Die Carmen von St. Pauli (D 1928)

Jenny Jugo in Die Carmen von t. Pauli(D 1928)
Dauer:
114 min
Regie:
Erich Waschneck
Darsteller:
  • Jenny Jugo
  • Willy Fritsch
  • Fritz Rasp
Musik & Ausführung:
Aljoscha Zimmermann Ensemble
35mm-Kopie:
Transit

Inhalt

Wie jede Version der bekannten Carmen-Geschichte dreht sich auch diese im Hamburger Hafenviertel statt im spanischen Sevilla angesiedelte Inszenierung um einen jungen, aufrechten Mann der einer Frau von zweifelhaftem Ruf und noch zweifelhafterer Profession verfällt und nach kurzem Glück schließlich alles verliert. In diesem Fall beginnt die Geschichte mit dem jungen Bootsmaat Klaus, gespielt vom Saubermann Willy Fritsch, glücklich verlobt und kurz davor, befördert zu werden. In seiner letzten Nachtwache vor dem beruflichen Aufstieg ertappt er die junge Diebin Jenny auf frischer Tat. Doch statt sie direkt zu melden, lügt er für sie. Er glaubt ihrer unschuldigen Facade, fühlt sich als Beschützer und wird dadurch in ein Netz aus Betrug, weiteren Lügen und schließlich den Verbrechen der Hamburger Unterwelt gezogen. Die Frau, die an seiner Seite so überzeugend unberechnend und unberechenbar zugleich agiert ist Jenny Jugo, deren Spiel derFilm-Kurier zur Uraufführung folgendermaßen beschreibt: »Sie hat den größten Erfolg in ihrer bisherigen Karriere. Selbst da, wo der böse deutsche Zensor ein paar wichtige Übergänge aus ihrer Rolle schneidet: ihr Fluidum wirkt; als Schiffsjunge, als Nuttchen, als liebende Frau mit immer ansprechenden Nuancen. Sie beherrscht das Körperspiel und bringt die erotische Lockung in den Film. Sie kennt ihre Wirkung, vom Haarringel bis zum Zehenstubs und man glaubt es dieser Carmen, dass sie den harten Seemännern gefährlich wird.«

Jenny Jugo in Die Carmen von t. Pauli(D 1928)

In der Tat ging die deutsche Zensur mitCarmen von St. Pauli nicht gerade zimperlich um. Weder die Darstellung einer von der Polizei beinahe unbehelligt agierenden Verbrecherbande noch die losen Moralvorstellungen der weiblichen Hauptfigur Jenny entsprachen dem „sittlichem Empfinden“ der Filmprüfstelle. Zwar endet Carmen von St. Pauli anders als die literarische Vorlage mit einem versöhnlichen Happy End, in dem Moral und Gerechtigkeit wieder hergestellt werden, dennoch wurde der Film zunächst verboten. Erst nachdem zahlreiche Szenen herausgeschnitten waren, konnte der Film - immerhin noch mit einem Jugendverbot belegt - in die deutschen Kinos kommen.

Zensur

Carmen von St. Pauli wurden mehrere Male den Filmprüfstellen vorgelegt, die jeweils auch unterschiedliche Szenen zu beanstanden hatten. Die Vorlage bei der Filmprüfstelle Berlin B führte am 25.07.1928 beispielsweise zu folgendem Urteil:
»Folgende Teile sind verboten: 1. Klaus küsste Jenny auf die Brust und betastet ihren Körper, worauf er sie auf das Sofa legen will ... 4. Jenny zieht sich einen Schuh aus und berührt mit Ihrem Fuss den Fuss des Klaus.«
Als Entscheidungsgründe führt die Prüfstelle unter anderem an, dass „die verbotenen Szenen geeignet sind, anstössig zu wirken und das sittliche Empfinden zu verletzen, das sittliche Denken und Fühlen zu verflachen und somit entsittlichend zu wirken.“ Auf eine Beschwerde bezüglich der Zulassung „mit Ausschnitten“ reagiert die Oberprüfstelle mit der Aufforderung an die Filmemacher weitere Szenen zu entfernen, darunter: »Ein Mädchen wirft sich dem neben ihm stehenden Mann auf den Schoß, worauf beide sich küssen ... ein Mädchen in Unterkleidern betritt ein Zimmer, in dem ein Mann auf dem Bett liegt und setzt sich zu ihm, sowie die ganze folgende Kußszene (nicht nur das im Vorurteil verbotene Umsinken der Liebenden) ...« Jenny Jugo in Die Carmen von t. Pauli(D 1928)

Trotz der teilweise drastischen Kürzung des Originalmaterials hatCarmen von St. Pauli weder an Tempo noch an Attraktivität verloren. Jenny Jugo vermittelt weiterhin die sorglose und dennoch destruktive Aura des leichten Mädchens, einer modernen Carmen, in den wilden Zwanzigern. Der zweite Hauptdarsteller ist dabei ohne Zweifel die Stadt Hamburg und sein Vergnügnungsviertel am Hafen. Selbst bei der Aufführung des Films in Südafrika blieb das niemanden verborgen und so fasste ein Rezensent vor Ort den Reiz des Films folgendermaßen zusammen: »Die Handlung findet in Hamburg statt - Reisenden bekannt als die verruchteste Stadt der Welt.«