In Easy Street spielt Charlie einen armen Landstreicher, der sich nach seiner Läuterung durch eine hübsche Heilsarmee-Helferin als Polizist beweisen möchte. Doch die heruntergekommene Easy Street wird ausgerechnet von einem wahren Goliath beherrscht, dem der kleine Polizist gerade recht kommt...
In The Adventurer gelingt es dem Sträfling Charlie mit allerlei Tricks seinen Verfolgern zu entkommen. Auf der Flucht rettet er eine schöne junge Frau und deren massigen Verlobten vor dem Ertrinken. Charlie wird aus Dankbarkeit als Gast des Hauses aufgenommen und muss nun gleichzeitig die Tochter des Hauses umwerben und seine Enttarnung durch den eifersüchtigen Verlobten verhindern.
Als Charles Spencer Chaplin 1916 einen Vertrag über 12 Filme bei
der Mutual Film Corporation unterschrieb, hatte er es geschafft. Aus
dem kleinen Jungen, der in ärmlichen Verhältnissen in einem
Londoner Slum aufgewachsen war, war der bestbezahlte Filmkünstler
seiner Zeit geworden.
Sein Weg hatte ihn über die englischen Music Halls auf die amerikanischen
Vaudeville-Bühnen und schließlich bis nach Hollywood geführt.
Dort begann er seine Filmkarriere als Statist bei den Keystone Kops,
Mack Sennets berühmter Slapstick-Truppe. Schnell erkannte man sein
Talent. Chaplin durfte seine Rollen ausbauen und bekam eigene Projekte
zugesprochen. Bald war er so bekannt, dass ihm die Essanay-Studios einen
Vertrag als Solokünstler anboten, der ihm die künstlerische
Kontrolle über seine eigenen Filme zusprach.
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»Im Februar 1916, nur zwei Jahre nach seinem amerikanischen Debüt bei Keystone und ein Jahr nach seinem Wechsel zu Essanay, ist Chaplin bereits ein gefeierter Kinostar. Als die Konkurrenzfirma Mutual (die gleichzeitig den Verleih für Keystone betreibt) den Künstler übernehmen möchte, muss sie in einen regelrechten Preiskampf einsteigen: Chaplin stellt immer höhere Forderungen -und als er einwilligt, liegt das Mutual-Angebot bei 670 000 Dollar für die Produktion von zwölf Kurzfilmen. Innerhalb von zwei Jahren hat der Künstler sein Gehalt verzehnfacht, und Essanay entgeht eine wahre Goldmine. Chaplin wird zum bestbezahlten Schauspieler der damaligen Kinogeschichte, noch vor dem Leinwandstar Mary Pickford.
50 Jahre später erinnert er sich an diese Zeit als die glücklichste seiner Laufbahn: «Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, meine Aussichten waren einfach märchenhaft, und die Welt bot mir Freundschaft und Ruhm. In kurzer Zeit würde ich Millionär sein - das alles kam mir etwas verrückt vor», schreibt er in seiner Autobiografie. Tatsächlich werden dem Künstler alle erdenklichen Mittel zur Verfügung gestellt. Um seine Filme zu produzieren, gründet Mutual eigens die Lone Star Film Corporation. [...]
Was die Schauspieler betrifft, hat Chaplin der Essanay die besten Akteure weggeschnappt: die schöne Edna Purviance, die er sozusagen nach seinen Vorstellungen geformt hat, Charlotte Mineau für die weiblichen Nebenrollen, den jungen Lloyd Bacon, Leo White, F. J. Coleman und J. Kelly. Allerdings verliert er auch sehr gute Komiker wie Ben Turpin oder Billy Armstrong, die dem Ruf konkurrierender Filmunternehmen folgen oder für andere Mutual-Produktionen arbeiten. Chaplin engagiert deshalb neue Mimen: Albert Austin, den er noch von Keystone kennt, Leota Bryan, eine junge Musical-Interpretin aus Chicago, und den dicken Eric Campbell, der extra seinen Job in einer Erfolgsrevue aufgibt, um bei dem Regisseur mitarbeiten zu können. [...]
Die Rahmenbedingungen sind also hervorragend, und Chaplin geht mit voller Kraft ans Werk:
16 Monate lang wird er sich Tag und Nacht mit den Drehbüchern,
der Produktion, Regie und Interpretation der [...] zwölf kleinen
[Mutual-]Meisterwerke befassen, in denen sich lebendige Ausdruckskraft
mit feinem Humor, beißender Ironie und zarten Emotionen paart.
Die Essanay diente dem jungen Chaplin als Sprungbrett, die Mutual verleiht
ihm Flügel.« (David Shepard)
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Die letzten vier Filme, die Chaplin für Mutual dreht, gehören noch immer zu seinen besten. Mit Easy Street erweckt er die Methley Street Süd-Londons, in der er aufgewachsen war, zum Leben. Das enge T am Ende der Straße bietet dort noch heute das gleiche begrenzte und schmuddelige Bild, das sich einst dem jungen Charlie und seiner Mutter bot. Chaplin nutzt diese Kulisse, um eine Parodie der viktorianischen »Reform«-Melodramen zu inszenieren. Ein potentielles Problem liegt darin, dass der vom Publikum geliebte Tramp hier die Seiten wechselt und zum ‘Feind’, d.h. der Ordnungsmacht, überwechselt.
Chaplin erklärt dazu 1917 in der Zeitschrift Reel Life:
»Wenn es einen Menschentyp
gibt, auf den es irgendjemand auf der ganzen weiten Welt mehr abgesehen
hat als auf irgendjemand andern, dann ist das der Polizistentyp. Natürlich
kann man den Polizisten nicht wirklich dafür verantwortlich machen,
daß die Öffentlichkeit Vorurteile gegen seine Uniform hat
- das ist nur die normale menschliche Abneigung gegen jede Art von Autorität-,
aber trotzdem sieht es jeder gern, wenn‘s dem ‘Copper’ an den Kragen
geht. Also muß ich mich erst einmal beliebt machen, indem ich
meinen Freunden zu verstehen gebe, daß ich gar kein richtiger
Polizist bin, sondern nur einen Spezialauftrag auszuführen habe
- nämlich einen üblen Rabauken ordentlich die Leviten zu lesen.
Natürlich habe ich alle Hände voll zu tun, mit so einem Auftrag
fertigzuwerden, und ich habe die Sympathie des Publikums auf meiner
Seite, aber ich habe auch das Element der Spannung, das in einer Filmhandlung
unerläßlich ist. Man geht natürlich davon aus, dass
der Polizist den kürzeren zieht, und man ist äußerst
gespannt, wie ich meinem offensichtlich ungleichen Kampf mit dem Wüterich
Campbell abschneiden werde. Ein weiterer Kontrast besteht zwischen meinem
komischen Gang und den allgemeinen komischen Zwischenfällen - und
der herkömmlichen Vorstellung von der Würde, die ein uniformierter
Polizeibeamter ausstrahlen sollte.«
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The Adventurerwar Chaplins letzter Film für die Mutual, bevor er einen Fünfjahresvertrag
bei der First National unterzeichnete. In einem Artikel im merican
Magazine analysiert Chaplin selbst detailliert die Grundzüge
seiner Komik anhand einer Szene des Films:
»Meine Filme sind alle um die Idee herumgebaut, dass ich in Schwierigkeiten
gerate und damit die Chance bekomme, mich verzweifelt ernsthaft darum
zu bemühen, als normaler kleiner Herr zu erscheinen. Deshalb ist
es mir auch so wichtig, egal wie hoffnungslos meine Lage auch sein mag,
meinen Stock festzuhalten, meine Melone geradezurücken und meine
Krawatte zu richten, auch wenn ich gerade auf dem Kopf gelandet bin.
Ich bin mir in dem Punkt so sicher, dass ich nicht nur versuche, mich in peinliche
Situationen zu bringen, sondern auch bestrebt bin, die anderen Figuren
des Films mithineinzuziehen. Dabei bemühe ich mich stets, sparsam
mit den Mitteln umzugehen. Damit meine ich, wenn ich mit einem Ereignis
zwei große, getrennte Lacher erzielen kann, dann ist das viel
besser als zwei getrennte Ereignisse. In The Adventurer erreiche
ich dies, indem ich mich erst einmal auf einen Balkon setze und mit
einem Mädchen Eis esse. Direkt unter den Balkon platzierte ich
eine untersetzte, würdevolle, gutangezogene Dame an einen Tisch.
Beim Eisessen fällt mir dann ein Stück Eis von meinem Löffel,
rutscht durch meine weiten Hosen und fällt vom Balkon hinab in
den Nacken dieser Frau.
Der erste Lacher galt meiner Verlegenheit über mein eigenes Malheur,
der zweite und viel größere Lacher kam, als das Eis im Nacken
der Dame landete und sie kreischte und anfing herumzuhopsen. Es war
nur ein Ereignis, aber es brachte zwei Leute in Schwierigkeiten und
außerdem zwei große Lacher. So einfach dieser Kunstgriff
auch erscheinen mag, so macht er sich doch zwei Grundzüge der menschlichen
Natur zunutze. Zum einen bereitet es dem Durchschnittsmenschen stets
Vergnügen, wenn Wohlstand und Luxus in Schwierigkeiten geraten.
Zum andern hat der Mensch die Neigung, selbst unmittelbar nachzuempfinden,
was er auf der Bühne oder der Leinwand sieht. Daß es jedermann
befriedigt, wenn den Reichen übel mitgespielt wird, bekommt man
bei der Bühnenarbeit sehr schnell mit. Das liegt natürlich
daran, daß neun Zehntel der Menschen auf der Welt arm sind und
dem übrigen Zehntel den Wohlstand insgeheim neiden.
Wenn das Eis zum Beispiel einer Putzfrau in den Nacken gefallen wäre, dann hätte
das keinen Lacher ergeben, sondern Mitleid mit der Frau hervorgerufen.
Und weil eine Putzfrau keine Würde zu verlieren hat, wäre
diese Pointe auch nicht witzig gewesen. Wenn reichen Frauen Eis in den
Nacken fällt, bedeutet das dagegen für das Publikum, dass
die Reichen nur das bekommen, was sie verdienen«.
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Eric Campbell in The Adventurer (1917)
Für Eric Campbell, den unvergessenen Wüterich vieler Chaplin-Streifen, war The Adventurer der letzte Film seines Lebens. Am 20. Dezember 1917 fuhr der erst 37 Jahre alte gebürtige Schotte mit zwei jungen Frauen und einer Geschwindigkeit von über 100 km/h den Wilshire Boulevard entlang, als er an einer Kreuzung mit einem anderen Fahrzeug zusammenstieß. Campbell war sofort tot.
Keine andere Schauspielerin spielte so oft an Chaplins Seite wie Edna
Purviance. Sie war 1915 zu Essanay gekommen und spielte ihre erste Rolle
in Chaplins His Night Out. In den folgenden zwei Jahren waren
beide auch privat liiert und bis 1923 spielte Purviance über 20
Chaplin-Filmen. 1923 versuchte er sie zum Star zu machen, indem er ihr
die Hauptrolle in seinem Drama A Woman of Paris auf den Leib
schrieb. Der Film floppte - wohl auch, weil man von Chaplin eine Komödie
erwartet hatte. Obwohl er sie nie wieder in einer Hauptrolle besetzte,
zahlte Chaplin seiner treuesten Hauptdarstellerin bis zu ihrem Lebensende
eine regelmäßige Gage. Mehr zu Edna Purviance finden Sie
hier.
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Edna Purviance in The Immigrant (1917)
Mehr Infos zu Charles Chaplin finden Sie auf den Seiten der Chaplin Association oder auf der The Charlie Chaplin Museum Heritage Site.