Anders als die Andern: Sozialhygienisches Filmwerk (D 1919)

Dauer:
41 min
Regie:
Richard Oswald
Drehbuch:
  • Richard Oswald
  • Magnus Hirschfeld
Kamera:
Max Fassbender
Darsteller:
  • Conrad Veidt
  • Fritz Schulz
  • Reinhold Schünzel
  • Magnus Hirschfeld
  • u.a.
Musik:
Bernd Schultheis
Ausführung:
ensemble KONTRASTE
Filmkopie:
Filmmuseum München
Filmstill Anders als die Andern: Sozialhygienisches Filmwerk (D 1919)Inhalt

Zentrales Thema des Films ist die Debatte um § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellt. Anders als die Andern beschreibt den » tragischen Lebenslauf eines homosexuellen Opfers eines Erpressers, wie er nur im Konflikt mit dem Strafgesetzbuch möglich war« (ZT). Bereits als Jugendlicher gerät Paul Körner (Conrad Veidt) in Schwierigkeiten, da er sich zu seinem besten Freund hingezogen fühlt. Als dies entdeckt wird, muß er das Internat verlassen und beginnt ein zurückgezogenes Leben als Violinvirtuose. Als er seinen junger Bewunderer Kurt Sivers (Fritz Schulz) als Lieblingsschüler und Geliebten aufnimmt, scheinen Einsamkeit und Isolation überwunden. Doch bald wird Paul vom zwielichtigen Franz Bollek (Reinhold Schünzel) wegen seiner Homosexualität erpresst, nachdem er diesem Geld für eine Liebesnacht geboten hatte. Verzweifelt sieht er vor seinem geistigen Auge den Zug seiner »unglücklichen Schicksalsgenossen« aus vergangenen Zeiten vorüberziehen. Er konsultiert einen Sexualforscher (Magnus Hirschfeld), der ihn aufklärt, dass Homosexualität eine »reine und edle« Veranlagung darstellen könne, die darüberhinaus naturgegeben sei.

Als Körner seinen Erpreser schließlich anzeigt, wird er selbst zu einer Haftstrafe verurteilt. Von nun an ist er gesellschaftlich geächtet, sein Liebhaber hat ihn nach Bolleks Demütigungen verlassen. Ruiniert und vereinsamt nimmt sich Paul das Leben. Der Film endet mit einem Appell Hirschfelds, in dem er sein Publikum bittet zu helfen, solche Tragödien in Zukunft unmöglich zu machen. Die letzte Einstellung zeigt den jungen Kurt Sivers, dessen Hand den § 175 aus dem Gesetzbuch wischt (nicht erhaltene Szene)

Der Fall Anders als die Andern

Das Ende des ersten Weltkriegs bedeutete in Deutschland zugleich auch ein Ende der staatlichen Filmzensur. Der Bedarf nach spektakulären Themen und riskanten Darstellungen ließ den Markt für sog. Sittenfilme boomen. Prostitution, Geschlechtskrankheiten und Drogenmißbrauch waren beliebte Sujets solcher Aufklärungsfilme. In diesem liberalen Klima konnte zunächst auch Anders als die Andern, der als erster Schwulenfilm Deutschlands gilt, veröffentlicht werden. Sein Regisseur Richard Oswald und der am Drehbuch beteiligte Hirschfeld verstanden ihn als Anklage gegen den berüchtigten § 175, der unbescholtene Bürger kriminalisierte und häufig in den Ruin oder Selbstmord trieb.

Magnus Hirschfeld, berühmter Sexualforscher und Verfechter einer Linie, die Homosexualität als Naturveranlagung verstand, die nicht bestraft werden könne, hatte bereits 1897 vor dem Reichstag für eine Abschaffung des Paragraphen plädiert. In Anders als die Andern tritt er nun selbst vor die Kamera und legt seine Ansichten dar, die durch das tragische Schicksal Paul Körners dramatisch unterstrichen werden.
Der Film wird ein kommerzieller Erfolg, nicht zuletzt wegen der Kontroversen, die seine Aufführung begleiten. 1920 wird jedoch die staatliche Filmzensur wieder eingeführt und der Film verboten. Zur Begründung heißt es, man versuche «aus Gründen der Volkserhaltung eine Beeinflussung gleichgeschlechtlicher Neigungen zu verhindern». Die Vorführung ist von nun an nur noch vor einem Publikum aus »Ärzten und Medizinalbeflissenen« gestattet, unter ihnen auch Hirschfeld, der den Film an seinem Berliner Institut für Sexualforschung zeigt.

1927 ist es wiederum Hirschfeld, der den Film der Öffentlichkeit zugänglich zu machen versucht. Er kürzt den Film von 90 auf 40 min und fügt ihn unter dem Titel »Schuldlos geächtet: Tragödie eines Homosexuellen« als Schlußepisode in seinen Aufklärungsfilm Gesetze der Liebe ein. Im Oktober desselben Jahres wird auch dieser Film verboten. Die Film-Oberprüfstelle erklärt in ihrem Urteil, die »homosexuelle Propaganda [sei] insbesondere mit Rücksicht auf die heranwachsende Jugend und die Möglichkeit, schlummerndes Sexualempfinden auf die Homosexualität abzuleiten [...] geeignet, die Volksgesundheit zu schädigen.« Erst nach Kürzung der Episode wird der Streifen wieder freigegeben.

1933 schließlich wird Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft von den Nazis geschlossen, die im Institut gelagerten Kopien des Films zerstört. Die Kartei seiner Patienten und Unterstützer wird zur Todesliste vieler Homosexueller im Dritten Reich. Hirschfeld kehrt nach einem Aufenthalt in der Schweiz nie mehr nach Deutschland zurück, Regisseur Richard Oswald, Conrad Veidt und Reinhold Schünzel emigrieren ebenfalls in den folgenden Jahren. Der § 175 bleibt bis ins Jahr 1964 unverändert bestehen und erst 1994 endgültig abgeschafft.
Lange Zeit galt Anders als die Andern als verschollen, bis 1979 eine ukrainische Exportkopie von Gesetze der Liebe gefunden wurde, in der »Schuldlos geächtet« noch enthalten war. Dieses 40-minütige Fragment ist die einzige Version des ersten deutschen Schwulenfilms, die heute erhalten ist.

Die Musik

Bernd Schultheis schrieb zu der fragmentarisch überlieferten Studie Anders als die Andern, der Schilderung eines Lebens in sozialer Diskriminierung, eine Musik, die äußerst subtil Gefühlszustände artikuliert und die in ihrer Modernität das zeitkritische Engagement von Richard Oswald unterstreicht. Geschrieben für eine Trio-Besetzung (Klavier, Geige und Horn), ist es konkreter Klang von sachlich distanziertem Gestus, der die Figuren auf ihren Schicksalsbahnen begleitet, sie charakterisiert und ihnen alles Klischeehafte der Grundkonstellation nimmt. Ein Film, der allgemein nur als sozialpolitisches Dokument Erwähnung findet, wird durch diese Musik zu einer veritablen cineastischen Entdeckung, die durch ihre konzentrierte Erzählung und die große schauspielerische Leistung von Conrad Veidt beeindruckt.