Berlin – Sinfonie der Großstadt (D 1927)

Dauer:
70 min
Regie:
Walther Ruttmann
Drehbuch:
Kamera:
  • Karl Freund
  • Reimar Kuntze
  • Robert Baberske
  • Laszfo Schäffer
Musik:
Edmund Meisel
Ausführung:
ensemble KONTRASTE
Leitung:
Mark–Andreas Schlingensiepen
Filmstill Berlin – Sinfonie der Großstadt (D 1927)

Inhalt

Der Eisbär gähnt im Zoo. Mannequins probieren Kleidung an, eine Frau stürzt sich ins Wasser, eine Dirne geht auf den Strich, eine alte Frau bettelt, ein Hochzeitspaar tritt aus der Kirche.

Ruttmann selbst hat den Film als Bruch und zugleich als Kontinuität mit seinem bisherigen Schaffen beschrieben. Als Bruch: statt wie bisher reine ornamentale Formen in Bewegung zu setzen, werden in der Sinfonie der Großstadt jedem bekannte und alltägliche Dinge städtischen Lebens dramatisiert; als Kontinuität: die rhythmischen und dynamischen Gesetzmäßigkeiten des Films, die in den abstrakten Filmen erforscht und dargelegt wurden, gelten auch hier. Die Kamera selbst wird relativ konservativ gehandhabt (Schwenks und Fahrten sind äußerst selten, die Kamera bleibt meist die passive Kamera des Tricktisches); der Eindruck der Bewegung und des Tempos verdankt sich Ruttmanns ausgefeilter Schnitt- und Montagetechnik. Erinnert sei daran, wie er es sieht, wenn zum Feierabend die Kontore und Warenhäuser schließen: über Dutzende von Filmmetern hinweg treten die unterschiedlichsten Gegenstände in Aktion, werden wiederholt verschlossen, zugeklappt oder zugeklinkt.

Zur Musik

Ruttmans Filme entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten. Im Berlin-Film richtete sich der Regisseur mehrmals in Reihenfolge und Schnitt der Bildfolgen nach dem Aufbau der sinfonischen Begleitmusik.

»Ich habe mich bemüht, mit möglichst großer Objektivität den Rhythmus und die Melodie jedes Vorgangs dieses schon an sich musikalischen Films aufzuschreiben. Die Sinfonie zerfällt im wesentlichen in folgende Teile: Aus der wellenförmigen. periodischen Urform entsteht in maschinellem Rhythmus das Leitmotiv BERLIN, das sich als Versinnbildlichung des Panoramas zum Bläserchoral erweitert - Viertelton-Akkorde der schlafenden Stadt - Arbeitsmarsch - Maschinenrhythmus - Bürorhythmus - Kontrapunkt des Potsdamer Platzes - Mittagschoral der Großstadt - Verkehrsfuge - Steigerung aller Großstadtgeräusche in kontrapunktischer Durchführung der Hauptthemen zur Schlußfermate BERLIN.«
(Edmund Meisel)

Anders als in den frühen Stummfilm-Begleitungen, bei denen ein Pianist mit Hilfe eines Repertoires musikalischer Formeln und Stimmungsmusiken bei der Vorführung möglichst rasch auf die wechselnden Filmszenen und deren Ausdrucksgehalt zu reagieren hatte, entsteht bei Ruttman die Musik als durchkomponiertes Werk während der Dreharbeiten.

»Zu diesem neuartigen vom jüngsten Zeitgeist erfüllten Film eine aus dem heutigen täglichen Leben geborene, ernst und eifrig uns allen nachempfundene Lautbarmachung zu schreiben, habe ich als meine Aufgabe betrachtet. Wenn Sie Ihre täglichen Eindrücke erkennen in meiner Wiedergabe, wenn ihre Nerven mitschwingen im Rhythmus meiner Musik, kann ich meine Aufgabe als gelöst betrachten.«
(Edmund Meisel)