City Lights (Lichter der Großstadt) (USA 1931)

Dauer:
86 min
Regie und Buch:
Charles Chaplin
Kamera:
  • Rollie Totheroh
  • Gordon Pollock
  • Mark Marklatt
Darsteller:
  • Charles Chaplin
  • Virginia Cherrill
  • Harry Myers
Musik:
Charle Chaplin
Ausführung:
ensemble KONTRASTE
Leitung:
Frank Strobel
Filmstill City Lights

Als im Januar 1928 Chaplins The Circus aufgeführt wurde, hatten die Warner Brothers bereits den Tonfilm herausgebracht, trotzdem ging Chaplin im Februar 1928 daran, einen neuen Stummfilm, Lichter der Großstadt, zu drehen. Allerdings arbeitete Chaplin in einigen wichtigen Szenen mit Geräuscheffekten und schrieb selbst die Begleitmusik. Während Griffith sich ganz vom Film zurückzog, Stroheim nur mehr als Schauspieler arbeitete, Talente wie Sternberg und Vidor oder auch Buster Keaton in dem neuen Medium keine nennenswerten Arbeiten mehr hervorbrachten, zählen Chaplins City Lights (1931) und Modern Times (1936) zu den bedeutendsten Filmen der Dreißiger Jahre.
In seinen abendfüllenden Filmen der 20er Jahre The Kid, A Woman in Paris, The Circus und anderen entwickelte Chaplin den für ihn typischen Stil, der sich durch Enthaltsamkeit gegenüber allen ostentativ filmischen Möglichkeiten auszeichnet. Seinen Kameramann Rollie Totheroh hielt er zu nüchterner Ausleuchtung und Fotografie an; die Verwendung von Farbe und Breitwand hat er nie erwogen. Chaplins Filme verschmähen das Fotogene und Atmosphärische wie Schwarz-Weiß-Nuancen oder den Reiz flüssiger oder rauchförmiger Materialien. Eine Einstellung dauert stets so lange, wie es der darzustellende Vorgang erfordert. Sie wechselt, wenn die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Detail gelenkt werden soll, Objekte oder der Schauplatz wechseln. Die häufigste Einstellung ist die Totale, die dem Bühnenraum aus der Perspektive der Zuschauer im Parkett entspricht. Chaplin hielt aus Überzeugung am Stummfilm fest. Für ihn war das Wesen des Films die Pantomime, die durch die Filmtechnik lediglich vervollkommnet wird. Die für die deutschen Expressionisten so wichtige Technik der Montage setzt er kaum ein.
Allerdings bedient sich Chaplin in City Lights bereits einiger Elemente, die dem Tonfilm entstammen. So unterlegt er am Anfang von City Lights die Rede des Bürgermeisters mit quäkenden Saxophon-Tönen, womit Chaplin einerseits die Platitüden typischer Festreden persifliert, andererseits dem Tonfilm einen Seitenhieb verpasst. Bewusst verzichtet er auch nicht auf die damals durch den Tonfilm obsolet gewordenen Zwischentitel, legt aber dennoch großen Wert auf die Begleitmusik und besondere Geräusche, wie den Ton einer Pfeife, die der Tramp versehentlich verschluckt hat, und das Ertönen des Gongs beim Boxkampf.

Filmstill City Lights

Der Held von City Lights ist noch der alte Charlie, doch die Welt, die ihn umgibt, hat sich verändert. Der Film beginnt mit der Enthüllung eines Denkmals, das Frieden und Wohlsland verherrlichen soll; als die Hüllen des Monuments fallen, sieht man den Vagabunden Charlie, der sich auf dem Schoß der Statue ausgeruht hatte. So direkt hatte Chaplin noch nie die Gesellschaft und ihre offiziellen Kundgebungen ironisiert. Anders als die früheren Filme besteht City Lights nicht aus einer Reihe brillanter "Nummern", sondern erzählt eine geschlossene Geschichte. Das blinde Blumenmädchen erwidert nicht zuletzt deshalb die Liebe des Tramps, weil sie diesen für einen Millionär hält. Der Millionär, dem Charlie das Leben rettet, ist nur solange menschlich, wie er betrunken ist; nüchtern besinnt er sich auf seine soziale Stellung und wirft den Tramp aus seiner Villa. (Bert Brecht verwendete das Motiv in seinem Stück Herr Puntila und sein Knecht Mutti). Der Vagabund kämpft nicht nur in unnachahmlicher Komik gegen die Tücke des Objekts, er hat die soziale Ordnung zu überlisten, die den anderen zum Millionär und ihn zum Habenichts macht.
Chaplins Kunstwelten entstehen durch die stumme, archetypische Figur des Tramps, der keinem konkreten Milieu angehört und in keiner bestimmten historischen Epoche lebt. Der kritische und entlarvende Blick auf die kapitalistische Gesellschaft ist immer auch der melancholische Blick auf die Conditio Humana selbst.