Als im Januar 1928 Chaplins The Circus aufgeführt wurde, hatten die Warner Brothers
bereits den Tonfilm herausgebracht, trotzdem ging Chaplin im Februar 1928
daran, einen neuen Stummfilm, Lichter der Großstadt, zu drehen.
Allerdings arbeitete Chaplin in einigen wichtigen Szenen mit Geräuscheffekten
und schrieb selbst die Begleitmusik. Während Griffith sich ganz vom
Film zurückzog, Stroheim nur mehr als Schauspieler arbeitete, Talente
wie Sternberg und Vidor oder auch Buster Keaton in dem neuen Medium keine
nennenswerten Arbeiten mehr hervorbrachten, zählen Chaplins City
Lights (1931) und Modern Times (1936) zu den bedeutendsten
Filmen der Dreißiger Jahre.
In seinen abendfüllenden Filmen der 20er Jahre The Kid, A
Woman in Paris, The Circus und anderen entwickelte Chaplin
den für ihn typischen Stil, der sich durch Enthaltsamkeit gegenüber
allen ostentativ filmischen Möglichkeiten auszeichnet. Seinen Kameramann
Rollie Totheroh hielt er zu nüchterner Ausleuchtung und Fotografie
an; die Verwendung von Farbe und Breitwand hat er nie erwogen. Chaplins
Filme verschmähen das Fotogene und Atmosphärische wie Schwarz-Weiß-Nuancen
oder den Reiz flüssiger oder rauchförmiger Materialien. Eine
Einstellung dauert stets so lange, wie es der darzustellende Vorgang erfordert.
Sie wechselt, wenn die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Detail gelenkt
werden soll, Objekte oder der Schauplatz wechseln. Die häufigste
Einstellung ist die Totale, die dem Bühnenraum aus der Perspektive
der Zuschauer im Parkett entspricht. Chaplin hielt aus Überzeugung
am Stummfilm fest. Für ihn war das Wesen des Films die Pantomime,
die durch die Filmtechnik lediglich vervollkommnet wird. Die für
die deutschen Expressionisten so wichtige Technik der Montage setzt er
kaum ein.
Allerdings bedient sich Chaplin in City Lights bereits einiger
Elemente, die dem Tonfilm entstammen. So unterlegt er am Anfang von City
Lights die Rede des Bürgermeisters mit quäkenden Saxophon-Tönen,
womit Chaplin einerseits die Platitüden typischer Festreden persifliert,
andererseits dem Tonfilm einen Seitenhieb verpasst. Bewusst verzichtet
er auch nicht auf die damals durch den Tonfilm obsolet gewordenen Zwischentitel,
legt aber dennoch großen Wert auf die Begleitmusik und besondere
Geräusche, wie den Ton einer Pfeife, die der Tramp versehentlich
verschluckt hat, und das Ertönen des Gongs beim Boxkampf.
Der Held von City Lights ist noch der alte Charlie, doch die Welt,
die ihn umgibt, hat sich verändert. Der Film beginnt mit der Enthüllung
eines Denkmals, das Frieden und Wohlsland verherrlichen soll; als die
Hüllen des Monuments fallen, sieht man den Vagabunden Charlie, der
sich auf dem Schoß der Statue ausgeruht hatte. So direkt hatte Chaplin
noch nie die Gesellschaft und ihre offiziellen Kundgebungen ironisiert.
Anders als die früheren Filme besteht City Lights nicht aus
einer Reihe brillanter "Nummern", sondern erzählt eine
geschlossene Geschichte. Das blinde Blumenmädchen erwidert nicht
zuletzt deshalb die Liebe des Tramps, weil sie diesen für einen Millionär
hält. Der Millionär, dem Charlie das Leben rettet, ist nur solange
menschlich, wie er betrunken ist; nüchtern besinnt er sich auf seine
soziale Stellung und wirft den Tramp aus seiner Villa. (Bert Brecht verwendete
das Motiv in seinem Stück Herr Puntila und sein Knecht Mutti). Der
Vagabund kämpft nicht nur in unnachahmlicher Komik gegen die Tücke
des Objekts, er hat die soziale Ordnung zu überlisten, die den anderen
zum Millionär und ihn zum Habenichts macht.
Chaplins Kunstwelten entstehen durch die stumme, archetypische Figur des
Tramps, der keinem konkreten Milieu angehört und in keiner bestimmten
historischen Epoche lebt. Der kritische und entlarvende Blick auf die
kapitalistische Gesellschaft ist immer auch der melancholische Blick auf
die Conditio Humana selbst.