Am Anfang war der Überfall –Filmschätze aus dem BFI (GB, F, USA 1900 – 10)
- Dauer:
- insgesamt ca. 60 min
- Musik & Ausführung:
- Yogo Pausch
- 35mm-Kopie:
- British Film Institute
Früher Stummfilm
Die frühe Phase des Stummfilms ist heute noch immer weitgehend vergessen – dabei finden sich hier Juwelen, deren Einfallsreichtum, Fabulierfreude und Kreativität zum Teil weit über das hinausgehen, was bekanntere Filme in den 20er Jahren wieder aufnehmen. Unser Kurzfilmprogramm nimmt Sie mit auf eine Entdeckungsreise der besonderen Art: Unter dem Motto „Am Anfang war der Überfall“ widmen wir uns wilden Verfolgungsjagden, widerspenstigen Automobilen, skrupellosen Verbrechern, Spionen, entführten Kleinkindern und – Hunden.
In den Jahren zwischen 1900 und 1910 machte der Film einige entscheidende Veränderungen durch, die sich auch in unserem Programm widerspiegeln: der Film erlebte seinen Aufstieg von der Varieté- und Jahrmarktsnummer zur eigenständigen Kunstform, die verstärkt ab 1905 auch endlich ein eigenes Zuhause hatte: das ortsfeste Kino! Damit stiegen natürlich auch die Ansprüche an das neue Medium: die Filme mussten nun länger werden, komplexere Geschichten erzählen und ausgefeilter inszeniert werden. In dieser Zeit löst der Spielfilm den dokumentarischen Film als bevorzugte Gattung ab. Schnitte verbinden nun einzelne Szenen und Orte innerhalb eines Films, das Tempo steigt – und was würde sich dafür besser eigenen als Gangster und Verbrecher, die sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, Jägern, Ladenbesitzern (und Hunden) liefern. Und mit ihm der Einfallsreichtum der Filmemacher: mit großer Freude (und großem Erfolg) werden Filmtricks erprobt und präsentiert, immer ausgefallenere Sujets buhlen um die Gunst des filmbegeisterten Publikums, das in Massen in die neuen Kinos und Nickelodeons strömt.
StummFilmMusikTage präsentieren eine Auswahl dieses überraschend frischen frühen Films, das aus Filmen des British Film Institutes zusammengestellt wurde. Eine filmwissenschaftliche Einführung in die einzelnen Programmblöcke wird diese unterhaltsame Entdeckungsreise rahmen.
Programm
- How It Feels to Be Run Over, GB 1900, 0:50 min, Regie: Cecil Hepworth
- How It Feels to Be Run Over beruht auf einer einfachen Prämisse: er möchte das Gefühl, das der Titel beschreibt, visuell erfahrbar machen. Das Ganze ist mit einer ordentlichen Portion Augenzwinkern inszeniert. Dies ist übrigens der erste bekannte Film, der einen Zwischentitel benutzt, der damals vermutlich direkt ins Zelluloid gekratzt wurde. Die daraus entstehende zittrige Optik ist einer der wenigen Versuche, einen subjektiven geistigen Zustand anders erfahrbar zu machen als durch subjektive Kameraeinstellungen.
Explosion of a Motorcar, GB 1900, 1:30 min, Regie: Cecil Hepworth
- Das Automobil spielt auch in Hepworth’ zweiten Film dieses Programms eine entscheidende Rolle. In einem der bemerkenswertesten Trickfilme der Zeit werden erstmals die Gesetze der Physik für komische Effekte genutzt. Aus ungeklärter Ursache explodiert ein Wagen und ein zufällig herumstehender Polizist hat seine liebe Mühe, die vom Himmel regnenden Körperteile der Insassen zu fangen und zu ordnen… Explosion of a Motorcar war einer der ersten britischen Filme, die sich die von Georges Méliès entwickelte Trickfotografie zu eigen machte, bei der ein einziger ‚Schnitt’ (genau genommen das kurze Anhalten der Kamera während Schauspieler durch Puppen ersetzt wurden) ausreicht, um die Realität zu verändern. Eine schwarze Komödie der besonderen Art.
- Stop Thief!, GB 1901, 1:30 min, Regie: James Williamson
- Auch James Williamson produzierte 1901 überwiegend Trickfilme. Mit Stop Thief! entwickelt er jedoch das filmische Vokabular seiner Zeit auf unterhaltsame Art entscheidend weiter: er inszenierte eine der weltweit ersten Verfolgungsjagden des Kinos: in drei aufeinander folgenden Szenen entwickelt er eine temporeiche Geschichte, die mit einer visuellen Pointe endet.
- Histoire d‘un crime, F 1901, 4:30 min, Regie: Ferdinand Zecca
- In Frankreich arbeitete derweil Ferdinand Zecca als Produktionsleiter der Firma Pathé in Vincennes. Seine Geschichte eines Verbrechens versetzte das zeitgenössische Publikum in Erstaunen. Ein Verbrecher träumt in seiner Zelle von den Ereignissen, die ihn in seine missliche Lage gebracht haben. Dabei inszeniert Zecca diesen Rückblick als Bild im Bild - ohne sein mit einer solchen Technik noch nicht vertrautes Publikum zu verwirren - und schafft damit eine Grundlage für spätere Parallelmontagen. Sein technisches und erzählerisches Raffinement machten den Film zu einem der international erfolgreichsten seiner Zeit.
- Daring Daylight Burglary, GB 1903, 4 min, Regie: Frank Mottershaw
- Zwei Jahre später machte sich die Sheffield Photo Company mit temporeichen Thrillern und Verfolgungsjagden weltweit einen Namen. Der erste Film dieser Serie ist Daring Daylight Burglary, der für eine Summe von £ 25 an drei Tagen abgedreht wurde und dessen Rechte für £ 50 verkauft wurden. Der Film war international außerordentlich erfolgreich: zwischen 500 und 600 Kopien wurden verkauft – inklusive einer Bestellung von 100 Kopien alleine für die USA, wo der Film ausgiebig kopiert wurde. Zusammen mit seinem ‚Nachfolger’ Desperate Poaching Affray gilt er als einer der wichtigsten Einflüsse auf PortersThe Great Train Robbery.
- Desperate Poaching Affray, GB 1903, 3 min, Regie: Walter Haggar
- Auch Walter Haggar ließ sich im selben Jahr vom Erfolg des Mottershaw-Films inspirieren und schuf mit Desperate Poaching Affray eines der frühen Meisterwerke des Verfolgungsfilms. Haggar schneidet ungewöhnlich flüssig auf die Bewegung der durch das Filmbild hastenden Protagonisten und er schwenkt die Kamera, um den Eindruck von Geschwindigkeit zu erhöhen.
- The Great Train Robbery, USA 1903, 10 min, Regie: Edwin S. Porter
- Inspiriert vom großen Erfolg seiner britischen Vorgänger, erschafft Edward S. Porter mit The Great Train Robbery der ersten amerikanischen Action-Thriller der Filmgeschichte. »Porter [benutzt hier] die Montage zur Konstruktion einer gradlinigen, an mehreren Schauplätzen spielenden Handlung, deren realer Ablauf länger dauert als die Filmzeit. Dabei erkennt er bereits, daß der Schnitt ihm viele Umständlichkeiten des Erzählens spart; Porter arbeitet mit sinnvollen Verkürzungen und schafft sich dabei auch nebenbei Raum für den raffiniert eingebauten retardierenden Moment der Tanzhallen-Szene, des Western-Augenblicks des Atemholens und des Ausruhens im Milieu, mit komischem Zwischenspiel.«M (Hembus, Das Westernlexikon, 289).
Seine berühmteste Einstellung (der ins Publikum feuernde George Barnes) wurde zum Markenzeichen des Films und konnte als Erkennungszeichen beliebig als erstes oder letztes Bild der Aufführung gezeigt werden.
- Rescued by Rover, GB 1905, 6 min, Regie: Lewin Fitzhamon, C.M. Hepworth
- Eine ganz andere Figur betritt 1905 die Leinwand: Rover, der erste tierische Held der Filmgeschichte: Die Geschichte liest sich nicht sonderlich originell: ein entführtes Baby wird vom treuen Familienhund gerettet, doch mit einem minimalen Budget von sieben Pfund, dreizehn Shilling und Sixpence schuf Produzent Hepworth einen epochalen Film: obwohl die meisten Filme inzwischen mit mehreren Einstellungen und Montage arbeiteten, so bestanden sie doch weiterhin vor allem aus einzelnen ‚Nummern’, die aneinandergereiht wurden. Rescued by Rover hingegen nutzt kurze
Sequenzen als Puzzleteile eines größeren Ganzen und schafft damit ‚wahres’ Kino.
Selbst der Familienhund der Hepworth, der sich hier als würdiger Vorläufer Lassies erweist, erhält durch den cleveren Schnitt des Films ‚Charakter’. Dieser Film war so erfolgreich, dass er noch zweimal Einstellung für Einstellung nachgedreht werden musste, weil das Originalnegativ bald zu verschlissen war, um neue Kopien zu erstellen. Sowohl seine Machart als auch der tierische Held waren äußerst einflussreich für den weiteren Verlauf der Filmgeschichte – D.W. Griffith lernte hier so einiges über Parallelmontage und Rin Tin Tin, Fury und Lassie wären ohne Rover undenkbar.
- £100 Reward, GB 1908, 6 min, Regie: James Williamson
- £100 Reward ist ein solcher von Rover inspirierter Film und der einzig erhaltene einer Hunde-Trilogie der James Williamson Company, der drei Jahre nach Rover entstand. Die Geschichte bewegt sich auf vertrautem Terrain, doch die Ausführung ist komplex und voller Höhepunkte, inklusive einer Verfolgungsjagd mit anschließendem Kampf, Suspense und einem liebenswerten Hund.
- Peril of the Fleet, GB 1909, 8 min, Regie: S. Wormald
- Peril of the Fleet war der erste britische Spionagefilm und wurde als „Sensationsgeschichte“ rezipiert. Die Produktionsgesellschaft machte sich 1909 den Umstand zunutze, dass die britische Flotte gerade in Spithead lag und drehte in Rekordzeit eine Geschichte um ausländische Spione, die die Flotte zerstören wollen. Alle Versatzstücke des Genre sind hier bereits angelegt: die ausländischen Spione tragen Bärte als Verkleidung und werden von einem beherzten Amateur-Detektiv gestoppt. In letzter Minute rettet er die Flotte und bewahrt Großbritannien vor einer Invasion.
Ironischerweise besitzt die einzige überlebende Kopie des Films deutsche Zwischentitel. Deutschland galt als Großbritanniens erbittertster Rivale um die Vorherrschaft auf See, doch der Filmgesellschaft gingen die internationalen Verdienst-möglichkeiten offenbar vor patrio-tischen Spitzfindigkeiten und so wurde der Film auch in Deutschland vertrieben. Erst zu Beginn des ersten Weltkriegs wurden die Spione, von denen es im Kino wimmelte, klar als Deutsche benannt.