»Am Beginn steht eine der berühmtesten Schocksequenzen der Filmgeschichte:
Eine Wolke bewegt sich auf den Vollmond zu, ein Rasiermesser schneidet
durch das Auge einer jungen Frau. Später sieht man eine von Ameisen
wimmelnde Menschenhand, Priesterseminaristen, die an Glockenseilen baumeln,
und den Kadaver eines Esels, der aus einem Pianoflügel quillt. Einige
Szenen sind bewußt als anarchische Provokation gedacht, andere lassen
sich als poetische Metaphern deuten - insgesamt attackieren die vieldeutigen
Bilder nachhaltig die herkömmlichen Vorstellungen von Ratio und Normalität.
An deren Stelle tritt die Logik des Traums, die auflösende Kraft
der Fantasie.«
(Lexikon des internationalen Films)
Buñuel erkärt diese Struktur aus der Entstehungsgeschichte des Films heraus:
»Der Film ging aus der Begegnung zweier Träume hervor... Das
Drehbuch wurde in weniger als einer Woche nach einer sehr einfachen Regel
geschrieben: keine Idee, kein Bild zuzulassen, zu dem es eine rationale,
psychologische oder kulturelle Erklärung gäbe; die Tore des
Irrationalen weit zu öffnen; nur Bilder zuzulassen, die sich aufdrängten,
ohne in Erfahrung bringen zu wollen, warum.«
Salvador Dalí, sein Koautor, ergänzt:
»Ich hatte einen Film entworfen, von dem ich wollte, daß er
die Denk- und Sehgewohnheiten und den Geschmack der Intellektuellen und
Snobs der Hauptstadt an spießbürgerlicher Unterhaltung schockierte
und erschütterte, einen Film, der jeden Betrachter in die geheime
Mitte seiner Kindheit, zu den Quellen des Traums, des Schicksals und des
Geheimnisses von Leben und Tod zurückversetzen sollte...«
Un Chien Andalou sollte als explosive Waffe gegen die Bürgerlichkeit
verstanden werden, als Speerspitze des Surrealismus. Doch das Unerwartete
geschah. Bei aller Provokation (»Und der kleine Bourgeois sitzt da
in seinem Sessel, er hat bezahlt, um abwechselnd rechts und links geohrfeigt
zu werden: man sollte doch denken, daß er sich bei der Direktion
beschweren wird!« (André Breton)) wird der Film zum Erfolg.
Es kommt zum Eklat als Buñuel das Drehbuch nicht in La Révolution
surréaliste, dem Sprachrohr der Surrealisten, sondern in Revue
du cinéma abdrucken läßt.
Buñuel muß Abbitte leisten; am 15. Dezember 1929 erscheint
seine Verteidigung in La Révolution surréaliste -
zusammen mit einer Kopie des Szenarios: »Die Veröffentlichung
dieses Drehbuchs in La Révolution surréaliste ist die einzige,
zu der ich meine Zustimmung gebe. Sie bringt ohne jegliche Einschränkung
meine bedingungslose Zustimmung zum surrealistischen Denken und Handeln
zum Ausdruck. Ein andalusischer Hund gäbe es nicht, wenn es
den Surrealismus nicht gäbe. Ein Erfolgsfilm. So urteilen die meisten
derer, die ihn gesehen haben.
Was kann ich aber ausrichten gegen die leidenschaftlichen Anhänger
alles Neuen, selbst wenn dieses Neue ihre tiefsten Überzeugungen
verletzt, gegen eine bestochene oder unehrliche Presse, gegen diese schwachsinnige
Masse, die das schön oder poetisch fand, was im Grunde nichts anderes
ist als ein verzweifelter, ein leidenschaftlicher Aufruf zum Mord?«
(Yasha)
Das zweite surrealistische Manifest (Le surréalisme au service de la revolution, 1930)
ist denn auch von Buñuel und Dalí unterschrieben. André
Breton lobt Un Chien Andalou (und L`Age D´Or) als
die »beiden einzigen vollkommen surrealistischen Filme (gleichermaßen
in der Ausführung wie in der Absicht). [...] Ein andalusischer
Hund und vor allem Das goldene Zeitalter konfrontieren also
das Publikum zum ersten Mal mit einer Folge von Ansprüchen, denen
es sich nicht entziehen kann: das ist kein Traum und es gibt keinen symbolischen
Schlüssel. In Ein andalusischer Hund ist es wahrhaftig der absolute
Irrationalismus, der sich als der Herr der Straße erweist [...].
Buñuel hat dem Surrealismus bewußt gemacht, wie der Übergang
sein könnte zur direkten Aktion, die ich (maßvoll) am Ende
des ersten Manifests (1924) gefordert hatte. Allein schon durch seine
ihm ganz eigenen Methoden hat er uns sehr geholfen das Stadium der theoretischen
Spekulation zu überwinden. Er hat in sehr konkreten menschlichen
Situationen das realisiert, was wir - zumindest damals - aus unseren Wünschen
heraus im Kampf mit dem Leben nur schlecht erkennen konnten. Er hat aus
den Wünschen etwas sehr stark Erschütterndes hervortreten lassen,
so wie er auch uns selbst mit tatsächlich existierenden Wesen konfrontiert
hat, die die Extreme unserer Abgründe verkörperten.«