Rahmenhandlung: Der Hof einer Irrenanstalt. Francis erzählt einem
anderen Insassen seine Geschichte, die Geschichte seiner Krankheit. Rückblende:
Jahrmarkt in einer Kleinstadt. Karussells und Schaubuden. Unter ihnen
die Schaubude des Dr. Caligari - klein, bebrillt, unheimlich wirkend -
und seines Mediums, des Schlafwandlers und hypnotischen Versuchsobjektes
Cesare. Beim Einholen einer behördlichen Vorführerlaubnis auf
dem Rathaus wird Caligari von einem subalternen Beamten gedemütigt.
Am anderen Morgen findet man den Beamten ermordet auf. Zwei Studenten,
Francis und Alan, beide verliebt in die Arzttochter Jane, besuchen Caligaris
Zelt. Sie sehen Cesare aus einem aufrecht stehenden sargähnlichen
Behältnis heraustreten. Caligari preist die visionären prophetischen
Kräfte seines Mediums. Als Alan den Somnambulen fragt, wie lange
er noch leben werde, wird ihm die Antwort zuteil: »Bis zum Morgengrauen«.
Am Morgen ist Alan einem ähnlich mysteriösen Verbrechen zum
Opfer gefallen wie zuvor der Beamte. Francis verdächtigt Caligari.
Aber eine Untersuchung wird durch die Festnahme eines Verbrechers gestört,
den man jetzt auch des Doppelmordes anklagt. Doch Francis glaubt nach
wie vor an eine Schuld des geheimnisvollen Doktors. Nachts umschleicht
er den Wohnwagen.
Während er, von einer Puppenimitation getäuscht, Cesare in seinem
Kasten wähnt, bricht dieser in Janes Schlafzimmer ein und schleppt
das ohnmächtige Mädchen über die Dächer und durch
die Gassen der Stadt. Verfolgt, muss er schließlich seine Beute
preisgeben. Den hypnotischen Kräften seines Meisters entzogen, geht
er zugrunde. Eine Durchsuchung von Caligaris Wagen macht die Zusammenhänge
deutlich. Caligari flüchtet und findet Unterschlupf in einer Irrenanstalt.
Francis ist ihm gefolgt, lässt sich beim Direktor der Anstalt melden
und muss vor Schreck erkennen: Caligari und dieser sind identisch. Nachts
durchsuchen Francis und der von ihm eingeweihte Arzte der Anstalt das
Arbeitszimmer des schlafenden Direktors. Dabei finden sie überzeugende
Schuldbeweise. Den Ausschlag gibt eine Kladde aus dem 18.Jahrhundert,
worin von einem italienischen Schausteller namens Caligari berichtet wird,
der sein Medium zahlreiche Morde im Trancezustand begehen ließ.
Notizen des Direktors bezeugen seine Faszination durch diese obskure Gestalt
(»Du musst Caligari werden«). Er wurde schließlich selbst
Caligari und wiederholte dessen »Experimente«. Der so entlarvte
Direktor wird mit der Leiche Cesares konfrontiert und verfällt in
Tobsucht. Irrenwärter stecken ihn in eine Zwangsjacke. Schluss der
Rahmenhandlung: Francis greift den auf dem Hof der Anstalt erscheinenden
Direktor an. Der Arzt er kennt so das Trauma seines Patienten. Er wird
ihn heilen können.
Der Caligari wurde, wie vielleicht kein anderer Film während jener Epoche, ein Ausdruck seiner Zeit, ein Kunstwerk der Reflexion über Krieg und Nachkriegszeit. Ausgangspunkt und Hintergrund der irreal verschlüsselten Fabel waren persönliche Traumata der Autoren: die Konfrontation mit einem Sexualmord, die Begegnung mit Militärärzten, der Weltkrieg, der Tod einer befreundeten Schauspielerin.
»Der Druck von vier Jahren Weltkrieg«, schrieb Hans Janowitz, »der noch
frisch in unserem Geist, in unseren Herzen, ja selbst in unseren Gliedern
war. Eine Staatsautorität, die sich auf uns berief und uns zwang,
an einem unsinnigen Krieg teilzunehmen, liegt außerhalb der Vernunft.
Das wurde in unserem Film durch den alten Professor, den großen
Psychiater, den berühmten und geachteten Direktor der Irrenanstalt,
charakterisiert, der sich selbst in Dr. Caligari, den Mörder, verwandelte
... Er ist die personifizierte Autorität...«
Fabel und Gestaltung wurden zum grotesk verformten Spiegel der geistigen Nachkriegssituation
der künstlerischen Intelligenz, zum Ausdruck ihres Krisenbewusstseins:
Verzweiflung und Auflehnung, das Gefühl der Brüchigkeit überkommener
Werte, der Protest gegen eine Wirklichkeit, die aus den Gleisen geraten
war. »Cesare, das Werkzeug, das für die unterjochte Armee wehrpflichtiger
Rekruten stehen sollte, war nicht schuldig«, so Hans Janowitz. »Schuldig
war Dr. Caligari, der die autoritative Macht verkörpern sollte.«
- Kracauer sah in der Caligari-Figur eine prophetische Vorwegnahme Hitlers:
»Caligari ist sogar ein ganz besonderer Vorläufer, in dem Sinne
nämlich, dass auch er hypnotische Gewalt anwandte, um menschlichen
Werkzeugen seinen Willen aufzuzwingen ... Wie die Hitlerwelt, so war auch
die des Caligari bis zum Rande angefüllt mit düsteren Untergangsahnungen
und Gewalttaten ...« Der ekstatische Schrei des Caligari, der verschlüsselte
Protest gegen eine »an sich schlechte Welt« nahm die Züge
eines unentrinnbaren Alptraums an, voller Grauen und Todesangst.
Allerdings wurde die expressionistische Auflehnung auf seltsame Weise
im Film zurückgenommen. Die Originalfabel der Autoren schloss mit
einem Sieg der Vernunft: Caligari wird in eine Zwangsjacke gesteckt. Der
gegen Willen und Protest hinzugegebene Rahmen (eine Idee des ursprünglich
als Regisseur vorgesehenen Fritz Lang) nahm diese Haltung zurück:
Der Schluss lässt alle Geschehnisse des Films als Ausgeburt der Kranken
Phantasie eines Irren erscheinen. Die Auflehnung beruht auf irrigen Voraussetzungen.
Die Autorität, die Macht, sie sind im Grunde gut. Die expressionistische
Szenerie auch in der Rahmenhandlung beließ allerdings ein Gefühl
der Zweideutigkeit. Es blieb ein Moment des Ungewissen, der Verunsicherung.
In der Fachzeitschrift »Der Film« formulierte ein Kritiker die ästhetische Ausnahmestellung des Caligari-Films: »Der erste expressionistische Film. Aber das ist ein Schlagwort: Nicht der Film ist expressionistisch, sondern seine Aufmachung, seine Architektur und Dekoration, die versinnbildlichte Situation geworden ist ...« Die Caligari-Autoren hatten Alfred Kubin für die Ausstattung vorgeschlagen. Kubin lehnte ab. So erhielten Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm den Auftrag. Reimann schlug vor, den Film expressionistisch zu gestalten. Warm prägte die Formel: »Das Filmbild muss Graphik werden!« Film als verlebendigte Zeichnung, eine »ornamentale Gefühlslandschaft«, wie Kracauer sie nannte. Parallelen des gemalten Caligari-Universums wurden vor allem deutlich zu den Bildern Lyonel Feiningers (zu seinen visionären Städten, den durch Linien, Flächen, Kuben intensivierten Spannungen und Widersprüchen) und Ernst Ludwig Kirchners Welt der Moritaten und des Panoptikums. - »Die Geschichte des expressionistischen Films in Deutschland«, schrieb Rudolf Kurtz, »ist die Geschichte einer Reihe von Wiederholungen. Der Anfang ist nicht übertroffen worden ...« - der Anfang war Das Cabinet des Dr. Caligari.