Joe May war ein Filmpionier, ein Tausendsassa des Films: Regisseur, Autor, Produzent - und ein ausgefuchster Werbestratege. Er gilt als einer der produktivsten und anregendsten Regisseure des Weimarer Kinos. Er hat Genres nicht nur publikumswirksam genutzt, er hat Genres kreiert. Zeit seines Lebens erwies sich Joe May als geschickter Verfertiger von Publikumsfilmen, dem immer wieder Werke gelangen, die wichtige Schritte in der Entwicklung der Filmkunst darstellen. An seiner Karriere lassen sich wesentliche Stationen der deutschen Filmindustrie ablesen; denn neben dem fleißigen Regisseur hat auch der Produzent Joe May, Inhaber einer eigenen Filmfabrik und Produktionsleiter der Ufa, Filmgeschichte geschrieben.
Joe May - am 7. November 1880 als Julius Mandl in Wien geboren - kommt durch seine Frau, die Schauspielerin Mia May, 1911 in Hamburg zum ersten Mal mit dem Film in Berührung. In Berlin macht er schnell Karriere. Er entwickelt den Detektivfilm, mischt in seinen Filmen Elemente des Abenteuer- und Sensationsfilms mit Komödiantischem. Ende der 10er Jahre orientiert sich May an den Wünschen des kriegsmüden deutschen Publikums, verliert aber dabei den internationalen Markt nicht aus den Augen: Er wird Produzent und Regisseur von opulenten Ausstattungsfilmen mit großen Schaureizen: der Episodenfilm Veritas vincit (1918/19), der stilistisch abwechslungsreiche 8-Teiler Die Herrin der Welt (1919), der klassische Exotik-Film Das indische Grabmal (1921). Der Kritiker Willy Haas nennt ihn den »König der Supermonumentalfilme«.
May arbeitet bei seinen Filmen mit einem festen Stamm von künstlerischen und technischen Mitarbeitern, zu seinen Entdeckungen gehören neben E. A. Dupont die Autorin Thea von Harbou und der Regisseur Fritz Lang.
Mit Beginn der 20er Jahre spezialisiert sich May auf Melodramen und Gesellschaftsfilme. Glänzend besetzte, technisch versierte, auch immer wieder fotografisch innovative Filme entstehen; Heimkehr (1928), nach der Novelle »Karl und Anna« von Leonhard Frank, und […]Aspahlt. Der Polizeiwachtmeister und die Brillantenelse (1929) sind psychologisch angelegte, auf wenige Personen konzentrierte Melodramen. Im Tonfilm erweist sich May als Spezialist leichter Unterhaltung für den europäischen Markt, der in Filmen wie der spritzigen Komödie Ihre Majestät die Liebe (1930) geschickt seinen in der Stummfilmzeit erworbenen Fundus dramaturgischer und technischer Mittel plündert. 1933 geht Joe May ins Exil. Er muß sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen, 1934 holt ihn Erich Pommer nach Amerika. Mit Billy Wilder als Co-Autor entsteht der erste Hollywood-Film unter maßgeblicher Beteiligung von Emigranten aus Nazi-Deutschland: Music in the Air. Ende der 30er Jahre hält sich May als Regisseur von B-Pictures über Wasser. Mit Fritz Kortner und einem Ensemble deutscher Exilanten entsteht 1943 der Anti-Nazi-Film The Strange Death of Adolf Hitler. 1949/50 realisiert May seinen letzten Film. Er stirbt am 29. April 1954 in Hollywood. (Hans-Michael Bock, Claudia Lenssen (Hg.). Joe May)