goldenen Zeitalters des japanischen Films.
Der Film galt wie die gesamte übrige Produktion der Nikkatsu lange als verschollen. Erst 2001 wurde eine zwar vollständige, aber schlecht erhaltene Nitrokopie des Films wiederentdeckt. Nachdem Rost und Schmutz von der Filmoberfläche entfernt und Beschädigungen am Material (etwa an der Perforation) repariert worden waren, wurde die ursprüngliche Reihenfolge der Akte wieder hergestellt. Anschließend wurde der Film abgetastet. Obwohl die Originalkopie zum Teil gut erhaltene Viragen (Einfärbungen) aufweisen konnte, wurde zunächst aus Kostengründen eine schwarz-weiß Kopie hergestellt, die ihre Urauf-führung 2004 in Kioto erlebte. Diese Premiere der restaurierten Fassung von Express 300 Meilen wurde live von Günther Buchwald begleitet, der auch bei den 12. StummFilmMusikTagen für die musikalische Untermalung dieses Höhepunkts des frühen japanischen Films sorgt.