Die Geschichte des Kinos in Erlangen ist beinahe so alt wie die Geschichte des Films selbst. Sechs Jahre nach den ersten Filmvorführungen in Paris und Berlin gelangt das neue Medium im Jahre 1900 auch nach Erlangen. Zunächst müssen sich die Besucher noch mit einem Zelt auf der Bergkirchweih begnügen. Hier präsentiert das Lindnersche Kinematographentheater ein buntes Programm aus mehreren hundert kurzen Filmschnipseln den neugierigen Blicken. So ungewohnt sind die neuen Apparaturen, dass ein Wachtmeister vorsorglich Anzeige wegen etwaiger Gefährdung des Publikums erstattet. Erst ein Gutachten des städtischen Gas- und Wasserwerks kann die Ordnungshüter beruhigen.
Anzeige vom 22.12.1909 im Erlanger Tagblatt
Trotz des großen
»Berg«-Erfolges dauerte es jedoch bis 1908 bis Erlangen sein
erstes »Dauerkino« bekam. Am 17. Januar 1908 wird in der Nürnberger
Straße 6 (heute Peek & Cloppenburg) das sog. Edisonum eröffnet.
Es befindet sich im Pratersaal der Gastwirtschaft »Zum Prater«,
wo allabendlich ein buntes Varieté-Programm zum Besten gegeben
wird, zu dem eben auch die Kinematographenvorstellungen gehören.
Nach wenigen Monaten schließt das Edisonum allerdings wieder. Erst
Ende 1909 können sich zwei Filmtheater dauerhaft etablieren. In der
Hauptstrasse eröffnet das Union-Theater, am Bohlenplatz das Zentral-Theater.
Letzteres muss 1914 schließen, Ersteres siedelt nach mehreren Besitzerwechseln
in den sog. Glockensaal um und nennt sich ab 1914 Glockenlichtspiele.
Nach mehreren Anläufen können 1919 die Schwanenlichtspiele in
der Nürnberger Str. 12 eröffnet werden. Im selben Jahr entstehen
die Kammerlichtspiele (»Ka-Li«), die 1924 ihren heutigen Namen
Lammlichtspiele erhalten. 1936 folgt in der Friedrichstraße 1 die
Schauburg, wo zunächst auf einer Extrabühne auch Theater- und
Varieté-Aufführungen gezeigt werden können.
Die Herrschaft der Nationalsozialisten geht auch an den Erlanger Lichtspielhäusern
nicht spurlos vorüber: Während die NSDAP auf dem Schlossplatz
Propagandafilme zeigt, stehen die Kinos z.B. "im Dienste des Winterhilfswerkes
des deutschen Volkes" und geben "Freivorführungen"
für Erwachsene und Jugendliche. Da widmen die Glockenlichtspiele
der HJ das "Sporttagebuch der deutschen Jugend", Programmzettel
wurden mit einem markigen "Heil Hitler!" unterzeichnet, in den
Kinosälen sieht man neben der üblichen Ufa-Unterhaltungs- (später
Durchhalte-)Kost und wackeren Wehrmachtshelden auch die antisemitischen
Hetzfilme Jud Süß und Der ewige Jude.
Die Amerikaner schliessen nach ihrem Einmarsch 1945 zunächst alle Kinos, verkünden jedoch noch im selben Jahr die Wiedereröffnung der Glocken- und Schwanenlichtspiele mit einem Programm amerikanischer Dokumentar- und Spielfilme. Einer der ersten alliierten Filmvorführer ist kein geringerer als Hollywood-Starregisseur Billy Wilder, der mit der Army in die Stadt kommt. Die fünfziger Jahre erleben dann einen wahren Kinoboom in Erlangen; zeitweilig gibt es in der Stadt und in den eingemeindeten Stadtteilen bis zu 12 Kinos, darunter das neuerbaute Corso (560 Plätze) in der Zeppelinstr. 10, das Kolosseum (später Film-Casino) in der Henkestr. 28, das Atrium (900 Plätze) in der Nürnberger Strasse 22 1/2 und das ABC-Filmkunsttheater in der Essenbacher Strasse 13. Die meisten dieser Häuser können sich allerdings auf Dauer der Konkurrenz durch das Fernsehen nicht erwehren und schliessen in den 60er Jahren wieder. Erst 1983 kommt es mit der Errichtung der Manhattan-Kinos wieder zu einem größeren Neubau. Nach Schließung der Erlanger Traditionskinos (Glocken-, Lammlichtspiele und Schauburg) Mitte der 90er Jahre konzentrieren sich die meisten Leinwände nun im Multiplexkino der Cinestar-Gruppe. Erfreulicherweise wurden die Lammlichtspiele inzwischen wieder eröffnet und bieten neben dem E-Werk-Kino eine alternative Spielstätte für anspruchsvolle Programmfilme und Klassiker.
In Zusammenarbeit mit der Galerie Beck, dem Institut für Theater-
und Medienwissenschaft der Universität Erlangen und dem Stadtarchiv
präsentieren wir Ihnen einen Querschnitt durch 101 Jahre Erlanger
Kinogeschichte. Erleben Sie Historisches, Nachdenkliches, Skurriles und
Interessantes als Dia-Show auf zwei Projektionsflächen im Herzen
des Erlanger Theaterviertels. Lassen Sie sich überraschen von der
bunten Programmgeschichte unserer Kinos, vom Flair der zehner, zwanziger
und dreißiger Jahre, den Werbegags der Fünfziger und vielem
mehr. Und wussten Sie, dass in Erlangen nicht nur Filme gezeigt, sondern
auch gedreht wurden?
Das Material wurde gesichtet und zusammengestellt von Daniela König,
Gesine Horz, Celina Henning, Rosanna Janakiew und Andrea Kuhn.