Die StummFilmMusikTage zeigten diesen Film 2005 im Rahmen der Veranstaltung La Grande Tristesse – StummFilmKonzert und Chansons
Madame Beudet lebt ein stilles Leben in einer französischen Provinzstadt,
zurückgezogen in die Welt ihrer Gedanken. Ihre Ehe lässt kaum
Raum für eigene Wünsche und Bedürfnisse. Allerdings hat
ihr Mann einen merkwürdigen Sinn für Humor. In der Schreibtischschublade
versteckt er einen ungeladenen Revolver, den er sich ab und zu an den
Kopf hält, wenn er seine Frau erschrecken will. Madame Beudet erträgt
diese Provokation nicht mehr und steckt eine Patrone in das Waffenmagazin;
dann wartet sie den tödlichen Schuss ab. In letzter Sekunde entlädt
sie den Revolver. Ihr Mann erkennt, wie sehr sie unter ihm gelitten hat,
und gelobt, sich zu bessern. Und wieder folgt die schweigsame Madame Beudet
ihrem Mann über die leeren Strassen der kleinen Provinzstadt.
Mit La Souriante
Mme. Beudet hat Germaine Dulac einen der ersten feministischen Filme
der internationalen Filmgeschichte geschaffen: die Geschichte ist subjektiv
aus der Perspektive der introvertierten Madame Beudet erzählt - in
ruhig komponierten Bildern, beobachtend und immer auf der Suche nach ‚sprechenden'
Details im Alltag der Protagonistin. Germaine Dulac verbindet Erzähltechniken
des französischen impressionistischen Kinos mit dem Versuch, Innenwelten
und Sehnsüchte einer jungen Frau darzustellen. Dafür setzt sie
elaborierte visuelle Mittel ein, die sie als Vertreterin der französischen
Kino-Avantgarde auszeichnen, und bricht lineare Erzählfolgen. Der
Film changiert zwischen Traum und Wirklichkeit, Vision und Erinnerung,
Melodram und Sozialkritik. Entstanden ist ein kleines Meisterwerk, das
unglaublich modern und zeitlos wirkt - quasi im Schnittpunkt von Virginia
Woolf und Geschichten aus dem Alltag à la Claude Chabrol oder Luis
Bunuel.
»Durch
das stilbewußte Experimentieren mit einer Fülle filmischer
Techniken - die von Überblendungen, die Handlung durchsetzenden
Abblenden, dem Einsatz von Weichzeichner, Doppel- und Mehrfachbelichtung
bis hin zu Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen, beschleunigter Montage,
dramatischen Lichteffekten, Bildmaskierungen, Zerrlinsen und anderen
Manipulationen reichen, baut sie visuell eine äußerst dynamische
Stimmung auf, um Mme. Beudets Welt der Imagination darzustellen.
Dieses Mal standen
die Mittel der Suggestion allerdings nicht mehr ausschließlich im
Dienste der Entwicklung der Figuren; sie wurden selbst zum Ornament der
poetischen Textur des Films. Damit bewegte sich Dulac weg von der Vorstellung
eines Kinos, das an narrative Kausalzusammenhänge gebunden ist, hin
zu einer mehr abstrakten Idee von Film, die sich mit dem Wesen des Mediums
und seinen Spezifika befaßt. Und es ist kein Zufall, daß dieses
besondere Unterfangen im Bewußtsein einer weiblichen Figur seinen
Ausdruck findet. Als sie von ihrer Arbeit an dem Film spricht, sagt Dulac:
‚Ich stellte fest, daß das Kino seinen Weg zunehmend in der
rhythmischen Gegenüberstellung der Bilder fand, mehr als im Spiel
der Darsteller, denn die darstellende Kunst wurde mit diesen neuen Methoden
zur Kunst, sich selbst in der Bewegungslosigkeit Ausdruck zu verleihen.'
In dieser Formulierung liegt die Betonung auf dem Schnitt bei der Herstellung
von Bedeutung, da Dulac hier die Signifikanz, die sich aus der Beziehung
zwischen den Aufnahmen ergibt, erkannt hat.« (Flitterman-Lewis, 55f.)
Eine erstklassige Schauspielerin [...] fragte mich während der Dreharbeiten zu La Souriante Mme. Beudet »Sie sagen mir immer, daß ich einen zu intensiven Ausdruck habe, warum?" Und ich antwortete ihr: "Denken Sie nur, empfinden Sie, ohne daß ein Muskel Ihres Gesichtes sich regt, und Sie werden sehen, daß Ihr Spiel, vereint mit dem Rhythmus Ihrer Gedanken, genau das richtige Maß der zu äußernden Gefühle zeigen wird.«